Fehlstart in die NFL-Saison Kater in Cleveland

Eine große Geschichte, ein tiefer Sturz, aber mit der neuen NFL-Saison und neuen Stars sollte alles besser werden. Der Hype um die Cleveland Browns war extrem - die Niederlage zum Auftakt allerdings auch.

Cleveland Browns Quaterback-Hoffnung Baker Mayfield
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Cleveland Browns Quaterback-Hoffnung Baker Mayfield


2019 würde alles anders werden. Davon waren nicht nur die Fans der Cleveland Browns überzeugt, auch die Experten sagten: Diese Browns, die sich vor der Saison mit Stars der US-amerikanischen Football-Liga NFL verstärkt hatten, diese Browns gehören auf dem Papier zu den zehn besten Teams. So könnte es klappen mit den ersten Playoffs seit 17 Jahren.

Am vergangenen Sonntag war daher alles für eine große Party angerichtet, doch dann ging gleich das erste Heimspiel der Saison gegen die Tennessee Titans verloren. Und zwar krachend. Quarterback-Hoffnung Baker Mayfield warf drei Interceptions und wurde fünfmal von der Verteidigung der Titans gesacked. Hinzu kamen 18 Strafen für 182 Yards, ein Rekord in der 68-jährigen Geschichte des Teams.

13:34 endete diese in Cleveland so sehnlich erwartete Auftaktpartie. Etliche Fans verließen bereits Mitte des letzten Viertels das Stadion, schon zur Halbzeit hatte es angesichts eines 6:12-Rückstands Buhrufe und Pfiffe gegen das eigene Team gegeben.

Mit Stars aus der NFL verstärkt

Die extrem hohen Erwartungen hat das Team in der Offseason geweckt, in der sie unter anderen Odell Bekcham Jr. von den New York Giants holten. Vielen gilt er als bester Wide Receiver, in jedem Fall ist er einer der spektakulärsten Spieler auf dieser Position.

Ebenfalls von den Giants kam Olivier Vernon als Defensive End, der in der vergangenen Saison auf sieben Quarterback-Sacks in elf Spielen kam. Außerdem verpflichteten die Browns den umstrittenen Kareem Hunt. Der Star-Running-Back war von den Kansas City Chiefs gefeuert worden, nachdem er eine Frau in einem Hotelflur angegriffen und auf sie eingetreten hatte. Die NFL sperrte Hunt für acht Spiele, er steht den Browns erst zur zweiten Saisonhälfte zur Verfügung.

Dass der Hunger nach Erfolg in Cleveland so groß ist, liegt auch in der Geschichte des Teams begründet: Die Browns waren 1946 Gründungsmitglied der All-America Football Conference (AAFC), holten in den ersten vier Jahren sämtliche Meisterschaften. Anschließend gewannen die Browns drei weitere NFL-Titel in der Prä-Super-Bowl-Ära und waren eines der dominierenden Teams der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre.

Alte Browns und neue Ravens

Der Schock kam 1995, als der damalige Besitzer Art Modell entschied, das Team 1996 von Cleveland nach Baltimore zu verlegen. Die Stadt einigte sich mit Modell darauf, dass der Name Browns und die Rechte an der Teamhistorie in Cleveland verbleiben würden, während das neue Team als Baltimore Ravens firmierte.

Doch die Original-Browns nahmen den Kern eines Teams mit, das unter anderen Bill Belichick zusammengestellt hatte, heute erfolgreichster Cheftrainer in der Geschichte der NFL, und das von Browns Spielerlegende Ozzie Newsome, der nun als General Manager der Ravens agiert, systematisch verstärkt wurde. Diese Mannschaft, also die alten Browns, gewann als neue Ravens innerhalb von fünf Jahren nach dem Umzug den Super Bowl.

1999 nahmen die Cleveland Browns den Spielbetrieb wieder auf, konnten jedoch nicht an alte Erfolge anknüpfen. Nur ein Mal (2002) erreichten sie seit 1999 die Playoffs, noch nie stand der Klub im Super Bowl. 2017 wurden die Browns das zweite Team der NFL-Geschichte, das eine Saison mit null Siegen und 16 Niederlagen beendete. Jahrelanges Missmanagement und spektakuläre Draft-Fehlschläge wie Johnny Manziel, Brandon Weeden oder Tim Couch kennzeichneten die vergangenen 20 Jahre.

2019 sollte endlich die Saison sein, in der alles anders wird. Doch die Ernüchterung folgte bereits am ersten Spieltag.

Genauso schlecht wie eh und je?

Delanie Walker machte sich direkt nach dem Spiel bereits über den Cleveland-Hype lustig: "Ihr könnt sie alle krönen, wenn Ihr wollt", sagte der Tight End der Titans den Reportern in der Umkleidekabine, "sie müssen immer noch Football spielen. Sie waren genau das Team, das wir erwartet hatten." Eine höfliche Umschreibung der Tatsache, dass er die Browns für genauso schlecht hält wie in den vergangenen Jahren.

Die Browns sind ein Team mit einem Head Coach in seiner ersten und einem Quarterback in seiner zweiten Saison. Hinzu kommt ein schwerer Spielplan: Bereits in der ersten Saisonhälfte geht es unter anderem gegen den Super-Bowl-Finalisten Los Angeles Rams, zum Erzrivalen nach Baltimore, zu den wieder erstarkten 49ers nach San Francisco, gegen Seattle und Super-Bowl-Sieger New England Patriots. Ein Heimsieg gegen die Titans wäre daher in vielerlei Hinsicht extrem wichtig gewesen.

Am kommenden Montag treten die Browns bei den New York Jets an. Auch dieses Team gilt als klassischer Underachiever, verlor das erste Heimspiel nach einer 16:0-Führung im dritten Viertel noch 16:17 gegen die Buffalo Bills. Verlieren die Browns auch diese Partie, dürften die Chancen auf einen positiven Saisonverlauf dramatisch sinken.

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insgesamt 6 Beiträge
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Buggybear 11.09.2019
1. Das zeigt eigentlich die Faszination des Sports
Im Football werden die Stars zwar extrem gehyped, aber um daraus eine funktionierende Mannschaft mit einem winning Gameplan zu machen braucht es noch ein geniales Trainerteam. Und mit einem funktionierenden Gameplan kann man auch einen Haufen Stars kaltstellen. War eine bittere Lektion für Herrn Mayfield. Aber der ist lernfähig.
patscountry 11.09.2019
2. Dennis Green
Hätte man kurz erwähnen dürfen . Schließlich ist es sein legendäres Zitat , das Walker hier so passend zitiert .
PaulBrown 11.09.2019
3.
Ich war am Sonntag als einer der wenigen Deutschen live im Stadion und bin seit 20 Jahren Browns-Fan, die Stadt hat gebebt und es war alles zubereitet für den ersten Heimsieg zum Kickoff seit 2004 - dass es so nicht kam, musste man im Nachhinein fast von der FactoryOfSadness erwarten...eins ist aber auch klar: eine Saison wurde noch nie in Week 1 entschieden und wir kommen stärker zurück denn je! Am Montag bin ich im MetLife-Sradium, brownslike müsste eine Niederlage am Ende stehen..."müsste" - aber: expect tge unexpected!!!
J.Elway 12.09.2019
4. @PaulBrown
So sieht es aus! Ich war auch vom ersten Auftritt der Broncos bei den Raiders mehr als geschockt, aber in Week 1 kann sowas durchaus passieren. Auf jeden Fall ist viel Luft nach oben - sowohl bei den Browns als auch bei den Broncos! Viel Spaß, Erfolg und ein tolles Spiel in New York!
tallinn1960 12.09.2019
5. Zum Trost für die Browns-Fans
Baker Mayfield ist zur Zeit in den meisten "Ultimate Teams" - von Spielern zusammengestellte Fantasy-Teams in dem Football-Videospiel "Madden 20" - der Quarterback. Man kann ihn in einer sehr leistungsfähigen Version für sein Team erspielen, in dem man "epische Momente" von Mayfield in der letzten Saison nachspielt. Wenn man seither Online gegen andere Spieler antritt, heisst der QB auf beiden Seiten oft Mayfield. Es gibt auch nur wenige, sehr teure, bessere QBs im Spiel bisher. Und auch Beckham Jr. ist da prominent vertreten als enorm starker Wide Receiver in einer "Superstars"-Version. Und der macht wirklich erstaunliche Catches in Situationen, in denen viele andere Wide Receiver im Spiel scheitern, mit ihm werden manche Plays überhaupt erst möglich.
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