NFL-Team Cleveland Browns Die schlauen Verlierer

Letzte Saison waren die Cleveland Browns NFL-Schlusslicht. Betriebsunfall? Nein, nur ein Schachzug vom Chefstrategen DePodesta. Der hat mit überraschenden Manövern erst die Baseball-Liga aufgemischt. Jetzt ist der Football dran.

AFP

Von Philipp Joubert


Paul DePodesta ist ein interessanter Typ, auch wenn man ihm das nicht auf den ersten Blick ansieht. Der 44-Jährige ist 1,75 Meter groß, trägt seine dunklen Locken kurzgeschnitten und eine Brille mit kleinen Gläsern. Er hat in Havard Wirtschaft studiert und anschließend mit seinen Ideen den Baseballsport so verändert, dass Hollywood aus seiner Geschichte einen Spielfilm machte.

In der Major League Baseball arbeitete DePodesta für die Cleveland Indians, die Oakland Athletics, die San Diego Padres und die Los Angeles Dodgers. Dann wechselte er im Januar 2016 die Sportart, "Mr. Fix-It", wie ihn die "New York Times" nannte, soll dem Footballteam Cleveland Browns helfen. Ein Transfer, der für Insider spektakulärer war als die meisten Spielerwechsel.

Rund zwei Monate, nachdem DePodesta seinen neuen Job angetreten hatte, spürte Adam Schefter die ersten Auswirkungen. Schefter arbeitet für ESPN und ist der bestvernetzte NFL-Reporter der USA. Er ist bekannter als die meisten Spieler, Trainer und Verantwortlichen in Amerikas Lieblingssport.

Zum Start der NFL-Transferperiode hatte der Sportsender eine halbtägige Sondersendung angesetzt. Schefter verkündete und kommentierte die neuesten Spielertransfers. Er tat das gewohnt routiniert, doch als er den Einkauf der Cleveland Browns vorlas, musste er zweimal ansetzen und als er eine Minute später fertig war, wirkte Schefter, als könne er immer noch nicht so ganz glauben, was er gerade seinem Millionenpublikum vorgetragen hatte. Die Cleveland Browns, DePodestas Arbeitgeber und in der Vorsaison mit einem Sieg und 15 Niederlagen schlechteste Mannschaft der Liga, hatten den Quarterback Brock Osweiler von den Houston Texans verpflichtet. Osweiler war für die Texaner ein 72-Millionen-Dollar-Flop gewesen, der wahrscheinlich schlechteste Einkauf der gesamten Liga.

Paul DePodesta
Diamond Images/Getty Images

Paul DePodesta

Um zu verstehen, warum Cleveland diesen Spieler haben wollte, muss man sich ein bisschen mit dem Draft-System in der NFL befassen. Es regelt, welche Vereine welche Spieler verpflichten dürfen. Der schlechteste Verein der Vorsaison darf als erster auswählen, dann ist der zweitschlechteste an der Reihe und so weiter. Dieses Auswahlrecht, der sogenannte Draft Pick, soll schwachen Teams die Chance geben, in der neuen Saison mit den besten Talenten wieder erfolgreicher zu werden. Es kann aber auch an andere Teams weitergegeben werden.

Wechselt ein Spieler vor Ende seines Vertrags das Team, gibt sein neuer Arbeitgeber im Tausch entweder einen oder mehrere Spieler oder einen Draft Pick ab. Doch in diesem Fall waren es nicht die Cleveland Browns, die einen Pick an das abgebende Team, die Houston Texans, sendeten. Stattdessen waren es die Texans, die neben Osweiler noch einen wichtigen Draft Pick an die Browns abgaben.

Die Browns taten den Texans einen Gefallen, nahmen ihnen die größte Fehlverpflichtung der letztjährigen Transferperiode ab, und ließen sich dafür fürstlich belohnen. All das war schwer nachzuvollziehen für die meisten langjährigen Beobachter. Schließlich war klar, dass die Browns nicht vorhatten, Osweiler oft einzusetzen. Sie hatten sich den millionenschweren Vertrag des mittlerweile Entlassenen einfach nur aufgebürdet, um mithilfe des Draft Picks noch mehr Wetten auf die Zukunft abschließen zu können.

Das Buch Moneyball und der Film machten DePodesta berühmt

Die Browns waren das große Team der Fünfzigerjahre, rutschten in den folgenden Jahrzehnten aber ins Mittelmaß ab. Die Verantwortlichen überboten sich mit Pleiten, Pech und Pannen - auf und neben dem Feld. Seit fünfzehn Jahren haben die Browns die Playoffs nicht mehr erreicht. Auch der neue Besitzer Jimmy Haslam setzte nach seinem Teamkauf im Jahr 2012 die Inkompetenz fort. Haslam mischte sich ein, heuerte Trainer und Manager und feuerte sie alsbald wieder. Deswegen horchten Beobachter im letzten Jahr auf, als der milliardenschwere Geschäftsmann die Verantwortung weitestgehend an neue Angestellte abtrat. An einen jungen ehrgeizigen Trainer, einen smarten Manager und vor allem an Paul dePodesta, den Haslam als Chief Strategy Officer anheuerte.

DePodesta war Anfang des Jahrtausends durch das Buch Moneyball bekannt geworden. Darin porträtierte Journalist Michael Lewis, wie der Ökonom mit einem Team von Analysten unter der Aufsicht des Oakland-Athletics-Managers Billy Bean die Baseball-Liga MLB auf den Kopf stellte. Spätestens mit der Filmadaption im Jahr 2011, bei der unter anderem Brad Pitt, Jonah Hill und der 2014 verstorbene Philip Seymour Hoffmann mitspielten, wurde dePodesta berühmt.

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Baseball-Film "Moneyball": Freude am (Zahlen-)Spiel

Doch statt im Baseball zu bleiben, versucht sich DePodesta nun im Football an einer ähnlichen Mission. Er durchkämmt diesen konservativen und stark regulierten Sport nach Ineffizienzen. Spieler werden unter seiner Ägide nach statistischen Parametern ausgesucht, wo immer möglich, werden Draft Picks kumuliert und wenn auf so ungewöhnliche Weise wie im März durch die Verpflichtung von Osweiler. Ben Baumer, der in DePodestas Datenteam bei den Mets arbeitete, sagte ESPN: "Das ist die Chance für Paul, es noch mal zu schaffen. Wir alle wollen wissen, ob sich die Methodik von einem Sport auf den anderen übertragen lässt, ob Paul den Blitz ein zweites Mal einschlagen lassen kann."

Vor der vergangenen Saison hatte das Team junge Spieler verpflichtet und die meisten erfahrenen Profis an andere Teams abgegeben. Mit anderen Worten: Die Browns schenkten die Saison bewusst ab. Das führte zu viel Kritik innerhalb der Liga, aber der Plan ging auf. Durch das schwache Abschneiden sicherte sich Cleveland das Recht, als erstes Team aus den Talenten auswählen zu dürfen. Die Wahl fiel auf Myles Garrett, einen 1,96 Meter großen und 123 Kilogramm schweren Verteidiger. Inzwischen gibt es erste Nachahmer dieser Strategie, unter anderem die New York Jets.

Auch weil die Browns jetzt schon eines geschafft haben: ihren Fans endlich Hoffnung zu geben. In der Vorbereitung ist das Team ungeschlagen. Und auch wenn Topspieler Garrett die ersten Wochen mit einem Syndesmoseriss ausfallen wird, ist die Mannschaft jung, aufregend und auf dem Weg nach oben. Es spricht einiges dafür, dass der Blitz ein zweites Mal einschlagen könnte.



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treime 08.09.2017
1. So siehts aus.
Besser: so kann es aussehen. Nicht uninteressant: bei den Tennessee Titans ist ein General Manager am Werk, der einst Jahre unter Bill Bellichyk gelernt hat, wie man ein erfolgreiches Team aufbaut. Die Titans hatte diese Saison übirgens zwei 1st Round Picks. Ach, und wenn der werte Kollege den Artikel mal vervollständigt hätte: Brock Osweiler spielt wieder als Backup bei den Denver Bronocs, die ihn einst gedraftet hatten. Osweiler sollte einst Peyton Manning folgen, einem der besten/erfolgreichsten (statistisch, aber "nur" ein Ring) Quarterbacks. Osweiler konnte nicht ansatzweise ein guter Starter werden, dann folgte im nächsten Jahr Siemian, hinter dem sich nun der einstige bestbezahlte Rookiequarterback einordnen und die 2. Geige spielen muss. Auch eine Geschichte.
Crom 08.09.2017
2.
Deswegen will ich kein Draftsystem in Europa. Absichtlich eine schlechte Saison spielen, um dann im Nachhinein mit Picks zu jonglieren. Da man nicht absteigen kann, muss man sich ja keine Gedanken machen. Nee, danke!
#67 08.09.2017
3. Peyton...
...hat aber 2 Ringe...Wie sein Bruder :-)
100mlblendax 08.09.2017
4. Not yet, Philipp, not yet...
Nun ja, die Browns sind seit Jahrzehnten ein lausiges Team und verfolgen nun seit 2 Jahren die Strategie, sich durch die Abgabe von aktuell brauchbaren Spielern und downtrading im Draft selbst zusätzliche Picks zu sichern, um langfristig ein konkurrenzfähiges Team über den Draft aufzubauen. Jetzt fangen sie also langsam an, für ihre Picks auch potentiell gute Spieler reinzuholen aber vom aktuellen Spielertalent her zählen sie immer noch zu den schwächsten Teams der Liga. Das gilt insbesondere für die wichtigste Position des Quarterbacks, da hat Cleveland weiterhin keine Stabilität. Was auch nicht gerade hilft ist die Tatsache, dass sie mit Pittsburgh, Baltimore und Cincinnati in einer starken Division antreten müssen. Somit haben sie erst mal noch nichts erreicht und bis dahin gilt die alte Regel "The Browns are...well, the Browns". Das sich Ihr No. 1 Pick und größter Hoffnungsträger unmittelbar vor Saisonstart diese Beinverletzung eingefangen hat (ein Mitspieler fiel im Training drauf!), passt dann irgendwie schon wieder ins Bild.
muellerthomas 08.09.2017
5.
Zitat von CromDeswegen will ich kein Draftsystem in Europa. Absichtlich eine schlechte Saison spielen, um dann im Nachhinein mit Picks zu jonglieren. Da man nicht absteigen kann, muss man sich ja keine Gedanken machen. Nee, danke!
Mir ist eh unklar, wie ein solches System - wie von manchen gefordert - auf den europäischen Fussball übertragen werden könnte.
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