NFL-Profi Kasim Edebali "Wenn du kein Superstar bist, kann jeder Tag dein letzter sein"

Football-Profi Kasim Edebali muss seit Jahren von einem Klub zum nächsten wechseln. Trotz ständiger Ungewissheit - der 30-Jährige aus Deutschland sagt: "Die NFL ist das Größte für mich."

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Ein Interview von


Zur Person
  • Tim Sharp/ AP
    Kasim Edebali, 30 Jahre, ist ein Football-Profi aus Hamburg, er spielt seit 2014 in der National Football League (NFL) in den USA. Die ersten drei Jahre kam er bei den New Orleans Saints regelmäßig zum Einsatz. Doch seit zweieinhalb Jahren ist der Verteidiger auf der Suche nach einer sportlichen Heimat. Edebali spielt im Special Team, Ziel der Einheit ist es, der eigenen Offensive oder Defensive eine gute Feldposition zu sichern.

SPIEGEL ONLINE: Herr Edebali, die Philadelphia Eagles sind Ihr siebter NFL-Verein seit März 2017. Ist es für Sie der nächste Neuanfang oder eher die letzte Chance?

Kasim Edebali: Ein bisschen von beidem. Vor zweieinhalb Wochen saß ich noch mit meiner Familie auf der Couch und habe mich entspannt. Und dann hat Philly angerufen und gefragt: 'Kannst du in zwei Tagen spielen?' Ich bin gerade 30 Jahre alt geworden - und ich werde nie Nein sagen, wenn ich ein Angebot bekomme, Football zu spielen. Die NFL ist das Größte für mich.

SPIEGEL ONLINE: Sie spielten in den vergangenen zweieinhalb Jahren in Denver, Detroit, Los Angeles, New Orleans, Chicago und Cincinnati. Nun sind Sie in Philadelphia. Wo sind Sie eigentlich zu Hause?

Edebali: Ich wohne mit meiner Frau und unseren zwei Töchtern in Phoenix. Aber sobald ich irgendwo in der NFL eine Chance bekomme, will ich sie sofort nutzen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Twitter-Profil steht "Outside Linebacker for the Chicago Bears". Die Bears sind nicht mal Ihr letzter Verein, sondern schon der Vorletzte. Macht es keinen Sinn mehr, den Account zu aktualisieren?

Edebali: Ich mache gerne Späße. Aber klar: Meine Vereine wechseln in letzter Zeit so oft, da warte ich, bis ich etwas Stabiles gefunden habe. Dann mache ich ein Update.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Verweildauer lag zwischen acht Monaten bei den Denver Broncos und nur einer Woche bei den Los Angeles Rams. Was war da denn los?

Edebali: Da muss ich etwas ausholen. In der NFL geht es immer um die Kadergröße. 53 Profis des Kaders sind spielberechtigt. Als ich im November 2017 bei den Denver Broncos gehen musste, haben die Detroit Lions mich einen Tag später verpflichtet. Eine Woche später kam mit Dwight Freeney einer der besten Spieler auf meiner Position auf den Markt, Seattle hatte ihn entlassen. Detroit griff sofort zu, somit war auf meiner Position einer zu viel im Kader - ich musste wieder weg.

SPIEGEL ONLINE: Und weiter?

Edebali: Daraufhin hat mein ehemaliger Coach, der mittlerweile bei den Rams arbeitet, mich angerufen und gesagt, dass sie mich für die kommende Saison holen wollen. Dann war ich dort eine Woche, als sich ein Spieler auf einer anderen Position verletzt hatte - und die Rams somit einen neuen Spieler holen mussten. Also musste einer wieder entlassen werden. Und das war ich. Aber am Ende wurde ich trotzdem für die eine Woche bezahlt. Es war also alles gut (lacht).


Die Saisonvorbereitung beinhaltet in der NFL vier Spiele für jeden der 32 Klubs. Während dieser Zeit gehören 90 Spieler zum Team. Bis zum 31. August müssen die Vereine ihre Kader auf 53 Profis reduzieren. Edebali ist als vertragsloser Spieler ins Trainingscamp der Philadelphia Eagles gekommen und hat knapp vier Wochen Zeit, sich für einen Platz im Special Team zu empfehlen. Gelingt ihm das, geht er in seine siebte NFL-Saison. Mit seinen sechs absolvierten Spielzeiten hat Edebali die durchschnittliche NFL-Karrieredauer von 3,3 Jahren bereits deutlich überschritten.


SPIEGEL ONLINE: Derzeit sind Sie bei den Philadelphia Eagles. Wie sind Sie ins Trainingscamp gereist - mit großem Koffer oder leichtem Gepäck?

Edebali: Mit einem kleinen Rucksack, der reicht. Im Trainingscamp brauche ich nicht viel, es kommt darauf an, schnell zu lernen. Ich habe an einem Montag einen Anruf bekommen, ob ich Donnerstag spielen kann? 'Na klar', habe ich geantwortet, musste aber noch das ganze Playbook lernen (das Playbook ist ein Ordner mit allen Spielzügen/d. Red.). Aber darauf kommt es an, man muss sich ganz schnell an eine neue Umgebung, Mitspieler und ein neues System anpassen können. Wer das nicht kann, wird ganz schnell wieder entlassen.

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Kasim Edebali aus der NFL: Der Wanderer

SPIEGEL ONLINE: Was sagt es über Sie aus, dass Sie in zweieinhalb Jahren sieben Vereine hatten?

Edebali: Entweder mache ich etwas falsch oder viel richtig. Ich habe jedenfalls schon so einige Jungs gesehen, die wurden bei einem Verein entlassen und haben nie wieder eine Chance bekommen. Aber bei mir ist das anders. Die Klubs und Trainer wissen, dass sie mit mir einen erfahrenen Spieler bekommen, einen, der immer Vollgas gibt, immer 100 Prozent. Deswegen bekomme ich weiter Anrufe.

SPIEGEL ONLINE: Diese vielen Trennungen sind doch ein unwürdiges Spiel.

Edebali: American Football ist ein professioneller Sport, da ist nichts garantiert, und wenn du in dieser Liga kein Superstar bist, kann jeder Tag dein letzter sein.

SPIEGEL ONLINE: Und wie fühlen Sie sich damit?

Edebali: Ich nehme die Trennungen nicht persönlich, die darf man sich nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ich habe zum Beispiel immer noch ein gutes Verhältnis zu meinen Coaches in New Orleans und bin mit denen in Denver und Chicago in Kontakt - obwohl mich alle rausgeschmissen haben. Für mich steht fest: Solange mich jemand will, spiele ich weiter.


Viele Verträge in der NFL sind stark leistungsbezogen geregelt: Zum Beispiel wird vergütet, ob man am Spieltag im Kader steht, bei wie vielen Spielzügen man auf dem Platz ist oder ob man es in das Allstar Game, den Pro Bowl, schafft. Gängig ist auch eine Prämie für die Vertragsunterschrift.


SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie sich gefragt, ob das alles noch Sinn macht?

Edebali: Noch nie. Ich habe Deutschland 2007 verlassen, zwei Jahre an einer Highschool in New Hampshire gespielt und dann fünf Jahre am Boston College. Als ich am College fertig war, war ich schon sehr glücklich. Aber dann kam mein erstes NFL-Jahr. Da hatte ich dann wirklich alles erreicht, was ich mir als Kind hätte vorstellen können. Deshalb ist jedes weitere Jahr, jeder Spielzug ein Bonus.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
uckermark 22.08.2019
1. nicht prekär
Klingt alles etwas prekär, ist es wohl aber nicht: https://www.spotrac.com/nfl/philadelphia-eagles/kasim-edebali-15024/cash-earnings/
bwnetcs 22.08.2019
2. Einkommen
Wenn man das Wort "unwürdig" in den Mund nimmt, darf man auch nicht vergessen, dass Herr Edebali von 2014-2018 ca. 3,4 Millionen USD verdient hat. Und das, ohne nennenswert Spielzeit. Also für einen Lückenfüller schon ganz nett. Da würde ich auch bei jedem Anruf "ja" sagen
Lankoron 22.08.2019
3. Nun ja, man
sollte auch nicht vergessen, wie viele Spieler jährlich neu oder wieder auf den Markt drängen...jünger, schneller, unverletzt... Das Geschäft NFL ist nun mal hart, noch härter als im Fussball. Aber auch hier gibt Spieler, die von Pontius zu Pilatus verkauft und verliehen werden. Und man sollte auch nicht vergessen, dass die Gehälter der NFL-Profis deutlich höher sind als hierzulande bei Fussballern. Wir reden von einem jährlichen Mindestgehalt von einer halben Million, wenn man es ins 53er Rooster geschafft hat
online_king 22.08.2019
4. Zu wenig
um sich ein ausreichendes finanzielles Polster anzusparen, von dem er und seine Familie nach der NFL-Karriere leben können. 700.000 $ pro Jahr sind nicht übel, für einen NFL-Spieler aber ein Witz. Es geht ja auch noch die Steuer davon ab, und Leben in den USA ist auch teurer als in D. Er ist jetzt 30, die ganz große Kohle wird er eh nicht mehr machen. Was macht er in 10 Jahren und danach? Für den Wechsel in einen "normalen" Job ist es zu spät. Ausbildung, Studium, Berufserfahrung - wahrscheinlich ist nichts davon vorhanden. Schwierige Situation.
cs01 22.08.2019
5. @Nr.4
Er hat im College gespielt, ich gehe davon aus, dass er dort einen Abschluss gemacht hat. So viele deutsche Ex-NFL-Spieler gibt es auch nicht, zur Not sollte er in D bei einem Fernsehsender unterkommen, die NFL boomt hier gerade. Und von dem Geld, was er verdient hat, hat er auch bestimmt ein kleines Überbrückungspolster angelegt. Ausgesorgt hat er nicht, aber einen besseren Start, als ein Langzeitstudent in D, der mit 30 von der Uni kommt, hat er allemal.
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