Kicker in der NFL Der einsamste Job der Welt

In der NFL geht es selten um die Kicker. Außer wenn sie versagt haben. Die Position ist für rund ein Drittel aller Punkte verantwortlich, doch meistens gibt es Spott statt Anerkennung.

Matt Bryant, einer der besten Kicker der NFL-Geschichte, verlor nach dem vergangenen Spieltag seinen Job bei den Atlanta Falcons
Ross D. Franklin/AP

Matt Bryant, einer der besten Kicker der NFL-Geschichte, verlor nach dem vergangenen Spieltag seinen Job bei den Atlanta Falcons


Als Cody Parkey am 7. Januar 2019 das Soldier Field in Chicago betrat, hätte er zum Helden werden können. Sein Team, die Bears, lagen im eigenen Stadion in der ersten Runde der NFL-Playoffs gegen die Philadelphia Eagles mit nur einem Punkt zurück. Der 26-Jährige sollte zehn Sekunden vor Schluss aus 43 Yards ein Fieldgoal schießen, die drei Punkte würden Chicago in die nächste Runde bringen. Was folgte, sollte als "Double Doink" in die NFL-Geschichte eingehen.

Parkey lief an und beförderte den Football durch den Nachthimmel. Nach 43 Yards, umgerechnet rund 39 Meter, traf der Ball zunächst den linken Innenpfosten, fiel dann herunter auf die Querlatte und prallte von dort zurück ins Feld. Kein Fieldgoal, keine Punkte - Chicago war ausgeschieden, die Saison vorbei.

Die Fans im Netz reagierten mit Spott, Parkeys Fehlschuss wurde zur Vorlage für zahlreiche Memes. In teilweise geschmacklosen Kommentaren wurden verschiedene Konsequenzen gefordert, darunter auch die Entlassung des 27-Jährigen. Im März trennten sich die Bears von Parkey.

Chicagos Kicker-Casting

Während der spielfreien Zeit veranstaltete Cheftrainer Matt Nagy eine Kickersuche, die manche als verrückt bezeichnen: Nicht weniger als neun Kicker wurden zum Trainingslager der Bears einbestellt.

Bei diesem Casting mussten die Kicker unter anderem in totaler Stille vor den Augen des ganzen Teams und der Trainer aus 43 Yards ein Fieldgoal schießen - exakt die Entfernung, aus der Parkey verschossen hatte. Mike Westhoff, ein Assistenztrainer mit jahrzehntelanger NFL-Erfahrung, bezeichnete den Prozess als "lächerlich". Nicht, dass er sich nicht mehrere Kicker anschauen würde - "aber neun Leute auf einem Haufen gegeneinander antreten lassen? Das ist eine Farce."

Der Gewinner des Castings war Eddy Piñeiro, der zwar zu den besten Kickern im College-Football gehörte, aber noch kein NFL-Spiel absolviert hatte. Und Piñeiro lieferte: Am zweiten Spieltag der neuen Saison schoss er die Bears bei auslaufender Zeit mit einem Fieldgoal aus 53 Yards zum Sieg bei den Denver Broncos.

Im Schnitt immer besser, aktuell aber nicht

Fieldgoals aus mehr als 50 Yards Entfernung sind besonders schwierig. In der vergangenen Saison lag die Trefferquote bei 63,8 Prozent, während sie bei Versuchen unter 40 Yards weit über 90 Prozent betrug. Im langfristigen Vergleich haben sich die Kicker in der NFL deutlich verbessert. Noch in den Neunzigerjahren waren nur 45 Prozent aller Versuche aus mindestens 50 Yards erfolgreich.

Doch in der ersten Hälfte dieser Saison ist tatsächlich so etwas wie eine Krise unter den Kickern zu erkennen: Nach acht Spieltagen gab es schon 120 Fehlschüsse, Fieldgoal- und Extrapunkt-Versuche zusammengerechnet. Das ist ein neuer Rekord.

Die Krise betrifft Neulinge genauso wie Veteranen. Kicker-Legende Adam Vinatieri von den Indianapolis Colts steht in dieser Saison aktuell bei einer Gesamtquote von 73,3 Prozent, der schlechteste Wert seiner 23-jährigen Karriere in der NFL. Nachdem Vinatieri in den ersten beiden Spielen zwei Fieldgoals und drei Extrapunkte verschossen hatte, dachte er laut über einen Rücktritt nach. Die Colts überzeugten den 46-Jährigen vom Verbleib, vergangenen Sonntag dankte er es ihnen gegen Denver mit einem spielentscheidenden Treffer aus 51 Yards, zwei Sekunden vor Schluss.

Es fehlt die Anerkennung

Ein NFL-Kicker soll ein etwa 400 Gramm schweres, ledernes Ei aus teilweise 50 bis 60 Metern Entfernung zwischen zwei Pfosten hindurchschießen, die nur 5,63 Meter auseinander liegen - während ein Haufen muskulöser Männer auf ihn zu stürmt, um genau das zu verhindern. Bei Wind und Wetter, bei Zehntausenden von johlenden Zuschauern.

Das Publikum, die Verteidiger, das Wetter - ein Fieldgoal zu treffen ist deutlich schwieriger, als es die TV-Bilder vermuten lassen
Patrick Smith/AFP

Das Publikum, die Verteidiger, das Wetter - ein Fieldgoal zu treffen ist deutlich schwieriger, als es die TV-Bilder vermuten lassen

Respekt vor dieser Leistung gibt es nur in Maßen. Selten nehmen die Kicker am Teamtraining teil, viele Mannschaften haben noch nicht mal einen eigenen Kicking-Coach. Es wird schlicht erwartet, dass sie zum Spiel erscheinen und treffen. Jubel von den Fans gibt es meist nur bei einem entscheidenden Fieldgoal kurz vor Spielende. Ein Treffer gilt als Selbstverständlichkeit, ein Fehlschuss gleich als Patzer. Wer häufiger verschießt, wird schnell als Depp wahrgenommen, der seinen Job nicht ordentlich macht.

Entsprechend schnell beginnt die Suche nach besseren Lösungen. Allein am vergangenen Spieltag wurden drei Kicker (Matt Bryant von den Atlanta Falcons, Mike Nugent von den New England Patriots und Chase McLaughlin von den Los Angeles Chargers) nach Fehlschüssen entlassen.

Eddy Piñeiro fand sich am Sonntag gegen die Chargers in einer ähnlichen Position wieder wie Cody Parkey neun Monate zuvor: Heimspiel, die letzte Aktion der Partie, ein Punkt Rückstand. Dieses Mal war es kein K.-o.-Spiel und der Ball lag zwei Yards näher am Ziel als bei Parkeys Versuch aus 43 Yards. Piñeiro verschoss und Chicago verlor das Spiel.

Es war Piñeiros dritter Fehlschuss in 15 Versuchen, was eine gute Trefferquote von 80 Prozent ergibt. Doch das spielte keine Rolle, die Zuschauer ergossen ihre Häme über dem 24-Jährigen, alte Parkey-Memes wurden wieder aufgewärmt.

Kicker in der NFL bleibt einer der einsamsten und undankbarsten Jobs der Welt.



insgesamt 7 Beiträge
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heijfis 03.11.2019
1. Erinnerung
an einen Superstar der kickenden Gilde in der NFL : unser Manni Burgsmüller !
cehbeh 03.11.2019
2.
Im Artikel wurde verschwiegen, dass die Herren für ihre vergleichsweise weniger anspruchsvolle Arbeit im Durchschnitt über 1,5 Mio. $ pro Jahr erhalten. Dafür kann man dann schon Leistung erwarten. Ansonsten ist es wie bei jeder anderen Position in der NFL: Not for long.
elmarwa 03.11.2019
3.
Werden die kicker denn wenigstens fürstlich entlohnt?
Doc Holmes 03.11.2019
4. Laien
Ich wette, das diejeinigen, die am lautesten brüllen, noch nie Kicker waren. Es ist immer soooo leicht, andere runter zu machen, wenn man nicht weiss, wie schwierig der Job ist. Aber das zeigt ganz gut den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft, Trump macht es ja vor. Alle anderen sind Idioten.
cs01 03.11.2019
5.
Zitat von heijfisan einen Superstar der kickenden Gilde in der NFL : unser Manni Burgsmüller !
Burgsmüller hat nie NFL gespielt.
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