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04. November 2018, 14:31 Uhr

NFL-Kicker Adam Vinatieri

Der undankbarste Job im Football

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Kicker gehören beim American Football zu den besten Punktejägern der NFL, bekommen aber nur selten die Anerkennung, die sie verdienen. Der 45-jährige Adam Vinatieri ist eine Ausnahme.

Ein Mann lacht in die Kamera. Dabei hält er einen Zettel hoch, auf dem eine Zahl steht: 2550. Das Foto ist schwarz-weiß. Auch wenn es anders scheint, das Bild ist aktuell.

Es zeigt Adam Vinatieri von den Indianapolis Colts. Die Zahl auf dem Zettel? Das sind die Punkte, die der Kicker in seiner bisherigen NFL-Karriere erzielt hat. 2550 - ein neuer Rekord, ganz frisch von Vinatieri aufgestellt. Kein NFL-Profi hat mehr Punkte erzielt.

Der Stil des Fotos erinnert an einen anderen Rekordhalter des US-Sports: Wilt Chamberlain. Von ihm existiert ein ähnliches Bild. Es dokumentiert die 100 Punkte, die der ehemalige NBA-Profi in einem Spiel erzielt hat.

Chamberlain ist eine Legende, Vinatieri ebenfalls. Der 45-Jährige spielt seit 1996 in der NFL. In zwei Super Bowls erzielte er die entscheidenden Punkte, sicherte seinem Team, den New England Patriots, jeweils die Meisterschaft. Insgesamt hat er vier Super Bowls gewonnen.

Position des Kickers ist undankbar

Vinatieri ist einer der wenigen NFL-Kicker, die geschätzt werden. Die Position ist undankbar, obwohl sie so wichtig ist. Unter den 15 Spielern, die am meisten Punkte pro Spiel erzielen, sind derzeit elf Kicker. Sie entscheiden regelmäßig über Sieg oder Niederlage.

Zugegeben: Die Aufgabe eines Kickers ist weniger spektakulär als die eines Quarterbacks. Ein Kicker kommt auf das Feld, um nach einem Touchdown den Extrapunkt zu schießen ("PAT, point after touchdown"). Und wenn die Offense es nicht in die Endzone schafft, versucht der Kicker ein Fieldgoal. Egal, ob der Treffer aus über 50 oder nur aus 15 Yards zwischen die Stangen geht - es gibt drei Punkte.

Das Problem: Trainer und Fans erwarten, dass Kicker jeden Versuch verwandeln. In dieser Saison gibt es 14 Teams, deren Kicker noch keinen einzigen PAT verschossen haben. Ravens-Kicker Justin Tucker verwandelte 222, beim Spiel gegen die New Orleans Saints neulich verfehlte er zum ersten Mal in seiner gesamten Karriere. Er konnte es selbst kaum glauben.

Selbst bei den Fieldgoals gibt es mit den Atlanta Falcons, den Carolina Panthers und den Jacksonville Jaguars noch drei Teams, deren Kicker bei 100 Prozent liegen. 23 der 32 Teams verwandeln mindestens 80 Prozent. "Heute wird von dir erwartet, dass du 85 Prozent der Fieldgoals triffst", sagt Vinatieri in der "Dan Patrick Show". Das ist auch fast die Quote, die Vinatieri seit 1996 auflegt.

Wenn die Mitspieler gut blocken, kommt ein Kicker in der Regel frei zum Schuss. Im Vergleich zu anderen Football-Spielern wird er nur selten zu Boden gerissen. Fans urteilen schnell: "Ein Kick? Ist doch einfach." Wer verschießt, wird zum Buhmann. Oder gefeuert. Die Minnesota Vikings, die Cleveland Browns und die Dallas Cowboys haben in dieser Saison bereits Kicker entlassen. "Wenn du als Kicker das Feld betrittst, bist du nur zwei schlechte Spiele davon entfernt, dass sie dich nach Hause schicken", sagt Vinatieri.

"Der mentale Aspekt ist beim Kicking besonders wichtig"

Was Fans oft vergessen: Der Ablauf bei einem PAT und einem Fieldgoal ist komplex. Und anfällig. Der Kicker läuft los, sobald der Long Snapper den Ball durch seine Beine nach hinten wirft. Der Holder fängt ihn und stellt ihn so auf die Spitze, dass der Kicker ihn treten kann. Die Naht sollte dabei weg vom Kicker zeigen. Ist der Snap schlecht oder der Holder stellt den Ball falsch auf, gerät der exakt geplante Ablauf durcheinander. Leidtragender ist der Kicker. Auch das Wetter beeinflusst den Kick.

"Der mentale Aspekt ist beim Kicking besonders wichtig", schreibt Vinatieri im "Esquire". "Wir stehen die meiste Zeit an der Seitenlinie. Aber wenn wir reinkommen, müssen wir den Kick machen. Der Druck ist groß." Manche NFL-Trainer wollen das nutzen und greifen zu einer Taktik, die "Icing the Kicker" heißt. Dabei nimmt ein Team kurz vor dem Kick eine Auszeit, um den gegnerischen Kicker aus dem Konzept zu bringen.

Vinatieri kennt diesen Trick, doch er ist erfahren genug. Mit seinem neuen Rekord hat er übrigens Morten Andersen verdrängt. Der spielte 25 Jahre in der NFL. Auch er war ein Kicker.

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