Protestaktionen in der NFL "Einige sollten die Augen öffnen"

Nach Donald Trumps Äußerungen hält die Protestwelle in der NFL die Sportwelt in Atem. Ex-Footballprofi Markus Kuhn hat für das Verhalten des Präsidenten klare Worte und rät weißen US-Bürgern zu mehr Empathie.

Dallas Cowboys
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Ein Interview von und Philipp Awounou


Zur Person
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    Markus Kuhn, Jahrgang 1986, ist ein ehemaliger deutscher American-Football-Profi. Er war vier Jahre lang für die New York Giants in der NFL aktiv (2012-2015). Seit seinem Karriereende ist er als TV-Experte und Co-Kommentator tätig.

Spiegel Online: Herr Kuhn, wie haben Sie die Protestwelle am 3. Spieltag der NFL wahrgenommen?

Kuhn: Hier in den USA herrscht bereits seit einiger Zeit großer Aufruhr. Vor allem, nachdem Colin Kaepernick begonnen hatte, bei der Hymne das Knie zu beugen anstatt zu stehen. Das schlägt immer größere Wellen. Nun haben die Äußerungen von Präsident Donald Trump offenbar viele andere Spieler oder sogar ganze Teams dazu motiviert, während der Hymne zu protestieren.

Spiegel Online: Die Medien reagierten überwiegend positiv, auf den Zuschauerrängen allerdings wurden die protestierenden Spieler teilweise lautstark ausgebuht. Was halten sie davon?

Kuhn: Viele Fans wollen nur ihren Sport sehen. Sie denken sich: Ihr seid Sportler, warum redet ihr überhaupt über Politik? Im US-Sport heißt es oft: Don't mix politics with sports.

Spiegel Online: Es scheint außerdem, als seien die Gründe für die Protestaktionen vielen nicht bewusst.

Kuhn: Stimmt. Keiner der Spieler protestiert gegen die Nationalhymne, sie protestieren während der Hymne. Es geht ihnen um die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen.

Spiegel Online: Können Sie das nachvollziehen?

Kuhn: Wenn man, wie ich, zehn Jahre hier in den USA lebt, dann sieht man diese Ungleichheit schon. Leider Gottes hat man es allgemein als Schwarzer in den USA nicht so gut wie als Weißer. Und es ist richtig, dass man darauf aufmerksam macht. Die schwarzen Jungs nutzen ihre Plattform sehr gut.

Spiegel Online: Was ist mit den weißen Athleten? Viele zeigten sich solidarisch, selbst das Knie gebeugt hat während der Hymne bisher allerdings keiner.

Kuhn: Wenn man als Weißer in den USA aufwächst und diese Ungleichheiten nicht wahrnimmt, denkt man sowohl als Fan als auch als Spieler vielleicht: "Euch Schwarzen geht es doch gut, ihr verdient doch Millionen, warum beschwert ihr euch überhaupt?" Einige Leute sollten vielleicht die Augen öffnen und etwas mehr Empathie zeigen dafür, wie es manchen Schwarzen in den USA wirklich geht. Ich denke, wenn ich selbst noch aktiv wäre, würde ich meine dunkelhäutigen Teamkollegen wie viele andere unterstützen.

Spiegel Online: Was halten Sie von den Vorwürfen, die Boykottierer der Hymne würden ihr Vaterland verraten und die Ehre vieler Männer beschmutzen, die für die USA gekämpft haben?

Kuhn: Jeder Soldat, mit dem man spricht, redet von der Freiheit, die die USA groß und den amerikanischen Traum möglich gemacht hat. Dafür haben sie gekämpft. Diese Freiheit bedeutet auch, sich während der Nationalhymne niederknien zu dürfen. Natürlich hat umgekehrt auch jeder die Freiheit, sich darüber zu beschweren. Dass aber ein Präsident die knienden Spieler als "Hurensöhne" bezeichnet und fordert, dass sie gefeuert werden sollen, ist absolut unangebracht.

Spiegel Online: Später hat Trump seine Anhänger auch noch zum Boykott der NFL aufgerufen, so lange Spieler den Hymnenprotest fortsetzen.

Kuhn: Das ist definitiv nicht in Ordnung. Ich glaube, Trump hat mit der NFL auch ein persönliches Problem. Vor vielen Jahren wollte er einmal eines der Teams kaufen, erhielt jedoch von der Liga nicht den Zuschlag. Mit Blick auf die Probleme in der Welt finde ich, dass Trumps Hauptaugenmerk aktuell ohnehin nicht auf dem Sport liegen sollte. Es ist nicht sein Thema.

Spiegel Online: Viele sind der Meinung, dass der Präsident die USA mit seinem Verhalten weiter spaltet.

Kuhn: Ich denke, die moderne US-Gesellschaft ist schon lange auseinandergedriftet. Es war nur selten zuvor so offensichtlich. Es fehlt auch schlicht an Aufklärung. Vor nicht allzu langer Zeit durften Schwarze und Weiße noch nicht heiraten, Schwarze konnten nicht in jedes Restaurant gehen. Das ist alles noch nicht sehr lange her. Wir Deutschen haben schon in der Schule viel über die Verfehlungen des Dritten Reichs gelernt. Vielleicht muss man auch in den USA das Bewusstsein dafür stärken, dass in der Vergangenheit nicht alles perfekt gelaufen ist.



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admin-by 26.09.2017
1. Ich liebe ...
solch klaren und vor allem durch und durch richtigen Worte. Gar nicht so unwichtig: Dieses Interview zeigt, warum American Football (in Europa zu oft verschrieben als Sport von hirnlosen "Riesen") ein so toller Sport ist. Er vereint "Dicke" und "Dünne", er ist ein Volkssport, er ruft zu Teamgeist auf und man benötigt viel Grips (eben nicht nur für hunderte, in der NFL, tausende von Spielzügen, die auch während eines Spiels noch geändert werden). Danke Markus Kuhn für diese klaren Worte über Sport & Politics und die Sicht auf den "Rassenhass" in den USA. Zuletzt: NFL-Spieler (bei weitem nicht alle) können sehr reich werden, die meisten sind sehr viel reicher als der us-amerikanische Durchschnitt, aber die afroamerikanischen Spieler wissen, wie schnell sie durch den Alltagsrassismus der US-Polizei in lebensgefährliche Situationen geraten können, nach dem Motto: "Was macht der Nigger mit der weißen Frau im Porsche in 'meinem' Stadtteil?" ... schon kontrolliert der Polizist das Auto - und jede ! falsche Bewegung kann zum tödlichen Schuss führen.
Bueckstueck 26.09.2017
2. Interessantes Detail
Als Kapernick vor einem Jahr (da war ja noch Obama Präsident) begann, blieb er einfach auf der Bank sitzen und kaum einer nahm Notiz. Ein Irak/Afghanistan Veteran, ein Weisser, riet ihm dann dazu stattdessen neben seinen Teamkollegen auf das Knie zu gehen um deutlich zu machen, dass er eben nicht die Flagge boykottiert sondern sie ehrt in dem er für alle sichtbar mahnt was unter den Idealen für die sie steht gerade falsch läuft. Begründet hat er das so: Gefallene Kameraden im Krieg haben sie genau so ihre Ehre erwiesen und keineswegs Land und Flagge geringgeschätzt. Und Kabernick hat es seither genau so getan. Nur wurde und wird es von ganz bestimmten Gruppen falsch interpretiert, inklusive dem spaltenden Präsidenten Trump. Trump ist ein Rassist, anders lässt sich dieser Vorgang angesichts seiner mehrfachen Entgleisungen seit Charlottesville nicht mehr erklären. Er hofiert Rassisten sowie Faschisten und spricht heute nicht-Weissen das Recht auf den ersten Verfassungszusatz ab, nämlich das Recht auf freie Meinungsäusserung überall und zu jeder Zeit. Hässliches Detail: Trump beschwert sich über die Regelauslegung in Bezug auf Fouls im American Football. Seiner Meinung nach würde die "Schönheit der Gewalt" im Football heute unterdrückt indem die Spieler zu sehr geschützt würden. Und das in Zeiten wo Gehirnschäden durch überharte tacklings ein riesen Thema sind und für massive Verunsicherung von Eltern Footballspielender Kinder und Jugendlicher sorgt. Von den Profis und ihrer Angehörigen ganz zu schweigen. Aber das sind ja auch viele Schwarze, um die scheint es in Donalds Gedankenwelt nicht schade zu sein... Dieser Kerl ist einfach nur in jeder Hinsicht unerträglich.
quacochicherichi 26.09.2017
3.
Zitat Kuhn: "Vielleicht muss man auch in den USA das Bewusstsein dafür stärken, dass in der Vergangenheit nicht alles perfekt gelaufen ist." und in der Gegenwart vieles auch nicht perfekt läuft, wäre noch hinzufügen. Wenn aber berechtigte Kritik auf nationalistische Empörung trifft, gibt es keine konstruktive Debatte. Das ist wie mit einem religiösen Fundamentalisten zu diskutieren. Die USA haben m.E. eine falsche Wahrnehmung ihres Militärapparates, ihre Soldaten sind die Guten, sie begehen keine Gräueltaten, kämpfen und sterben für die Freiheit. Dieses Märchen erzählt man den US-Bürger seit Jahrhunderten, und die Meisten glauben es. Die einzige Freiheit für die sie tatsächlich kämpfen, ist die Freiheit des Grosskapitals, und die Vertreter dieser Kaste schicken selbstverständlich nicht die eigenen Söhne in den Krieg (siehe Bush, Trump). Dafür gibt es Arme, und das sind meistens Schwarze. Wenn dann einer der Soldaten im Leichensack nach Hause zurückkehrt, macht man in flugs zu einem Helden, das übertüncht dann die Sinnlosigkeit des Todes. Ich weiss, nur ein Teil der US-Bürger ist so ignorant wie ihr Präsident, ich hoffe der andere Teil verstärkt den Protest. Ich wünschte mir mehr Sportler und Prominente würden sich noch stärker daran beteiligen. Die aberwitzigste Forderung ist die, Sport und Politik nicht zu vermischen, dann schafft alle Sportveranstaltungen ab, sie sind bereits alle von der Politik vereinnahmt worden. Ich wünschte mir wieder den Mut und Idealismus aus den 70er, als Musiker und Sportler nicht darauf schauten welche folgen es für ihr Bankkonto hat, wenn sie für ihre Ideale einstehen. Fegt den "Sohn einer Liebesdienerin" aus dem weissen Haus.
Joe Sarian 26.09.2017
4. Markus Kuhn hat da schon auf einige Dinge richtig hingewiesen......
... wenn man dann über den (richtig beschriebenen) Nachholbedarf an Reflektion der Amerikaner nachdenkt (ich selbst war Austauschschüler im Mittleren Wetsen der USA 1980)..und gleichzeitig den Hinweis auf den deutschen Geschichtsunterricht betrachtet.... Nun, ich denke, die Amis sind mal nur wieder Trendprägend.... denn wir haben die nationalistischen Idioten ja plötzlich auch aus allen Löchern kriechend.... trotz Geschichtsunterricht. Time to kneel, sit and find solidarity for humanity, people! Wo sind unsere "Sportprofis gegen Rechtspopulisten"? Lets go Joe
M. Vikings 26.09.2017
5. Sie nehmen das ihnen von der Verfassung garantierte Recht war.
Was bildet sich Trump ein sich über die Verfassung zu stellen und die Besitzer aufzufordern diese Spieler zu entlassen. Ich bin froh und voll und ganz mit der Erklärung und der Reaktion meines Lieblingsvereins einverstanden. Minneapolis 25. Sept. 2017 "Professionelle Sportarten bieten im Gegensatz zu anderen eine Plattform, die Menschen mit einer Vielzahl von Hintergründen zusammenbringen kann, um positive Veränderungen in unserer Gesellschaft zu beeinflussen. Als Besitzer ist es unsere Aufgabe ein Umfeld zu fördern, das die Vielfalt des Denkens erkennt und schätzt und es ermutigt diese Plattform konstruktiv zu nutzen. Anstatt partizipative Aussagen zu machen, glauben wir an eine nachdenkliche, inspirierende Konversation, die unsere Gemeinschaften vereint. Wir sind stolz auf unsere Spieler, Trainer und Mitarbeiter für die wichtige Rolle, die sie in unserer Gemeinde spielen, und wir unterstützen ihr konstitutionelles Recht, respektvoll und friedlich ihren Glauben auszudrücken." Danach standen die Besitzer Zygi and Mark Wilf und General Manager Rick Spielman auf der Seitenlinie, eingehakt mit den Vikings-Spielern, als die Hymne im U.S. Bank Stadium gesungen wurde. So, ähnlich oder schärfer haben letztes Wochenende die meisten Teams der NFL auf die Äußerung Trumps reagiert. Trump hat die Besitzer dazu gebracht sich mit den wenigen Spielern zu solidarisieren, die den Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt getragen haben. Vielen Dank für Ihre Unterstützung Herr Trump. Bitte weiter so.
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