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Früherer NFL-Spieler Venzke "Ich bin durch die Hölle gegangen"

Patrick Venzke war der erste deutsche Footballspieler in der NFL, für seine Karriere nahm er Verletzungen und Demütigungen in Kauf. Doch nun hat der 40-Jährige Angst vor Spätfolgen: Er merkt, dass der Sport sein Gehirn verändert hat.

Patrick Venzke wischt sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. Er ist nervös vor dem Gespräch mit dem SPIEGEL, das merkt man dem Zwei-Meter-Koloss an, vor allem aber haben ihm die zwei Stockwerke in dem Café in der Essener Innenstadt zu schaffen gemacht. Die Knie, der Rücken, das Gewicht: Venzke, 40, kämpft mit seinem Körper. Er sagt: "Ich bin für den normalen Alltag nicht gemacht."

Venzke war professioneller Footballspieler in der nordamerikanischen NFL, der erste Deutsche. Er war eine Kampfmaschine, spezialisiert auf das Blocken der Gegner. "Ein Mutant", sagt er, in einer Welt voller Mutanten. Doch vor etwa fünf Jahren hat er aufgehört mit dem Footballspielen, er hat die Welt verlassen, in der alles größer, schwerer und heftiger ist. Seitdem hat Venzke angefangen, Fragen zu stellen, vor allem sich selbst. War das wirklich so gut?

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NFL-Spieler Venzke: Der Football-Pionier

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Vor ein paar Wochen meldete er sich bei SPIEGEL ONLINE, weil er dort über die möglichen Folgen von Gehirnerschütterungen bei Footballspielern gelesen hatte. Er beschäftige sich auch mit dem Problem, schrieb er, und stelle an sich selbst fest, dass sich sein Verhalten und seine Wahrnehmung verändert hätten. "Es ist ein Thema, das in der NFL totgeschwiegen wird", sagte er bei einem ersten Telefonat, "aber ich will, dass das Bewusstsein dafür wächst."

Venzke kennt die Mechanismen der NFL

Venzke lebt mit seiner Familie in Idaho, seinen 40. Geburtstag verbringt er in der deutschen Heimat. Er ist bereit zu einem Interview, "damit mehr Menschen verstehen, wie dieser Sport funktioniert". Venzke war nie einer der ganz Großen in der NFL, er war Offensive Tackle und stand nicht in der Startformation der Jacksonville Jaguars. Aber er war über viele Jahre Teil der amerikanischen Milliardenmaschine Football, er kennt die Mechanismen. "Zu meiner aktiven Zeit hätte ich dieses Interview nicht geben können", sagt er. "Es hätte mich meine Karriere gekostet." (Lesen Sie hier das vollständige Gespräch im aktuellen SPIEGEL.)

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In der NFL gilt das Gesetz: Wer es nach ganz oben schaffen will, muss still sein. Er muss körperliche und psychische Qualen ertragen, ohne sich zu beschweren, er muss der Härteste unter den Harten sein. "Lange bevor der Ruhm kommt, musst du Scheiße fressen und durch die Kotze rollen", sagt er. "Die Leute sehen nicht, dass die Spieler seit dem zwölften Lebensjahr angeschrien werden vom Trainer."

Als er 16 Jahre alt war, entschieden Venzke und sein Vater, dass der Sohn in die USA gehen sollte, um in Idaho die College-Ausbildung zu durchlaufen. "Patrick wollte versuchen, den amerikanischen Traum zu leben. Es war unser Projekt, dass er der erste Deutsche in der NFL werden sollte", sagt der Vater, ein früherer Bundesliga-Handballspieler.

Training bei jedem Gesundheitszustand

Vier Jahre lang hatte Patrick Venzke wenig Zeit zum Träumen. Er sagt: "Ich bin durch die Hölle gegangen." Er trainierte jeden Tag mehrere Stunden, nebenher studierte er, wenn er dafür noch Kraft fand. Eine Trainingseinheit bestand aus bis zu 60 Spielzügen, die so lange wiederholt wurden, bis der Coach zufrieden war. Bei jedem Wetter, bei jedem Gesundheitszustand. "Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich während des Trainings gekotzt habe", sagt Venzke. Er verpasste keine einzige Einheit.

Er hat mit einem angerissenen Brustmuskel gespielt, mit einem kaputten Meniskus, mit gerissenen Bändern in Knien und Füßen, mit gebrochenen Fingern, mit einer offenen Wurzelbehandlung. Damals ging er zum Trainer, weil er den Riemen seines Helms nicht schließen konnte. Der sagte: "Pat, du hast seit drei Jahren kein Training verpasst." "Aber ich kriege doch den Helm nicht zu." "Aber du hast seit drei Jahren kein Training verpasst. Du willst doch deinen Platz nicht riskieren." Venzke trainierte.

Er wurde stärker und schwerer und stumpfte gegen die harte Behandlung durch die Trainer ab. 2001, vier Jahre nach seinem Wechsel in die USA, wurde er das erste Mal in den Kader der Jacksonville Jaguars berufen. Venzke hatte es geschafft, "ich fühlte mich wie Gottes Geschenk an den Football", sagt er. Die vielen Verletzungen, Beschimpfungen und Entbehrungen hatten sich ausgezahlt. Dachte Venzke.

Denn jetzt, viele Jahre später, macht er sich Gedanken darüber, was der echte Preis für ein paar wenige Jahre Ruhm und Geldverdienen gewesen sein könnte. Als sich 2012 Junior Seau das Leben nahm, einer der besten Linebacker seiner Zeit, merkte Venzke, dass da etwas nicht stimmen konnte: "Seau hat Millionen verdient, wurde in die Hall of Fame aufgenommen, er hatte alles. Dann aber verlor er seine Ehefrau und beging Suizid." Bei Seau wurde nach dessen Tod CTE festgestellt, chronisch traumatische Enzephalopathie. Sein Gehirn hatte von den vielen Hits während seiner Karriere Schaden genommen.

10 bis 15 Gehirnerschütterungen

Venzke verfolgte auch die vielen anderen Fälle von ehemaligen Footballprofis, die nicht mehr leben wollten oder verhaltensauffällig wurden. Dann habe er bemerkt, "dass viele Reaktionen auf Kindergeschrei auch bei mir nicht normal sind. Vor 20 Jahren hätte ich im Kindergarten arbeiten können, vor zehn Jahren noch darüber gelacht - und heute macht mich das Geschrei wahnsinnig", sagt Venzke. Er ist sich sicher: Es ist eine Folge des jahrelangen Aggressionstrainings, der Doping- und Schmerzmittel und der vielen, vielen Gehirnerschütterungen.

10 bis 15 habe er mindestens gehabt, sagt Venzke, und sich nie darum gekümmert: "Gehirnerschütterungen sind relativ leicht zu verschweigen, keiner sieht die physischen Symptome." Die Schmerzen in den Muskeln und Gelenken sind Venzke egal, aber er hat Angst, dass sein Gehirn zu viel abbekommen hat. "Dann wäre der Preis für meinen Erfolg zu groß gewesen. Ich will mich an meine Footballkarriere erinnern können", sagt er.

Heute trainiert er deshalb vor allem seinen Kopf, mit Büchern, Meditation, komplexen Alltagsaufgaben. "Ich versuche, neue Synapsen zu knüpfen", sagt er. Venzke bereut trotzdem nichts. "Für mich war es der richtige Weg." Seinem Sohn hat er das Footballspielen aber verboten, er soll etwas Vernünftiges machen. So steht es in Patrick Venzkes Testament.

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