Kritik am Nike Oregon Project Was den Drang nach dem perfekten Sportlerkörper gefährlich macht

Gewicht ist ein zentrales Thema im Leistungssport. Sportmedizinerin Petra Platen erklärt, welche Folgen ein wahnhafter Fokus aufs Abnehmen haben kann und wie der Körper versucht, sich zu schützen.

Mary Cain klagt über ausbleibende Periode und daraus resultierende Knochenbrüche
Charlie Neibergall/ AP

Mary Cain klagt über ausbleibende Periode und daraus resultierende Knochenbrüche

Ein Interview von


Sie galt als das schnellste Mädchen der USA - wenige Jahre später war sie von der Bahn verschwunden. Was dazwischen geschah und wie sie unter dem Regime des mittlerweile wegen Dopings gesperrten Alberto Salazar gelitten hat, machte Mary Cain kürzlich in der "New York Times" öffentlich, im SPIEGEL spricht sie nun über Suizidgedanken.

New York Times

Sie sei "geistig und körperlich misshandelt" worden, sagt die einstige Wunderläuferin, die sich im Alter von 16 Jahren dem Nike Oregon Project (NOP) um Cheftrainer Salazar angeschlossen hatte.

Cain berichtet vom Druck, immer mehr Gewicht verlieren zu müssen, von ausbleibender Periode über drei Jahre, von daraus resultierenden Knochenbrüchen. Was dahintersteckt, was die Evolution damit zu tun hat und wann der Drang nach dem perfekten Körper gefährlich wird, erklärt die Sportmedizinerin Petra Platen.

Zur Person
  • Thomas Hauss
    Prof. Petra Platen ist Dekanin der Fakultät für Sportwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Die Sportmedizinerin hat viele Jahre das Thema Leistungsfähigkeit von Athletinnen im Spitzensport erforscht. Als Linksaußen hat Platen 208 Spiele für die Handballnationalmannschaft absolviert und war Kapitänin jenes Teams, das bei den Olympischen Spielen 1984 den vierten Platz erlangte.

SPIEGEL: Das Nike Oregon Project hatte durch den Sponsor Millionen Dollar zur Verfügung für modernste Anlagen und innovative Trainingsmethoden. Und doch scheinen die Verantwortlichen regelrecht besessen vom Thema Gewicht gewesen zu sein. Was steckt hinter dem Gedanken: Dünner ist besser?

Platen: Das liegt einfach daran, dass in vielen Sportarten das eigene Körpergewicht getragen, also eine bestimmte Masse von A nach B bewegt werden muss. Im Leistungssport spielt das eine entscheidende Rolle, wenn es um Bruchteile von Sekunden geht. Dafür brauche ich ein ideales Verhältnis von Masse und Leistung.

SPIEGEL: Wie sieht dieses ideale Verhältnis aus? Gibt es den perfekten Sportlerkörper überhaupt?

Platen: Im Prinzip ja. Nur ist das eben nicht allgemeingültig im Sinne von: Dünner ist immer besser. Das ist ein sportartspezifisches Thema. Beim Laufsport kommt der Vortrieb maßgeblich aus den Beinen. Der Oberkörper oder die Arme sind im Grunde unnötig, tote Masse, die ich mit mir rumschleppe. Und je mehr Masse ich an diesen Stellen habe, umso mehr Leistung verbrauche ich in den Beinen und verliere ich für den Vortrieb. Mit anderen Worten: Jegliches Fettgewebe ist völlig überflüssig, und Muskulatur sollte vor allem da angesiedelt sein, wo man sie auch braucht.

SPIEGEL: Mary Cain war 16 Jahre alt, als sie zum NOP kam. Der Übergang vom Mädchen zur Frau ist ohnehin kompliziert. Welche Probleme bringt diese Entwicklung im Leistungssport mit sich?

Platen: Das Grundprinzip des Prozesses, der in der Pubertät abläuft, ist: Die Frau soll einen Eisprung bekommen und der Körper auf die Schwangerschaft vorbereitet werden. Die weiblichen Geschlechtshormone aber wirken wie jedes Steroidhormon auf jede einzelne Körperzelle und damit auf jedes Körpersystem ein und bringen zahlreiche Veränderungen mit sich. Progesteron führt zum Beispiel zu einer verstärkten Wassereinlagerung, Östrogen zu einer geschlechtsspezifischen Körperfettverteilung - beides ist im Sportsinn tote Masse. Je stärker die Gewichtsoptimierung ausgereizt wird, desto stärker verändert sich der Hormonspiegel.

SPIEGEL: Was passiert dabei genau?

Platen: Der Körper passt sich an die chronisch zu geringe Energiezufuhr an. Das ist aus Sicht der Evolution ziemlich schlau. Es gab ja immer wieder Phasen im Laufe der menschlichen Entwicklung, in denen es viel Nahrung gab und welche, in denen es wenig gab. Also fährt der Körper bei wenig Nahrungsverfügbarkeit alle Systeme herunter, um das Überleben zu sichern. Und das, was als Erstes abgeschaltet wird, ist eben die endokrine Hormonachse, die auf die Reproduktion abzielt. Wenn Frau nun also die Nahrungszufuhr reduziert, ist das ein Signal an den Körper, dass die Umgebungsbedingungen nicht für eine Schwangerschaft taugen, also werden die dafür nötigen Abläufe eingestellt.

SPIEGEL: Ist es also ein Warnsignal, wenn die Periode ausbleibt?

Platen: Ja. Denn es zeigt ja: Ich habe ein Defizit. Die Frage ist nur, wie ich damit umgehe, wie ich das Verhältnis zwischen Kalorienzufuhr und Verbrauch so optimieren kann, dass ich meine Periode noch erhalte, aber trotzdem möglichst wenig Körpermasse habe. Das ist wirklich ein ganz diffiziles Spiel. Es heißt nicht, dass ich keinen Sport mehr machen darf, wenn die Periode ausbleibt. Aber es ist eine Gratwanderung. Im Höchstleistungssport, in Sportarten, in denen Körpergewicht ein entscheidender Leistungsfaktor ist, kann das System schnell kippen.

SPIEGEL: Das NOP soll zur Gewichtsreduzierung auch mit fragwürdigen Schilddrüsenbehandlungen gearbeitet haben. Was steckt dahinter?

Platen: Schilddrüsenhormone haben Einfluss auf die Mitochondrien. Deren Aufgabe ist es, aus der Verbrennung von Nahrungsstoffen Energie zu gewinnen, die dann für viele Prozesse im Körper genutzt werden kann. Die Schilddrüsenhormone erhöhen die Wärmeproduktion und verstärken die Energieverbrennung. Das heißt: Wenn ich erhöhte Schilddrüsenwerte habe, ist jede einzelne Körperzelle praktisch hochgeschraubt - also genau das Gegenteil von dem, was passiert, wenn man zu wenig isst. Menschen, die eine Überfunktion haben, merken das daran, dass ihnen ständig warm ist, sie unglaublich viel essen können und trotzdem abnehmen.

SPIEGEL: Und das kann man natürlich auch von außen steuern.

Platen: Allerdings ist das ein schwerer Eingriff in das physiologische Regulationssystem. Wenn das erst aus dem Ruder gelaufen ist, kann es sehr lange dauern, bis es sich wieder einspielt.

SPIEGEL: Mary Cain sagte im Gespräch mit dem SPIEGEL, dass sie infolge des NOP-Optimierungswahns immer anfälliger für Ermüdungsbrüche geworden sei, ihr beide Schienbeine brachen, das Kreuzbein und zweimal die Hüfte. Hängt das zusammen?

Platen: Das weibliche Geschlechtshormon Östrogen stimuliert auch das Knochensystem. Bei einem Mangel kommt es zu einer verstärkten Entkalkung der Knochen, es entwickelt sich eine Osteoporose. Im Leistungssport kann sich das in einer höheren Verletzungsanfälligkeit im Sinne von Stressfrakturen äußern.

SPIEGEL: Lässt sich die Knochendichte wieder aufbauen?

Platen: Nur sehr schwer. Der Mensch erreicht das Maximum an Knochendichte im Alter von 25, 30 Jahren. Anschließend wird die Knochenmasse sukzessive abgebaut und durch Sport kann nur noch relativ wenig wieder neu gewonnen werden. Dann ist der Zug quasi abgefahren.

SPIEGEL: Welche Voraussetzungen sind für den Aufbau von Knochenmasse ideal?

Platen: Das Wichtigste sind die Hormone, also die Östrogene. Auch Calcium und Vitamin D sind entscheidende Faktoren. Es braucht darüber hinaus einen Stimulus. Der Knochenaufbau läuft nur dann, wenn er mechanisch gereizt wird, zum Beispiel durch Sport.

SPIEGEL: Also machen Sportler auch viel richtig. Was kann man tun, um nicht in den Teufelskreis zu geraten?

Platen: Ich würde Gewichtsreduzierung nicht grundsätzlich als negativ erachten. Im Höchstleistungssport ist das einfach eine wichtige Komponente. Die Leistungssportler müssen auf ihr Gewicht achten, und zwar extrem. Nur muss das eben so geschehen, dass es praktisch gerade noch gesund ist. Das ist wie bei der Trainingsdosierung: Ich muss Umfänge und Intensitäten trainieren, wichtig ist, dass ich das richtige Maß wähle. Und genauso ist es eben auch mit der Ernährung.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
Oteng 02.12.2019
1.
Erinnerung: Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer von RB Leipzig, ist eng mit dem Nike Oregon Project verwoben. Das Red Bull Leistungszentrum, das auch von der Fussballsparte genutzt wird, wurde von Bernd Pansold, verurteilter DDR-Dopingarzt und IM, aufgebaut.
CouscousGauthier 02.12.2019
2. Soso,
im Laufsport sind die Arme also unnötig? Schon wieder was gelernt.
ahofmann668 02.12.2019
3. Was für ein Irrsinn!
Kaum ein anderer Unterhaltungskünster käme auf die Idee, sich dermaßen zu quälen, um andere Leute zu unterhalten. Und etwas anderes sind diese Menschen ja nicht, sie unterhalten andere Menschen, die dafür Eintritt bezahlen. Für angesagte Sportler wie Fußballer wird viel bezahlt, weil man sich dann ja auch einer bestimmten Gruppe zugehörig fühlen darf, andere Sportler bekommen höchstens mal eine Medaille, die eigentlich nur ihnen persönlich nützt, der Nutzen für die Menschheit ist gleich Null.. In ein paar Jahren sind sie vergessen. Und dafür ruinieren sie ihren Körper? Sind die Gene aus dem Tierreich, der Drang, in irgendeiner Hackordnung erster zu sein, so stark und die Vernunft so schwach? Ein Außerirdischer würde der Menschheit jegliche Intelligenz absprechen, wenn er das sieht.
bigmitt 02.12.2019
4. Ich habe aufgehört....
....zu lesen als die Dame erklärt hat das die Arme/ Oberkörper beim Laufen unwichtg seien und quasi 'tote Masse" darstellen....
Klabauter 02.12.2019
5. Sport ist Mord
Ganz einfach. Bewegung hilft. Aber Sport ist eine weiter Entwickung des antiken Gladiatoren . Wer sich darauf ein lässt ist selber Schuld. Politisch gesehen : Merkel ist noch da weil "le Mannschaft" mit Hilfe von Doping und Koruption Weltmeister wurde. Diesmal scheiden Sie hoffentlich noch früher aus. Cocain Test für Jogi.
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