Wimbledon-Champion Djokovic Wenn es eng wird, ist er am besten

Zwei Matchbälle abgewehrt, drei Tiebreaks gewonnen: Novak Djokovic hat im längsten Wimbledon-Endspiel der Geschichte einmal mehr seine Nervenstärke unter Beweis gestellt. Was ist sein Geheimnis?

Ein Küsschen für den Pokal: Novak Djokovic freut sich über den Wimbledon-Sieg
Laurence Griffiths / AFP

Ein Küsschen für den Pokal: Novak Djokovic freut sich über den Wimbledon-Sieg

Aus London berichtet


Novak Djokovic konnte es nicht leugnen. In dem Moment, in der die Niederlage unabwendbar schien, habe er an das US-Open-Halbfinale vor acht Jahren zurückgedacht. Damals, im September 2011, hatte Roger Federer bei eigenem Aufschlag zwei Matchbälle. Der Schweizer servierte gut, doch Djokovic antwortete mit einem bis heute unvergesslichen Vorhandwinner. In der Folge holte der Serbe Punkt um Punkt und gewann den entscheidenden Satz 7:5. Manchmal, das ist vor allem für Federer bitter, wiederholt sich Geschichte.

Auch im Wimbledon-Endspiel servierte Federer zum Matchgewinn, allerdings beim Stand von 8:7. Am Ende hieß es 6:7, 6:1, 6:7, 6:4, 12:13 aus der Sicht des Schweizers. Wieder einmal demonstrierte Djokovic, dass er in kritischen und engen Momenten der wohl beste Athlet ist, den dieser Sport jemals gesehen hat. "Es war das Spiel, dass mir in meinem ganzen Leben psychisch am meisten abverlangt hat", sagte Djokovic nach der Begegnung. Zwar erinnerte er an das ebenfalls legendäre Australian-Open-Endspiel 2012 gegen Rafael Nadal. Das, so der Serbe, sei aber vor allem körperlich belastend gewesen.

Ein Schlag trennte den Weltranglistenersten von einer Niederlage gegen seinen großen Rivalen Federer. In Augenblicken, in denen viele Profis versagen, ruft Djokovic fast immer sein bestes Tennis ab. Wie macht er das? "Ich habe mir vorgenommen, möglichst viel um mich herum auszublenden", sagte Djokovic und fügte an: "In kritischen Momenten muss man sich einreden, der bessere Spieler zu sein und dass es einen Grund dafür gibt, warum man im Finale steht."

Der Schlüssel zum Sieg? Die Tie-Breaks!

Tatsächlich nahm sich Djokovic im längsten Endspiel der Wimbledon-Geschichte kurze Auszeiten. So kam er im zweiten Satz lediglich auf zwölf Punkte - ein historisch schlechter Wert für den Serben. Auch im vierten Durchgang nahm ihm Federer zweimal den Aufschlag ab. Doch dann, als es in die entscheidenden Phasen ging, war er da. "Ich habe in den drei Tie-Breaks das Beste aus mir herausgeholt", sagte Djokovic. Das sei der Schlüssel zum Sieg gewesen.

Djokovic musste nicht nur gegen Federer, sondern auch gegen fast 15.000 Zuschauer antreten, die ihn in der Endphase sogar zwischenzeitlich auspfiffen. Doch darauf habe sich der ungeliebte Champion vorbereitet: "Ich habe mir in den Momenten, wenn die Zuschauer 'Roger, Roger' gerufen haben, einfach vorgestellt, sie würden 'Novak, Novak' rufen", sagte der neue und alte Wimbledon-Champion. Vor dem Spiel habe er versucht, bestimmte Szenarien im Kopf durchzuspielen. "Dass das Match aber so einen Verlauf nimmt, konnte natürlich niemand ahnen", so Djokovic.

Seine Nervenstärke ist bekannt - beinahe legendär. Kaum ein Spieler nutzt seine Breakbälle derart effektiv, nur wenige Profis sind so gut darin, diese auch abzuwehren. Niemand auf der ATP-Tour gewinnt so oft im Tiebreak. Auch wenn es in einen entscheidenden Satz geht, sind seine Werte herausragend. Das ist auch der Unterschied zu Federer, der in seinen späten Karrierejahren zu viele Breakbälle auslässt und in den engen Momenten eben nicht sein bestes Tennis zeigt.

Federer inspiriert Djokovic

Seiner mentalen Stärke verdankt Djokovic mittlerweile 16 Grand-Slam-Siege. Nach seinem fünften Erfolg an der Church Road ist der 32-Jährige nach Wimbledon-Titeln mit Björn Borg gleichgezogen, im ewigen Major-Ranking liegt er nur noch zwei Titel hinter Nadal und nur noch vier hinter Federer. Seinen großen Widersachern ist der Serbe sehr dankbar. "Sie sind der Grund, warum ich noch auf diesem Level spiele", so Djokovic. Vor allem Federer inspiriere ihn und zeige, dass man auch im hohen Tennis-Alter noch sehr erfolgreich sein könne.

Ob er selbst so lange aktiv sein wird wie Federer, könne Djokovic derzeit noch nicht abschätzen. Laut dem Serben hänge dies von vielen Faktoren ab. "Ich bin Vater, Ehemann und Tennis-Profi. Ich muss eine Balance finden, dies alles zu vereinbaren", sagte er. Wenn dies allerdings funktioniere, könne er sich durchaus vorstellen auch noch in fünf Jahren in Wimbledon auf diesem Niveau zu spielen.

Dies gilt für Federer wohl nicht mehr. Der Unterlegene wird in den kommenden Tagen erst einmal Zeit brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten. "Ich will nicht traurig sein über ein eigentlich großartiges Spiel", sagte er.



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sans_words 15.07.2019
1. Hauchdünn
Es war ein hervorragendes Spiel zweier gleichwertiger Gegner. Hierbei den einen oder anderen hervorzuheben, macht keinen Sinn. Am Ende musste ein Spieler gewinnen und das ist passiert - hauchdünn. Abgesehen davon hat Roger Federer 8 Mal in Wimbledon gewonnen, Novak Djokovic bisher nur 5 Mal. Federer ist für sein Alter unglaublich gut; vielleicht ist diese Leistungsfähigkeit unerreichbar.
Klangstof 15.07.2019
2. Das Publikum...
...in Wimbledon würde sogar für Federer sein, wenn der Gegner im Finale ein völliger Underdog wäre. Ich habe mir gestern beim Match überlegt, welches Grand Slam Publikum ich am liebsten mag: Da bin ich ganz schnell auf das bei den Australian Open gekommen. Die Atmo dort ist immer sehr freundlich, fair, offen. Die Stimmung bei den US Open ist oft irgendwie "Ballermann-like", bei den French Open beobachtet man ein oft unfaires Publikum, wenn z.B. ein Franzose/Französin spielt, tja und das Wimbledon Publikum finde ich doch etwas zu sehr distinguiert-elitär....Warum Djokovic so schlecht wegkommt, weiß ich nicht. Seine mentale Stärke ist jedenfalls, wie beschrieben, herausragend. Ich habe ihm gestern meine Daumen gedrückt! Das Match war episch!
Markus.Wohlers 15.07.2019
3. Der ungeliebte Champion
Warum ist ein Mann, der einer der fairsten Sportler der Welt ist, 5 Fremdsprachen spricht, Millionen für bedürftige Kinder in seiner Heimat spendet und sich für Schwache einsetzt so ungeliebt? Das muß jeder für sich entscheiden. Die Hand auf's Herz legen und sich fragen, ob man doch etwas gegen Novak hat, weil er Serbe ist und nicht Westeuropäer, Amerikaner, Australier etc. Novak hat gestern wirklich nicht sein bestes Tennis gespielt. Seine Aufschläge waren eine Katastrophe. Anders kann man das nicht sagen. Federer hätte das Spiel auch gewinnen können. Keine Frage. Für mich zählt aber nur eins: Wer hat wen am häufigsten im Direktvergleich geschlagen? Der Nadal hat den Federer zerstört, gedemütigt (Nadal 24 : Federer 16). Djokovic hat beide öfter geschlagen und ist damit die absolute Nummer 1. Nadal Nummer 2. Federer Nummer 3. Als Federer seine Grand Slams geholt hat, da gab es anfangs keinen Nadal und Djokovic. Nichtsdestotrotz ist Federer ein Megastar und wird in die Geschichte als eine der Allerbesten Tennis Spieler eingehen. Der Beste aller Zeiten ist Novak Djokovic - der ungeliebte Champion!
Washingtonian 15.07.2019
4. @ Markus Wohlers
Sie haben genau beschrieben was ich gestern 5 Stunden lang gefuehlt habe. Und es war nicht die sogenannte feine englische Art bei einem Doppelfehler zu klatschen, und staendig Roger, Roger, Roger zu schreien wenn ein Ball noch im Spiel war.
Googa 17.07.2019
5. Da könnte ich vielleicht...
... ein bisschen mitfahnden nach Gründen für Rogers Beliebtheit - zum Beispiel hiermit: # Man erlebt Federer nicht so egozentrisch und versessen im Auftreten. Novaks Mimik, Gestik, Hemd vom Leib reißen, Mund auf wie Rotkäppchens Wolf, an die Brust trommeln u. v. a. scheinen mir mit Temperament oder Vorurteilen gegen serbische Nationalität unbefriedigend erklärt. # Menschen spüren oft einfach charakterliche Unterschiede, ohne sie direkt verbalisieren zu können. # Wenn man Roger-Fan ist, ist man damit ja kein Novak-Verächter. Fair beim Djoker finde ich etwa, wie er mittlerweile auch für Superschläge von Gegnern applaudiert. # Unabhängig davon, wie lange Federer noch spielt und in wie vielen Bereichen er Rekordhalter bleibt: Schon rein sportlich ist seine kraftvoll-geniale, zauberhaft elegante und vielseitige Art zu spielen einzigartig (leider vermehrt um den Preis von Unforced Errors). Die Djokovics, Lendls oder Nadals dieser Welt wirken weithin rituell-maschinell. # Und was den direkten Vergleich betrifft: Federer gewinnt schon beim Alter :) ... Vorsicht, Witz! Ernsthaft: Weltweit zählen in unterschiedlichsten Sportarten am Ende nicht allein direkte Vergleiche zum Erreichen des Championats, sondern die rundum gesammelten Siege und Punkte... Und es steht ja keineswegs 1:39 oder so ... # Schließlich: Möglicherweise lernt Roger ja auch noch, bei 40:15 oder andern Matchballzahlen auch mehr Siege zu vollenden. Sportliche Grüße allerseits!
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