Erfolg durch Datenanalysen Die Vermessung des Tennis

Novak Djokovic kämpft bei den French Open um seinen vierten Grand-Slam-Triumph in Folge. Der Serbe, der nun auf Alexander Zvererv trifft, ist zurück in der Erfolgsspur. Auch weil er einem Datenguru vertraut.

Novak Djokovic kann in Paris seinen zweiten "Karriere-Grand-Slam" schaffen
JULIEN DE ROSA/EPA-EFE/REX

Novak Djokovic kann in Paris seinen zweiten "Karriere-Grand-Slam" schaffen

Von


Es waren schwere Zeiten für Novak Djokovic. Der Serbe, der die Tenniswelt über Jahre dominiert hatte, war 2017 nach einer Serie von Verletzungen aus den Top Ten gefallen. Er ließ nichts unversucht, um an frühere Leistungen anzuknüpfen, Yoga, Meditation, holte sich sogar spirituellen Beistand bei Esoterikguru Pepe Imaz. Vergebens. Bis er Craig O'Shannessy in sein Team aufnahm.

O'Shannessy ist auch eine Art Guru, allerdings auf dem Feld der Statistiken und Zahlen. Der Australier analysiert auf der ATP Tour so gut wie jedes Match, kaum ein Punkt, der ihm entgeht. Aus dem Datenmaterial filtert er jene Informationen heraus, die hilfreich für seinen Schützling sein können. Djokovic scheinen sie geholfen zu haben.

Mit Big Data zurück an die Spitze

Seit er mit O'Shannessy zusammenarbeitet, hat Djokovic die Spitze der Weltrangliste zurückerobert und die letzten drei Grand-Slam-Titel in Folge gewonnen. Bei den French Open ist er ohne Satzverlust ins Viertelfinale eingezogen. Sollte ihn Alexander Zverev nicht im Viertelfinale stoppen (das Match wurde wegen Dauerregen von Mittwoch auf Donnerstag verschoben, der Beginn ist noch offen) und er auch in Paris triumphieren, wäre Djokovics zweiter "Karriere-Grand-Slam" perfekt.

"Brain Game Tennis" heißt das Institut, das O'Shannessy nach seinem Studium in den USA aufgebaut hat. Wie hoch sein Anteil am Djokovic-Comeback tatsächlich ist, lässt sich schwer belegen. Aber: "O'Shannessy ist ein Tennisverrückter, der fortlaufend tüftelt, um die entscheidenden Details zu finden", sagt Jan de Witt. Und der muss es wissen.

De Witt, 54, gilt als einer der besten deutschen Tennistrainer - und das, obwohl er es selbst nie über die Regionalliga hinaus geschafft hat. Die Spieler in der Weltspitze arbeiten bevorzugt mit Ex-Profis zusammen, Roger Federer wird von dem ehemaligen Top-Ten-Spieler Ivan Ljubicic trainiert, Rafael Nadal von der früheren Nummer eins Carlos Moya. Sie können ihren Schützlingen vermitteln, worauf es in entscheidenden Situationen ankommt, in einem großen Finale, in einem ausverkauften Stadion.

Erfahrungen, die de Witt nicht vorweisen kann. Dafür hat er etwas anderes anzubieten: seine Datenbank.

Seit mehr als 20 Jahren ist de Witt Trainer, zunächst beim Westfälischen Tennisverband, dann machte er sich mit einem Leistungsstützpunkt im westfälischen Halle selbstständig. Schon bald hatte er seinen Ruf weg: Als einer, der Spieler um die entscheidenden Prozentpunkte besser macht. Und vor allem: als besessener Sammler von Statistiken.

Das war neu in einem Sport, in dem lange vor allem nur Asse, Doppelfehler und "Unforced Errors", unerzwungene Fehler, erfasst wurden - ähnlich wie im Fußball lange nur die Torschützen und die Gelben und Roten Karten. "Im Gegensatz zum Fußball, wo 22 Variablen auf dem Platz interagieren, bietet sich die strenge Geometrie des Tennisplatzes mit seinen unterschiedlichen Zonen und der standardisierten Spieleröffnung beim Aufschlag förmlich dazu an", erklärt de Witt im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Ein einfaches Beispiel: Wenn Spieler X von der Vorteilseite aus den zweiten Aufschlag auf die Rückhand von Gegner Y platziert, macht er in 75 Prozent der Fälle den Punkt. Serviert er hingegen auf die Vorhand, gewinnt er nur jeden zweiten Punkt.

Es geht um das individuelle Optimum

Dieser komplexe Sport soll auf einmal berechenbar sein - oder sich zumindest auf Wahrscheinlichkeiten herunterbrechen lassen? So einfach ist es auch wieder nicht. De Witt spricht von "Landkarten", mit denen er die individuellen Bedürfnisse der Sportler mit den optimalen Vorgaben für ein Tennismatch abgleicht. Und man hört den studierten Soziologen heraus, wenn er von unterschiedlichen Realitäten und kognitiver Wahrnehmung spricht. "Für mich als Coach geht es darum, die entscheidenden Infos herauszufiltern, die der jeweilige Spieler gewinnbringend auf dem Platz umsetzen kann", so de Witt.

"Was bringt es meinem Spieler, wenn ich weiß, dass der Gegner schlecht auf Stoppbälle reagiert - mein Spieler aber keine guten Stoppbälle setzen kann?" Es gehe eben "nicht um das Maximum, sondern um ein individuelles Optimum".

Der wissenschaftliche und zugleich individualisierte Ansatz weckte schon bald die Neugier von Spitzenspielern: Mit Andrei Pavel, Viktor Troicki, Gaël Monfils und Gilles Simon führte de Witt gleich mehrere Profis unter die besten 20 der Weltrangliste, die Franzosen Monfils und Simon sogar zur selben Zeit. Seit vergangenem Sommer arbeitet er mit Nikoloz Basilashvili zusammen. Der Georgier gewann in der Folge die ATP Turniere in Hamburg und Peking und verbesserte sich binnen eines halben Jahres von Rang 81 auf Rang 16 - ein Quantensprung im Profitennis.

"In anderen Sportarten ist das längst üblich"

De Witt scannt jeden Aspekt seiner Schützlinge wie auch der Gegner, Tausende Datensätze seien so zusammengekommen, um auf mehr als Hundert Spieler vorbereitet zu sein. De Witt arbeitet mit der Software Sportscode, eine von mittlerweile mehreren auf dem Markt. Er erstellt Videos, um seinen Schülern die Informationen auf unterschiedlichen Kanälen zuzuführen. Auf ein Match bereite er sich "vier bis acht Stunden vor, abhängig von verschiedenen Faktoren". "In anderen Sportarten ist das längst üblich, und auch im Fußball wird deutlich mehr Zeit in Datenanalysen gesteckt", so de Witt.

Im Basketball und im Baseball wird seit Jahren mit hohem Aufwand "Data Crunching" betrieben, um Spielzüge zu entschlüsseln, an der Taktik zu feilen, Spieler zu scouten. Die "Moneyball Years" in der Major League Baseball taugten zum Bestsellerstoff: Die Oakland Athletics verpflichteten Anfang der Nullerjahre mit Hilfe eines computergestützten Verfahrens Spieler, die nach gängigen Statistiken mittelmäßig zu sein schienen und entsprechend günstig zu haben waren - gemäß sogenannter Sabermetrics jedoch überdurchschnittliche Werte aufwiesen. Und schon bald stellte sich unerwarteter Erfolg ein.

Sieger unter Siegern: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp beim Champions-League-Triumph
Carl Recine / REUTERS

Sieger unter Siegern: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp beim Champions-League-Triumph

Im Profifußball kümmerte man sich lange nicht um Daten. Doch die Zeiten haben sich geändert.

Champions-League-Sieger FC Liverpool etwa unterhält - wie mittlerweile die meisten Premier-League-Klubs - eine ganze Forschungsabteilung, die die eigenen sowie die Partien aller potenziellen Gegner analysiert und potenzielle Neuverpflichtungen durchleuchtet. Ein Umstand, auf den sich Jürgen Klopp bei seinem Antritt als LFC-Coach vor dreieinhalb Jahren erst einmal einstellen musste.

Der Faktor Mensch

Auch de Witt hat seine Methoden auf andere Sportarten übertragen. Der Werder-Fan entwickelte vor drei Jahren beim Fußballbundesligisten aus Bremen gemeinsam mit Cheftrainer Florian Kohfeldt und Geschäftsführer Frank Baumann ein Toptalenteprogramm. Kohfeldt steht er auch heute noch beratend zur Seite, besonders seine Erfahrungen beim Übergang vom Nachwuchs- in den Profibereich werden geschätzt. Neben Basilashvili arbeitet de Witt aktuell außerdem mit der australischen Volleyball-Nationalmannschaft zusammen.

Doch wo sind die Grenzen in Sportarten, die von Emotionen und Intuition leben, in denen der psychologische Moment oft eine entscheidende Rolle spielt? De Witt kann die Sorge vor einer Technisierung des Sports nachvollziehen - das Wort "Laptoptrainer" versteht er nicht: "Wer Jürgen Klopp oder Florian Kohfeldt am Spielfeldrand erlebt, kann das doch nicht ernsthaft über diese Menschen sagen!" Bei allen Analysen und Informationen, "am Ende treffen die Trainer eine gut überlegte Bauchentscheidung, mit deren Konsequenzen sie dann leben müssen."

Torben Beltz, früherer Trainer der besten deutschen Tennisspielerin Angelique Kerber und aktuell Coach der kroatischen Top-20-Spielerin Donna Vekic, teilt diese Auffassung. Im Damenbereich ist außerhalb der Grand-Slam-Turniere beim Satzwechsel On-Court-Coaching erlaubt. Das Softwareunternehmen SAP stellt mittlerweile Echtzeitdaten bereit, die die Trainer während des Matches abrufen können. Beltz findet das spannend - letztlich seien jedoch seine Softskills gefragt: "Ich kann meiner Spielerin, die vielleicht gerade einen Tiebreak verloren hat, nicht mit Prozentzahlen kommen."

Einzelsport ist immer auch Psychosport, und so wird Tennis eben auch im Kopf entschieden, das zeigt sich dieser Tage wieder bei den French-Open. Und aller Statistiken zum Trotz: Man darf gespannt sein, ob die deutsche Titelhoffnung Alexander Zverev der Tennismaschine Djokovic die Stirn wird bieten können.



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nixus_minimax 05.06.2019
1. Schnell nach Paris melden
Mensch wenn der Djokovics schon gewonnen hat dan kann man sich ja den ganzen Klimbim sparen. Der Spomn möge das doch bitte zusammen mit den besten SQL statements des Endspiels an die Franzosen melden damit man sich auf die stored procedures in Winbledon vorbereiten kann.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.