O'Neal-Wechsel Majestätsbeleidigung für Riesenbaby Shaq

Den spektakulärsten NBA-Transfer dieses Sommers leisteten sich die Los Angeles Lakers, die Shaquille O'Neal nach Miami ziehen ließen. Sie halten den Basketball-Superstar für entbehrlich - und haben Recht damit. Denn Center altern schneller.

Von , Washington


Neulich war ich in Boston, um John Kerry beim Versuch zu beobachten, kraftvoll und zugleich "likeable" wie George W. Bush zu sein - ein Wort, das für Amerikaner mehr bedeutet als nur nett und weniger meint als liebenswert, denn liebenswert klingt nicht nach männlich-herb und kulturell unverbildet, was für Amerikaner ziemlich wichtig ist, sobald es um Präsidenten, Schauspieler oder Sportidole geht.

Die seltsame Convention der Demokraten, auf der sie mit blutigem Ernst wilde Ausgelassenheit und Begeisterung simulierten, fand im Fleet Center statt. Nebenan, im 1995 geschlossenen und später abgerissenen Boston Garden, hatte einst Larry Bird mit den Boston Celtics wirklich begeisternde Triumphe gefeiert. Im Fleet Center müssen nun bald Gary Payton und Rick Fox gegen ihren Willen spielen, weil die Lakers drüben in Los Angeles ein Erdbeben veranstalten.

Patrick Ewing: BMW-Fahrer aus Florida
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Patrick Ewing: BMW-Fahrer aus Florida

An einem späten Montagabend ging ich mit meinem Sohn Jonathan oben im Bostoner Stadtteil Cambridge ins "Legal Seafood", um ein bisschen Abstand zum Wahlwahn zu gewinnen. Wir sitzen und essen, und außer uns sitzt nur noch ein schwarzes Paar traut beieinander in diesem Lokal, und mein Sohn, der einiges von Basketball versteht und weniger kurzsichtig ist als ich, sagt plötzlich: "Das ist doch Patrick Ewing." Zum Glück stand der mutmaßliche Patrick Ewing gerade auf, ging an uns vorbei und erwies sich als der wirkliche Patrick Ewing, und der wirkliche Patrick Ewing grüßte freundlich zurück, als wir ihn fröhlich grüßten.

Draußen vor der Tür stand dieser silberne Wahnsinns-BMW 760, eine Sonderanfertigung in Überlänge, mit Speichenfelgen, getönten Scheiben und Florida-Kennzeichen. Er konnte nur diesem Riesenmann gehören, der für die New York Knicks einer der besten Center aller Zeiten war und jetzt, nach ein paar jener unvermeidlichen Lebenskurven, zum Trainerstab der Houston Rockets gehört.

Schon wieder Ewing

Damit ist aber unsere kleine Geschichte noch nicht vorbei. Denn exakt eine Woche später gehen mein Sohn und ich daheim in Washington ins Kino, um "Manchurian Candidate" anzuschauen, einen Film, in dem es um Manipulation und bizarre Begegnungen geht. Als wir wieder ins fast leere Parkhaus kommen, sehen wir plötzlich diesen unglaublichen BMW da stehen und richtig, er hat das Florida-Kennzeichen, und gehört niemand anderem als: Patrick Ewing.

Ewing wurde 1962 auf Jamaika geboren, kam mit 13 in die USA, ging in Cambridge, wo wir ihn zum ersten Mal trafen, zur High School und wechselte dann nach Washington an die Georgetown University. Er war ein klassischer Center: Das Spiel der Guards war damals auf den großen Mann unter dem Korb ausgerichtet, der hochsteigt, an ihm klebende Körper unwillig abschüttelt und den Ball in den Korb stopft oder wuchtet oder donnert, je nach Lust und Laune.

Kareem Abdul-Jabbar war der Größte aller Großen, den das Spiel je gesehen hat, Wilt Chamberlain kam ihm verdammt nahe. Jeder dieser Center war spielbeherrschend, erheischte Ehrfurcht und verlangte Unterordnung. Diese Zeiten sind vorbei. Wer heute noch ein richtiger Center ist oder sein will, trauert ihnen nach.

Neues Team um Kobe Bryant

Shaq-Attack: So flog O'Neal für die Lakers
REUTERS

Shaq-Attack: So flog O'Neal für die Lakers

Womit wir bei einem Nachgeborenen sind, der nicht glauben will, dass diese schönen Zeiten, in denen sich das Spiel auf ihn ausgerichtet hätte und auf niemanden sonst, nicht auf Kobe Bryant oder irgendeine andere nichtsnutzige Gestalt, unwiederbringlich vorüber sein sollen: bei Shaquille O'Neal. Dass er demnächst im Trikot der Miami Heat auflaufen wird, was man sich noch immer nicht vorstellen kann, hat mit dem tragischen Ego zu tun, das ihm Kraft gibt, ihn aber eben auch schwächt. Die Lakers sollen, wenn es nach ihm geht, zum Teufel gehen, weil sie zum wiederholten Male die Ursünde begangen haben, ein neues Team um Kobe zu bauen, der nun einmal genial ist, wenn auch nicht "likeable", während Shaq seinen gewaltigen Körper mit genialen Fertigkeiten zum Einsatz bringen kann und auch noch "likeable" ist.

In Los Angeles haben sie es sich einfach gemacht und beide geliebt: Kobe, der so weit an Michael Jordan heranreicht, wie irgendjemand an ihn heranreichen kann, und Shaq, das Mannskind mit seinen Späßchen. Vorbei, verweht, dahin.

Natürlich werden wir spätestens im Herbst, sollten die Lakers im Mittelmaß versinken (oder Bryant, wonach es nicht aussieht, seinen Prozess wegen Vergewaltigung verlieren) und die Heat alles niederbrennen, lang und breit über die Weisheit räsonnieren, den Urmenschen O'Neal ziehen zu lassen. Natürlich können wir auch ewig darüber streiten, ob Shaq nicht tatsächlich unverzichtbarer ist als Kobe. Aber eines können wir nicht übersehen: Shaq ist 32, und für einen Center, der mutmaßliche 150 Kilo permanent hochwuchten muss, ist das ziemlich alt. An Verletzungen hat er in den letzten beiden Jahren verdächtig oft gekrankt. Es ist halt so, Center altern schneller und sind früher auf dem Leistungshöhepunkt. Deshalb meiden es Spieler, die eigentlich die Größe dazu haben, den Center zu spielen, allen voran Dirk Nowitzki.

Ein großes Kind will weiter träumen

Das Management der Lakers hat also Shaqs Daten angeschaut und ihn für entbehrlich erachtet, was eine Majestätsbeleidigung für das Riesenbaby ist, das Superman auf seinen Armen und in seinem Anwesen verewigt hat - ein großes Kind will weiter träumen. Das Management hat weiterhin festgestellt, dass Kobe Bryant 25 Jahre alt ist und als Guard ein neues Team führen kann. Vermutlich haben die Lakers auch kaltblütig geprüft, wie groß die Wahrscheinlichkeit sein dürfte, dass Bryant in Colorado im Prozess, der Ende August beginnen wird, verurteilt wird (wenn es überhaupt zu einem Gerichtsverfahren kommt, was momentan zumindest fraglich scheint) - und sind zu einer günstigen Prognose gekommen. Gut für Kobe, schlecht für Shaq.

The heat is on: O'Neal (r.) in Miami
AP

The heat is on: O'Neal (r.) in Miami

Natürlich vermissen wir schon jetzt das Theater, das Shaq und Kobe in Los Angeles entfacht haben. Natürlich gilt unser ganzes Mitleid Jack Nicholson und Denzel Washington, die mit weniger Brimborium im Staples Center auskommen müssen. Wir hingegen finden es ganz vorzüglich, dass die Eastern Conference an Glamour und Klasse gewinnt und die Western Conference nicht länger das Monopol auf Klamauk besitzt.

Vielleicht hat der Wechsel aus Wut und in Beleidigung sogar sein Gutes für Shaq. Vielleicht muss er in Miami, das den enorm talentierten Lamar Odom an die Lakers abtrat, erwachsen werden, weil er ein Team wirklich führen muss und nicht länger nur darüber reden kann. Dass die Center von Natur aus länger zum menschlichen Reifen brauchen, kann ihm der BMW-Fahrer aus Florida erzählen, der seine eigene Erfahrung mit dem Glauben an seine Unverzichtbarkeit machte. Nach 14 Jahren in New York verschacherten die Knicks den alt gewordenen Center mit den moribunden Knien. Patrick Ewing beendete seine glanzvolle Karriere schließlich glanzlos in Orlando - bei der Mannschaft, in der der junge, überragende, spielbeherrschende Shaquille O'Neal begonnen hat: als Center, der sich mit den Größten der Zunft messen will.



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