Murray-Sieg im Tennis-Finale Vom ewigen Verlierer zum gefeierten Helden

Andy Murray haftete lange Zeit das Image an, mit den weltbesten Tennisspielern nicht mithalten zu können. Doch mit dem Sieg im Finale von London gegen Roger Federer hat er das Gegenteil bewiesen. Der Schweizer denkt hingegen an die kommenden Olympischen Spiele.

Olympiasieger Murray: Das Tennis seines Lebens
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Olympiasieger Murray: Das Tennis seines Lebens

Aus London berichtet


"Hoffentlich bleibt es trocken", hatte Andy Murray vor dem Spiel gesagt. Nichts fürchtete er mehr, als mit geschlossenem Dach auf dem Centre Court unter Hallenbedingungen gegen Roger Federer antreten zu müssen. Sein Wunsch sollte in Erfüllung gehen. Pünktlich zum olympischen Tennis-Finale der Männer hörte es in Wimbledon auf zu regnen. Das Dach wurde geöffnet - und die Murray-Show konnte beginnen.

In drei Sätzen, 6:2, 6:1, 6:4, fegte der Schotte den Rasenkönig aus der Schweiz vom Platz. Nicht einmal zwei Stunden brauchte er für den Sieg, es war eine Demontage. Siebenmal hat Federer auf diesem Centre Court Wimbledon gewonnen, zuletzt erst vor vier Wochen - gegen Murray. Doch an diesem Sonntag hatte der Weltranglistenerste gegen den hoch motivierten Briten keine Chance.

Angefeuert von "Andy, Andy"-Sprechchören spielte Murray das Tennis seines Lebens. Mächtige Aufschläge von über 200 Kilometern pro Stunde, perfekte Passierbälle und reaktionsschnelle Volleys am Netz - der Weltranglistenvierte dominierte das Spiel von Beginn an.

Murrays Mutter weinte

Als er mit einem Ass gleich den ersten Matchball verwandelte, begann das Publikum im vollbesetzten Stadion zu toben. Endlich, nach jahrelangem Warten, hatte der Schotte sein erstes großes Finale gewonnen - und Großbritannien die 16. Goldmedaille bei diesen Spielen beschert.

Der strahlende Sieger kletterte zunächst auf die Zuschauertribüne, um seine Freundin zu umarmen, die ihn sonst nach bitteren Grand-Slam-Niederlagen immer hatte trösten müssen. Murrays Mutter weinte, sie konnte es nicht fassen, dass ihr Sohn tatsächlich die Überraschung geschafft hatte.

Federer, offenbar noch geschwächt vom Viereinhalbstunden-Halbfinale gegen den Argentinier Juan Martin del Potro, wirkte streckenweise lustlos. Nachlässig schlug er selbst einfachste Volleys und Schmetterbälle ins Netz. Die Spielstatistik wies am Ende doppelt so viele vermeidbare Fehler aus wie bei Murray. Und auch die Zahl der neun vergebenen Breakbälle spricht für sich.

"Ich habe es vermasselt", sagte Federer in der anschließenden Pressekonferenz. Er könne sich nicht daran erinnern, wann er zuletzt neun Spiele am Stück in einem Match verloren habe. Murray sei jetzt aggressiver und beständiger als in vergangenen Jahren, als Federer in drei Grand-Slam-Endspielen jedes Mal gegen ihn gewonnen hatte. Er habe schlecht attackiert, und Murray habe immer wieder hervorragende Passierbälle gespielt. "Das ist sein bester Shot."

Vier Jahre sind eine lange Zeit im Tennis

Der große Traum von der Goldmedaille im olympischen Einzel ist für den bald 31-jährigen Schweizer damit wohl vorbei. Der Olympiasieg ist das Einzige, was dem Grand-Slam-Rekordhalter in seiner einzigartigen Karriere noch fehlt. Federer witzelte zwar, er sei noch nie in Rio gewesen. Vielleicht trete er erst in Ruhestand und komme dann 2016 für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro noch einmal zurück. Doch sind vier Jahre eine lange Zeit im Tennis.

Während Federer seine Pressekonferenz gab, stand Murray schon wieder auf dem Platz. Im Mixed-Doppel-Finale mit Laura Robson verpasste er aber seine zweite Goldmedaille. Sie unterlagen den topgesetzten Max Mirnyi und Wiktoria Asarenka 6:2, 3:6, 8:10. Doch das schmälerte Murrays Freude nur wenig.

Das Spielen im Nationaldress vor Heimatpublikum schien dem 25-Jährigen zusätzliche Kräfte zu verleihen. Das ganze Wochenende lang hatte er keine Pause gemacht. Am Samstag absolvierte er mit Robson noch das Viertel- und Halbfinale im Mixed-Doppel. Dennoch wirkte er gegen Federer frischer und konzentrierter.

Für Murray beginnt nun eine neue Zeitrechnung. Bislang hatte ihm das Image des ewigen Verlierers angehaftet, der im Quartett der weltbesten Tennisspieler (Federer, Novak Djokovic, Rafael Nadal, Murray) nicht ganz mithalten kann. Nun hat er im Halbfinale erst Djokovic in zwei Sätzen problemlos geschlagen und dann den großen Federer deklassiert.

Das Ergebnis sei für den Spielverlauf ein bisschen zu brutal gewesen, sagte Federer. Aber er habe immer gewusst, dass Murray ein erstklassiger Spieler sei.



insgesamt 11 Beiträge
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Extrameter 05.08.2012
1. Glückwunsch
Ich gönne es dem Jungen. Er hat es wirklich verdient. Er ist ein höflicher und sympathischer Geselle. Federer ist vielleicht der Beste Spieler aller Zeiten, aber seine Arroganz ist ein Zeichen von menschlicher Schwäche.
knupauger 05.08.2012
2. optional
Federer arrogant? Und so sehr ich es Murray gönne, er ist sicherlich nicht der große Sympathieträger der Tour.
axel h. 05.08.2012
3. Arroganz
Zitat von ExtrameterIch gönne es dem Jungen. Er hat es wirklich verdient. Er ist ein höflicher und sympathischer Geselle. Federer ist vielleicht der Beste Spieler aller Zeiten, aber seine Arroganz ist ein Zeichen von menschlicher Schwäche.
Ausgerechnet Federer arrogant zu nennen ist der Witz des Tages! Ich weiß nicht wie Sie darauf kommen, empfehle aber bei sich selbst anzufangen hinsichtlich menschlicher Schwächen. In Ihrem Fall wäre schlichter Neid denkbar. Murray hat es verdient, auch wenn ich ihn nicht mit Ihren Attributen beschreiben würde. Aber er hat ja wirklich keine einfache Vergangenheit und auch als Tennisprofi musste er oft genug wieder aufstehen, Respekt dafür! Federer hat es ihm heute ziemlich leicht gemacht, trotzdem hat er großartig gespielt.
ckriddle 05.08.2012
4. ...?!
Zitat von ExtrameterIch gönne es dem Jungen. Er hat es wirklich verdient. Er ist ein höflicher und sympathischer Geselle. Federer ist vielleicht der Beste Spieler aller Zeiten, aber seine Arroganz ist ein Zeichen von menschlicher Schwäche.
Murray ein sympathischer Geselle? Federer arrogant?! Seltsame Sichtweise - Murray ist bislang nicht durch Höflichkeit und Sympathie aufgefallen, sondern war unter seinen Kollegen noch nie besonders beliebt. Aber vielleicht hat er ja endlich etwas mehr Reife erlangt und sein Standing verbessert sich endlich. Und das einzige, was ich bei Federer erkennen konnte, war Enttäuschung über sich selbst - das hat mit Arroganz nichts zu tun. Ich habe den Schweizer jedenfalls noch nie arrogant erlebt. Zu guter Letzt noch ein Wort zum SpOn-Artikel: Roger Federer wird die Niederlage sicher verschmerzen können, denn eine olympische Gold-Medaille hat er bereits - vor 4 Jahren in Peking im Doppel gemeinsam mit Wawrinka. Und Murray hat es nach den zahlreichen verlorenen Grand Slam-Finals sicherlich verdient.
hemithea 05.08.2012
5.
Ich bin kein allzugroßer Murray-Fan. ABER, es gibt in London keinen anderen Sportler, dem ich persönlich einen Sieg bei diesen Spielen noch mehr gegönnt hätte.
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