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Hammerwerferin Heidler: Erst Drama, dann Bronze

Foto: Streeter Lecka/ Getty Images

Hickhack um Heidler-Medaille Der Kampfrichter-Hammer

Um Haaresbreite ist bei den olympischen Leichtathletik-Wettbewerben ein unerhörter Skandal abgewendet worden. Im Mittelpunkt: die deutsche Hammerwerferin Betty Heidler. Die Kampfrichter hätten sie fast um ihr verdientes Edelmetall betrogen.

Diesen mitreißenden Leichtathletik-Abend von London konnte Betty Heidler erst genießen, als er eigentlich schon vorbei war. Um sie herum tobte im Stadion die Begeisterung, als die US-Staffel der Sprinterinnen den Uralt-Rekord der DDR pulverisierte. Als die deutschen Stabhochspringer einen faszinierenden Wettkampf um die Medaillen ablieferten. In ihr tobte nur die Wut.

Durch einen peinlichen Kampfrichterfehler schien die Hammerwurf-Weltrekordlerin um verdientes Edelmetall gebracht. Wie schon Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf ein paar Tage zuvor. Und wie bei Schwarzkopf ist es am Ende doch noch gut gegangen. Heidler bekam ihre Bronzemedaille, und der Leichtathletik blieb ein Riesenskandal so gerade noch erspart.

"Das war das Skurrilste, was ich in meiner Karriere bisher erlebt habe", sagte die 28-Jährige anschließend - und sie hat als Weltmeisterin, als dreifache Olympiateilnehmerin schon so einiges erlebt. Im fünften Versuch hatte Heidler nach zuvor schwachen Durchgängen endlich einen Wurf hingelegt, der ihren großen Möglichkeiten entsprach. Der Hammer landete bei etwa 77 Metern, gut sichtbar für das gesamte Stadion. Nur die Kampfrichter im Zusammenspiel mit der modernen Messtechnik brachten es nicht fertig, dies auch tatsächlich festzustellen.

Heidler musste sich zwingen, ruhig zu bleiben

Stattdessen wurde nach langer und offensichtlich unschlüssiger Nachmesserei zunächst eine Weite von knapp 72 Metern angezeigt und der Versuch dann in Gänze als ungültig gewertet. Statt des Medaillenplatzes blieb die Deutsche so auf einem für sie indiskutablen achten Rang.

Heidler zwang sich, nach außen hin ruhig zu bleiben, konnte sogar noch ein bisschen lächeln. Aber als ihr auch im sechsten Durchgang keine Verbesserung gelang und die Konkurrentinnen auf den vermeintlich ersten drei Plätzen bereits ihre Ehrenrunde drehten, ergriff Heidler die Initiative. Immer wieder redete sie auf die Kampfrichter ein, verwies auf das Fernsehbild, mit dem für alle Welt dokumentiert war, wie weit das Wurfgerät geflogen war. Irgendwann hatten die Kampfrichter ein Einsehen, und es nahte die Stunde des guten alten Maßbands.

Mit der Technik aus der Pionierzeit des Hammerwerfens wurde nun noch einmal Abdruck für Abdruck im Rasen des Olympiastadions nachgeprüft, bis man sich sicher war, den richtigen Heidler-Abdruck gefunden zu haben - in der genauen Entfernung von 77,12 Metern vom Abwurfring. Das war letztlich der dritte Platz.

Ehrenrunde mit halbstündiger Verspätung

"Thank you, you are my hero", umarmte Heidler die Kampfrichterin, die ihr die frohe Botschaft überbracht hatte. Und mit gut halbstündiger Verspätung durfte dann auch Betty Heidler ihre Ehrenrunde mit der deutschen Fahne antreten - ihre Mitwerferinnen waren da schon lange nicht mehr im Innenraum des Stadions.

Zu diesem Zeitpunkt war die Deutsche dann auch schon längst nicht mehr böse auf das Kampfgericht: "Die waren alle sehr nett und haben sich große Mühe gegeben." Böse hätte Heidler vorher höchstens auf sich sein können - denn bis auf jenen einen gelungenen Wurf in Durchgang fünf, war es wieder so ein typischer Betty-Heidler-Wettkampf bei Großereignissen.

Die gebürtige Berlinerin ist zwar schon vor fünf Jahren Weltmeisterin geworden, war zudem zweimal WM-Zweite. Dennoch hängt ihr der Ruf nach, dass sie ihre Nerven bei wichtigen Wettkämpfen nicht im Griff hat. In Peking vor vier Jahren reiste sie als Weltmeisterin an und wurde Neunte. Bei der EM vor wenigen Wochen verpasste sie gar die Qualifikation für das Finale.

Umso beachtlicher, wie sie die Ereignisse von London wegsteckte. Aufgeregt haben sich eher andere wie DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen, der von einem "Skandal" und einem "unwürdigen Vorgang" sprach. DLV-Präsident Clemens Prokop nannte den Wettkampf für Heidler "irregulär". Dieser Ansicht war allerdings nicht nur die deutsche, sondern auch die chinesische Delegation. Sie legte Protest gegen die Wertung ein, da durch Heidlers Rehabilitation die chinesische Werferin Wenxiu Zhang ihre Medaille, die sie schon gefeiert hatte, wieder verlor.

Der Protest wurde in der Nacht abgelehnt. Und Heidler durfte sich "nach all dem Hin und Her, dem Hü und Hott" ohne jedes schlechte Gewissen für die achte deutsche Leichtathletik-Medaille freuen. Womit sie zudem dazu beitrug, dass der DLV als einer von wenigen Verbänden seine Zielvereinbarung mit dem Innenministerium vorzeitig erfüllt hat. Die Nervenprobe ist bestanden.

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