Doppel-Olympiasiegerin Ye "Das ist ein bisschen unfair"

Und wieder Ye Shiwen: Die chinesische Schwimmerin triumphierte in London auch über 200 Meter Lagen. Mehr denn je werden jetzt Fragen nach Doping laut. Anders als frühere Athletinnen aus China zieht sich die 16-Jährige nicht zurück - sie stellt sich selbstbewusst den Journalisten.

AP

Aus London berichtet


"Haben sie jemals Dopingmittel genommen?" Am Dienstagabend, 22.16 Uhr in London, kam die Frage, die viele umtreibt. Ye Shiwen, gerade 16 Jahre alt und zweifache Olympiasiegerin, saß bei der Pressekonferenz auf dem Podium, vor sich eine skeptische Menge von Journalisten. Sie blieb ganz ruhig. "Nein. Niemals."

Kurz zuvor hatte die Schwimmerin aus Hangzhou im Aquatic Centre die Goldmedaille über 200 Meter Lagen gewonnen, nachdem sie am Samstag über 400 Meter bereits in Weltrekordzeit triumphiert hatte und dabei auf den letzten Bahnen schneller gekrault war als Ryan Lochte und Michael Phelps, der mit bislang 15 Siegen und 19 Medaillen erfolgreichste Olympiateilnehmer der Geschichte.

Seither diskutiert die Welt, ob das alles mit rechten Dingen zugeht. Ob ein Mädchen wirklich so schnell sein kann wie die besten Männer. Präzise betrachtet: Es diskutiert der nichtchinesische Teil der Welt. "Lärm von außen" sei das, hat Ye gesagt. "Das ist ein bisschen unfair."

Dann fasst sie Mut und geht in die Offensive: "Aus anderen Ländern haben viele Schwimmer viele Medaillen gewonnen. Warum kritisieren sie nur mich?" Neben der Chinesin sitzt die US-Amerikanerin Caitlin Leverenz, die Bronze gewonnen hatte. "Ich gratuliere Ye Shiwen zu einem großartigen Wettkampf", sagt sie. "Es ist nicht mein Job, mit Fingern auf andere zu zeigen. Es ist Aufgabe der Fina (Schwimm-Weltverband, Anm. d. Red.) und der Antidopingagenturen, solche Dinge zu klären."

"Wer hart trainiert, kann alles schaffen"

Ein Berichterstatter der staatlichen Zeitung "China Daily" will wissen, ob Leverenz glaube, dass es mit rechten Dingen zugehe, wenn Frauen so schnell wie Männer schwimmen. Leverenz sagt wieder, dass sie nicht mit den Fingern auf Konkurrenten zeige. Da klatscht ein chinesischer Journalist laut und begeistert. Eine andere Chinesin, auch von "China Daily", will wissen: "Ye Shiwen, würdest Du Dich als Genie bezeichnen?" Das Mädchen sagt: "Ich trainiere seit neun Jahren morgens und abends zweieinhalb Stunden. Wer hart trainiert, kann alles schaffen. Jeder kann ein Genie werden."

Es ist ein Kulturkampf, der nahe der olympischen Schwimmhalle ausgetragen wird. Aber dieser Kulturkampf verläuft nicht nur zwischen Nationen. Auch unter den Journalisten, die nicht aus China kommen, gibt es etliche, die Dopingfragen für skandalös halten. Es gibt Gläubige - und es gibt Zweifler. Wie Ye damit umgeht, ist erstaunlich. Sie sucht den Blickkontakt zu den Ausländern. Sie weicht nicht aus.

Kein Vergleich zu jenen muskelbepackten, schüchternen Mädchen, die China in den neunziger Jahren etwa bei der Weltmeisterschaft 1994 Medaillen sammeln ließ - eine Generation, die fast komplett des Dopings überführt wurde. Ye wird von keinem Funktionär oder Trainer begleitet, der ihr Antworten vorgibt, den Mund verbietet oder sie korrigiert.

Kein Weltrekord über 200 Meter

Was kaum jemand im gut gefüllten Raum bemerkt: Am Rande steht eine chinesische Reporterin, macht auf den Rückseiten der Ergebnislisten Notizen und hält sie Ye entgegen. Werden ihr also doch Antworten vorgegeben, nur nicht von Funktionären, sondern von Journalisten?

"Nein, nein, nein", sagt die Frau mit den Zetteln etwas später. Sie heißt Xin Zhou und arbeitet für die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua. "Ich wollte ihr nur helfen. Ich habe ihr aufgeschrieben, dass sie ausführlicher antworten soll. Sie hat doch viel mehr zu sagen, als nur ein paar abgehackte Sätze. Und sie hat nichts zu verbergen."

Über die kurze Lagendistanz hat Ye Shiwen überraschend keinen Weltrekord aufgestellt. Sie gewann in olympischer Bestzeit (2:07,57 Minuten) relativ knapp vor der Australierin Alicia Coutts, die eine halbe Sekunde zurücklag, und Caitlin Leverenz. Sie habe sich nicht nervös machen lassen, sagte Ye. Trainer und Mannschaftskollegen hätten ihr geholfen, alles Negative auszublenden.

Dann ist die Pressekonferenz beendet. Michael Phelps wartete schon draußen. Gern hätte man Ye ausführlicher nach ihren Erfahrungen in Australien befragt, wo sie Ende 2011 für zwei Wochen trainierte. Sie deutete nur an, dass ihr und ihrem Trainer das etwas lockerere Herangehen der Australier nicht so sehr behagte.

"Das ist eine andere Kultur", sagt die Journalistin Xin Zhou. In anderen Nationen mag man Schwimmen aus Spaß und Freude betreiben. "In China ist das ein Job. Ye Shiwen wird für das Schwimmen bezahlt. Sie macht nur ihre Arbeit."



insgesamt 172 Beiträge
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Seite 1
Arno Nühm 01.08.2012
1. Doping ist die Regel, nicht die Ausnahme
Zitat von sysopAPUnd wieder Ye Shiwen: Die chinesische Schwimmerin triumphierte in London auch über 200 Meter Lagen. Mehr denn je werden jetzt Fragen nach Doping laut. Anders als frühere Athletinnen aus China zieht sich die 16-Jährige nicht zurück - sie stellt sich selbstbewusst den Journalisten. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847571,00.html
Ich behaupte mal frech, dass jeder Medalliengewinner in einer Ausdauer- oder Kraftsportart gedopt ist, wenn er Weltrekorde aufstellt erst recht. Die Wenigen Ausnahmen, die es hier und da mal geben wird, bestätigen höchstens die Regel. Viele dieser Athleten wird man nicht überführen können, aber sie werden in den nächsten Jahren unerklärliche Leistungseinbrüche haben, wenn die entsprechenden Substanzen nachweisbar werden und abgesetzt werden müssen (hallo Herr Biedermann). Im Spitzensport von der Unschuldsvermutung auszugehen ist naiv.
spon_2114428 01.08.2012
2. Die Amerikaner waren natürlich auf dem Mond
Zitat von sysopAPUnd wieder Ye Shiwen: Die chinesische Schwimmerin triumphierte in London auch über 200 Meter Lagen. Mehr denn je werden jetzt Fragen nach Doping laut. Anders als frühere Athletinnen aus China zieht sich die 16-Jährige nicht zurück - sie stellt sich selbstbewusst den Journalisten. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847571,00.html
Warum wir bei den Chinesen der Erfolg hinterfragt und mit Doping in Verbindung gebracht ? Ein Herr Phelps kann aber wie selbstverständlich ein Fabelweltrekord nach dem anderen erschwimmen, ohne das nur irgendjemand auf die Idee käme, ihn des Betruges zu bezichtigen ?
Opa 01.08.2012
3. optional
Aus den bisherigen Ergebnissen bzw. der Art des Trainings könnten die deutschen Sportler sicherlich etwas lernen, nämlich hart zu trainieren und den Sport als Job, für den sicherlich die dt. Sportler besser verdienen als die chin. Sportler, auffassen und nicht das"Fell des Bären zerlegen, bevor er geschossen worden ist In der Berichterstattung über die chin. Sportler klingt immer noch ein bischen der kalte Krieg mit Kaufmann
Fred_MUC 01.08.2012
4. Gönnen wir Ye Shiwen die Medallie
Sie hat hart dafür gearbeitet. Alles andere können wir aus unsere Warte nicht beurteilen. Dem Pianisten Lang-Lang hat auch niemand Doping vorgeworfen.
spiekr 01.08.2012
5. Der schändliche Umgang mit Ye
basiert auf der Arroganz des Westen gegenüber China, wie er sich auch in vielen anderen Bereichen äußert. Als China noch (kommunistisch) bettelarm war gab es vorgespieltes Mitleid, jetzt herrscht überwiegend Panik vor diesen pflichtbewußten Menschen, die bei viel Leistung & wenig Lohn wesentlich weniger leiden als wir. Der Hass wird konzentriert auf die KPC = die böse Partei und man fühlt sich befleissigt, die (einfachen) Chinesen ansonsten als ganz ok zu bezeichnen. Diese Trennlinie zwischen Volk und Führung ist ein Hirngespinst; denn in kaum einer westlichen Demokratie ist die Zustimmungsrate zur Regeirung höher als in China.
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