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Olympia-Debakel der Schwimmer: Ratlos im Wasser und an Land

Foto: Michael Kappeler/ dpa

DSV-Debakel in London Keine Erfolge, keine Talente, keine Trainer

Die Bilanz des Deutschen Schwimm-Verbands nach den Spielen von London fällt katastrophal aus. Die DSV-Führung ergeht sich in einer gnadenlosen Fehleranalyse. Persönliche Konsequenzen schließen die Funktionäre allerdings aus.

Die Kapitulationserklärung verlas der Sportdirektor höchstpersönlich. Der Deutsche Schwimmverband wollte nach den medaillenlosen Tagen von London Bilanz ziehen, es wurde zu einer beispiellosen Abrechnung mit sich selbst. Die Athleten, die Trainer, der Verband, die Strukturen - sie alle haben aus Sicht von DSV-Sportdirektor Lutz Buschkow versagt. Es hätte nicht viel gefehlt, und Buschkow hätte den DSV, in dem er selbst leitend tätig ist, auch noch für den Regen in London verantwortlich gemacht.

Kein einziges olympisches Edelmetall für die deutschen Schwimmer - das ist die desaströse Bilanz. "Wir haben es nicht geschafft, den Abwärtstrend, den es seit den Spielen 2004 gibt, zu stoppen", eröffnete Buschkow. "Unsere Topathleten konnten ihre Leistung nicht abrufen, wir haben den Anschluss an die Weltspitze verloren", ging es weiter. Den Schwimmern fehle es an einer "stabilen Wettkampfstruktur", sie hätten keine "Belastungsverträglichkeit", ein "zu geringes Ausdauerniveau", der "Regenerationsprozess dauert bei unseren Schwimmern länger als bei den Athleten anderer Nationen".

Warum dem DSV dies allerdings nicht alles schon vor den Spielen klar war und der Verband mit dem DOSB dennoch eine Zielvorgabe von sechs Medaillen vereinbarte, blieb sein Geheimnis. "International gab es seit dem Vorjahr eine Leistungsexplosion, bei uns hat sie nicht stattgefunden", so DSV-Präsidentin Christa Thiel.

Andere Nationen sind an Deutschland vorbeigezogen

Immerhin widerstand der Verband der Versuchung, die Leistungen der Schwimmer in irgendeiner Form schönzureden. Der DSV hatte zumindest mehr Finalplätze zu verzeichnen als vor vier Jahren in Peking. Dort überstrahlten die zwei Olympiasiege von Britta Steffen noch die damals schon maue Bilanz. "Deutschland ist zum Schwimm-Entwicklungsland verkommen", hat der frühere DDR-Weltklasseschwimmer Roland Matthes in einem Interview mit der "Welt" gesagt.

Dabei geht es nicht um einen Vergleich mit den USA oder gar mit China, deren umstrittenen Trainingsmethoden in Deutschland sowieso nicht vermittelbar wären. Es geht darum, sich an Nationen wie Frankreich oder den Niederlanden zu messen, die beide auch in London Goldmedaillen zu feiern hatten. "Wir hatten mal eine europäische Vorherrschaft im Schwimmen, die haben wir verloren", sagte Thiel. Sie hatte aber auch einen Erfolg vorzuweisen: "Gestern habe ich mich mit meinem französischen Kollegen getroffen. Der hat mir sein erfolgreiches Konzept zum Draufschauen überlassen."

"Zuletzt mehr Karpfen als Delfine gesichtet"

Die Zukunft sieht der DSV ähnlich trübe wie die Gegenwart: "Wir haben kein Supertalent in Aussicht, von dem wir sagen könnten, das garantiert uns in drei, vier Jahren erste Plätze", sagt DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff. Was auch daran liege, dass das Sichtungssystem des Nachwuchses nicht funktioniere. Buschkow formuliert: "Wir haben zuletzt mehr Karpfen als Delfine gesichtet."

Ausgenommen von der Generalkritik wurde von den Sportlern lediglich Steffen Deibler, der mit Finalplätzen und starken Zeiten überzeugte. Aber schon sein Bruder Markus, in derselben Trainingsgruppe und beim selben Coach wie Steffen, war in London eine Enttäuschung: "Da fehlen auch einem Trainer die Erklärungen", so Buschkow.

Überhaupt, die Trainer. "Wir haben in Deutschland ein Trainerproblem, es fehlen qualifizierte Leute in allen Bereichen", so der Sportdirektor. Die Außendarstellung des DSV gilt mittlerweile als so katastrophal, dass niemand großes Interesse am derzeit freien Job des Bundestrainers hat: "Wir haben nur eine Handvoll Bewerbungen vorliegen."

Zuletzt hatte Dirk Lange dieses Amt inne, der Verband trennte sich von ihm nach ständigen Reibereien mit Buschkow. Dass Lange jetzt zu den schärfsten Kritikern des DSV zählt, nennt der Sportdirektor "nichts als Nachtreten". Lange sei schließlich jahrelang selbst Teil des Systems gewesen. Wie Buschkow. Wie Thiel.

Personelle Konsequenzen in der Führungsebene hat man beim DSV nicht vorgesehen. Generalsekretär Fornoff sagt: "Es geht hier ja nicht um das Versagen eines Einzelnen." Damit hat er Recht: Es geht um das Versagen aller.

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