Transparenz in der Sportförderung Verhindern, verschweigen, verdrängen

Wer bekommt welche Gelder, wer soll wie viele Medaillen holen? Bislang haben DOSB und Bundesinnenministerium zu diesem Teil des Systems der Sportförderung geschwiegen. Nun hat ein Gericht entschieden, dass die Informationen offengelegt werden müssen. Akzeptiert Minister Friedrich dieses Urteil?
Chef de Mission Vesper: Sind die alten Ideale verschollen?

Chef de Mission Vesper: Sind die alten Ideale verschollen?

Foto: Getty Images

Michael Vesper ist Gründungsmitlied der Grünen. Er war einmal Minister für Bauen und Wohnen in Nordrhein-Westfalen und stellvertretender Ministerpräsident. Zu den Idealen seiner Partei zählt auch die Forderung nach Transparenz in Politik und Verwaltung.

Doch wer Vesper am Donnerstagmorgen in London erlebt hat, als er beflissen neben Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) stand, musste sich unweigerlich fragen, ob seine grünen Ideale verschollen sind. Als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) steht Vesper jedenfalls für das Gegenteil von Transparenz.

In Sportdeutschland gibt eine sportpolitischer Allianz die Richtung vor. Deren Exponenten sind Vesper (Bündnis 90/Die Grünen), DOSB-Präsident Thomas Bach (FDP), Bundesinnenminister Friedrich (CSU) und BMI-Staatssekretär Christoph Bergner (CDU). Als Assistenten fungieren die CDU-dominierte Sportabteilung des Bundesministerium für Inneres (BMI), die im beschaulichen Bonn residiert, und jene CDU/FDP-Koalitionäre im Bundestag, die vor einigen Monaten beschlossen haben, Journalisten von den Sitzungen des Sportausschusses auszuschließen.

Gericht ordnet Veröffentlichung der Zielvereinbarung an

Diese Sportfamilie, meist sogar von SPD und Linken sekundiert, hat bisher stets verhindert, dass wichtige Dokumente der deutschen Sportförderung veröffentlicht werden. Es geht vor allem um die sogenannten Zielvereinbarungen mit den Fachverbänden, in denen Medaillen- und andere Verbandsziele sowie die Höhe der staatlichen Zuwendungen festgeschrieben sind.

Am Mittwoch hat das Verwaltungsgericht Berlin der Klage des Journalisten Daniel Drepper von der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) stattgegeben und die Veröffentlichung der Zielvereinbarung durch das Bundesinnenministerium angeordnet. Im Gerichtsbeschluss wird auf ein "breites öffentliches Interesse" an Informationen über Verbandsförderung aus Steuermitteln und Medaillenzielen verwiesen. Die Veröffentlichung habe wegen der laufenden Olympischen Sommerspiele Dringlichkeit, urteilte die Kammer.

Dem DOSB und dem BMI, dem Hauptsponsor des olympischen Hochleistungssports, ist dieser Beschluss seit Mittwoch bekannt. Als der Minister und der DOSB-Generaldirektor aber am Donnerstag gefragt wurden, warum derlei Dokumente, die Auskunft über die Verwendung von Steuermitteln geben, geheim gehalten werden, sagten weder Friedrich noch Vesper etwas zum Sachverhalt. Sie verschwiegen den Beschluss des Verwaltungsgerichts.

Trotzdem behauptete Friedrich bei weiteren Nachfragen: "Unsere Entscheidungen sind transparent", sagte Friedrich. Dabei musste erst ein Gericht Transparenz anordnen. Und es bleibt abzuwarten, ob das Ministerium dem Beschluss überhaupt Folge leistet. Gegen die Entscheidung ist nämlich noch Beschwerde möglich.

Man sei "gegenüber dem Sportausschuss offen in der Informationspolitik" - auch das behauptete Friedrich. Und auch das stimmt nicht. Seit Jahren rügen vor allem Abgeordnete der Grünen, dass ihnen wichtige Informationen und Originaldokumente nicht vorgelegt werden.

Als DOSB-Chef und Chef de Mission in London war Vesper natürlich begeistert über den bisherigen Medaillensegen für Deutschland. Der ist geeignet, Diskussionen über Mängel der Sportförderung wieder zu verdrängen, trotz solcher Problemfälle wie den Deutsche Schwimmverband (DSV), der zum zweiten Mal nach 1932 in der Olympiageschichte wohl ohne Medaillen bleiben wird.

Leichtathletik-Verband positives Beispiel für Transparenz

Vesper sagte, er wolle die Lage im DSV nicht schön reden. Er sprach von Ansätzen, "es wirklich wissen zu wollen". Nur hat niemand diese Ansätze in London gesehen. Die Teamleitung der Schwimmer war quasi unsichtbar, wirkte hilflos und gab nur vereinzelt Kommentare ab. DSV-Präsidentin Christa Thiel hat nun schon den dritten indiskutablen Olympia-Auftritt nacheinander zu verantworten: Athen 2004, Peking 2008, wo die beiden Siege von Britta Steffen vieles übertünchten und nun London 2012. Sie wolle erst in Ruhe analysieren und nach den Spielen ihre Schlüsse ziehen, ließ Thiel verlauten.

Welch riesiger Unterschied zum zweiten olympischen Kern-Verband, den Leichtathleten, die sich am Donnerstag in London erstmals präsentierten. Der DLV hatte im Herbst 2004 eine Wende eingeleitet und ist mittlerweile flächendeckend von neuem Geist und Ideen geprägt. "Wir sehen mindestens einen Olympiasieger in der Leichtathletik", sagte DLV-Sportdirektor Thomas Kurschilgen, "aber wir messen Leistungen individuell."

DSV-Funktionäre haben sich in London versteckt, der DLV begann die Sommerspiele dagegen mit einer Charme- und Transparenzoffensive: Fachlich, präzise, offensiv, ansteckend begeisternd. Ein seltener Lichtblick.

In der London-Zielvereinbarung mit dem DLV hat der DOSB übrigens acht Medaillen verlangt. Die DLV-Leute, so hatte die "WAZ" kürzlich berichtet, haben nach langen Diskussionen einfach unterschrieben. "Sonst hätten wir viel zu lange auf das Geld gewartet oder es gar nicht bekommen. Und dann hätten wir unsere Förderaktivitäten reduzieren müssen", sagte der ehemalige Vizepräsident Eike Emrich.

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