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Deutsche Olympia-Bilanz: Viel zu viel gewollt

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Verfehlte Olympia-Ziele Blamage für Deutschlands Medaillenplaner

86 Medaillen insgesamt, 28 Mal Gold? Der jetzt veröffentlichte Medaillenplan des Innenministeriums hat mit der Realität von London nichts zu tun. Das Verfahren, nach dem dreistellige Millionensummen an Steuergeldern in den Spitzensport fließen, ist willkürlich und weltfremd. Es gehört radikal reformiert.

Das für den Leistungssport zuständige Bundesinnenministerium (BMI) hat sich dem juristischen und öffentlichen Druck gebeugt: Erstmals wurden Teile der bisher unter Verschluss gehaltenen Unterlagen zur Sportförderung veröffentlicht. Publik wurde zwar nur ein Bruchteil jener Unterlagen, die Journalisten des Recherche-Teams der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz und das Pressegesetz anforderten.

Klar ist aber, wie weit von der Realität die Vorgaben entfernt sind. Demnach haben BMI und der Dachverband Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) den 26 Sommersport-Verbänden für London 28 Goldmedaillen aufgetragen - und 86-mal Edelmetall insgesamt. Diese Zielstellung wurde kolossal verfehlt. Bis Freitagabend standen 10 Gold-, 17 Silber- und 11 Bronzemedaillen in der Bilanz.

Wie konnte es zu diesem gigantischen Widerspruch zwischen Anspruch und Wirklichkeit kommen?

Bei den veröffentlichten Zahlen handelt es sich um die sogenannten Zielvereinbarungen - in ihnen wird der Medaillenplan der derzeit 33 olympischen Sportverbände (26 für den Sommer- und sieben für den Wintersport) festgeschrieben. Auf dieser Grundlage werden Fördermittel aus dem Innenministerium verteilt. Das BMI bestimmt die Vorgaben und bleibt Herr des Verfahrens, der DOSB verhandelt direkt mit den Fachverbänden. Viele von ihnen haben sich über das Prozedere beklagt.

Der zugrundeliegende Vertrag, 2007 zwischen DOSB und BMI geschlossen, umfasst nur sechs Seiten. Er wurde vom auch heute noch amtierenden DOSB-Generaldirektor Michael Vesper unterzeichnet. Die Verantwortlichkeit liegt demnach klar bei der Politik. Das BMI, heißt es darin, "trifft sportpolitische Grundsatz- und Einzelentscheidungen".

Viele Sportfunktionäre kritisieren das. Ein olympischer Verbandspräsident sagte es einmal so: "Wir haben in Deutschland ein System des Staatssports, in dem eine Ministerialbürokratie willkürlich über Sportförderung und Steuermittel entscheidet. Wer in diesem Kartell nicht drinsteckt, hat Pech gehabt."

Eine umfassende, nachprüfbare Auflistung aller Zuwendungen existiert nicht

Neun Bundesministerien finanzieren mit rund 240 Millionen Euro pro Jahr Maßnahmen auf dem Gebiet des Sports. Der größte Anteil entfällt auf die Spitzensportförderung durch das BMI - es stellt 132 Millionen Euro aus Steuermitteln bereit. Aus dem zweitgrößten Sportetat, dem des Verteidigungsministeriums, werden die Hundertschaften von Sportsoldaten alimentiert, in diesem Jahr mit 63 Millionen Euro. Außerdem wurden sechs Millionen aus dem BMI-Einzelplan für die Olympia-Vorbereitung verwendet.

Tatsächlich aber kommt viel mehr zusammen, weil viele Zurechnungen unklar bleiben und auf anderer Ebene ebenfalls Steuermittel in den Spitzensport fließen. Eine umfassende, nachprüfbare Auflistung aller Zuwendungen - lokal, regional, bei Bundespolizei und Zoll - existiert nicht. Das ist in anderen Ländern anders, etwa in Großbritannien und Dänemark. Dort sind Zuwendungen und Medaillenpläne öffentlich.

DOSB-Generaldirektor Vesper und Sportminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatten sich gegen die Veröffentlichung mit der Begründung gewehrt, sie würde die Interessen Dritter verletzen - die der Verbände. Ein fadenscheiniges Argument. Einige Verbände hatten überhaupt kein Probleme mit einem Mehr an Transparenz. Tatsächlich wehren sich immer mehr Verbände gegen die Bevormundung von DOSB und BMI. Schließlich wurden die Medaillenvorgaben weniger im Konsens als vielmehr unter Druck formuliert.

Das BMI gab zwei "WAZ"-Reportern nun lediglich die Medaillenvorgaben sämtlicher Verbände heraus. Die eigentlichen Unterlagen aber, Verträge und etliches mehr, werden weiter unter Verschluss gehalten. Dabei hatte das Verwaltungsgericht Berlin im Juli mit großem öffentlichen Interesse und Dringlichkeit argumentiert - und die Veröffentlichung aller Dokumente angeordnet.

Mehr als die nackten Zahlen gibt der sportpolitische Komplex bisher nicht frei. So sieht die Planung für die Winterspiele 2014 in Sotschi 17 Siege und 40 Podestplätze vor. Zum Vergleich: Bei den Winterspielen 2010 in Vancouver gewannen deutsche Athleten aber nur 10-mal Gold, 13-mal Silber und 7-mal Bronze. Geplant waren damals 17 Olympiasiege und 40 Medaillen insgesamt.

Die Koalition von CDU/CSU und FDP hat das Vorgehen des BMI stets gedeckt, Transparenz blieb auf der Strecke. Einige dieser Koalitionäre verbreiten nun vollmundig, nach den Olympischen Sommerspielen sei eine "Zäsur" der Sportförderung nötig.

Deutsche Medaillenwertung und -Ziele der Olympischen Sommerspiele 2012

Verband Medaillen
-Ziele
GOLD
Medaillen
-Ziele
GESAMT
Medaillen
-Bilanz
GOLD
Medaillen
-Bilanz
GESAMT
Badminton-Verband - 1 - -
Basketball Bund - - / /
Boxsport-Verband - 2 - -
Fechter-Bund 2 4 - 2
Fußball-Bund - 1 / /
BV Dt. Gewichtheber 1 1 - -
Handballbund 1 2 / /
Hockey-Bund 1 2 1 1
Judo-Bund 2 4 - 4
Kanu-Verband 3 9 3 8
Leichtathletik-Verband 2 8 1 8
Moderner Fünfkampf - 1 - -
Bund Dt. Radfahrer 3 8 1 6
Reiterl. Vereinigung 2 5 2 4
Ringer-Bund - 3 - -
Ruderverband 4 6 2 3
Schützenbund 2 5 - -
Schwimm-Verband 3 12 - 1
Segler-Verband - 2 - -
Taekwondo Union - 2 - 1
Tennis Bund* - - - -
Tischtennis-Bund - 1 - 2
Triathlon-Union - 1 - -
Turner-Bund 1 4 - 3
Volleyball-Verband 1 2 1 1
28 86 11 44
Quelle: BMI
*keine Zielvorgabe definiert
/ kein Team qualifiziert

Wären sie ihrer Verantwortung als Kontrolleure des BMI und der Steuermittel nachgekommen, hätte diese Zäsur schon vor Jahren eingeleitet werden können. Sie hätte im Rahmen einer wirklich öffentlichen Debatte stattfinden müssen. Und nicht hinter verschlossenen Türen in sportpolitischen Zirkeln.