Hochspringerin Friedrich Abseits der Norm

Ariane Friedrich darf in London starten, obwohl sie die Norm verfehlte. Kritiker sind empört, lästern über "schrill kolorierten Haare". Zuletzt sorgte die Hochspringerin für Aufregung, als sie sich gegen sexuelle Belästigung im Internet wehrte. Nur ein Wunder könnte sie in Medaillennähe bringen.

dapd

Aus London berichtet


Die Disziplin heißt Hochsprung, aber Ariane Friedrich ist dem zuletzt nur selten gerecht geworden. "Ich weiß: Jeder erwartet, dass ich nicht ins Finale komme", sagt die 28-Jährige vor Beginn der Qualifikation am Donnerstagvormittag selbst. Es gab auch viele, die gar nicht erst erwartet haben, Friedrich überhaupt bei diesen Olympischen Spielen in London antreten zu sehen. Die Nominierung der Springerin durch den Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV), obwohl sie die geforderte sportliche Norm nicht erreicht hatte, war der vorolympische Aufreger im DLV.

Aufreger - davon hat Friedrich in ihrer Karriere einige produziert. Und auf so manchen hätte sie gerne verzichtet. Auf die Facebook-Affäre in diesem Frühjahr, als sie einen Mann, der sie via Internet sexuell belästigt hatte, geoutet hatte. Auf die schwere Verletzung im Dezember 2010, als ihr die Achillessehne riss und sie über ein Jahr keinen Wettkampf bestreiten konnte. Auf die ebenso verzweifelten wie vergeblichen Versuche, bei ihrem Comeback im Olympia-Jahr sportlich wieder an die alten Leistungen anzuknüpfen.

Die Hochspringerin gehört zur Leichtathletik-Prominenz. Neben Diskuswurf-Olympiasieger Robert Harting ist sie der bekannteste Star, den der DLV momentan aufzubieten hat. Sie bedarf nicht ihrer im Olympia-Jahr pink gefärbten Haare, um aufzufallen. Polarisiert hat sie immer.

Zu ihren Top-Leistungen hat sie nicht zurückgefunden

Friedrich hat im WM-Jahr 2009 die Weltklasse-Höhe von 2,06 Metern übersprungen. In diesem Jahr ist es ihr nicht gelungen, über 1,92 Meter hinauszukommen. Das sind im Hochsprung Welten, die dazwischen liegen. Der DLV hat sie trotzdem nach London mitgenommen. Sportdirektor Thomas Kurschilgen hat dies ausführlich begründet. Unter anderem hat er davon gesprochen, dass "ihre Zubringerleistungen im Trainingsprozess einen deutlichen Leistungsanstieg in den folgenden Wochen prognostizieren lassen". Hieraus könne man "die Prognose der Finalfähigkeit ableiten".

Das sehen andere nicht so. Die zweifache Hochsprung-Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth hat die Nominierung Friedrichs scharf kritisiert und gesagt: "Man kann dem DLV nur wünschen, dass weniger schrill kolorierte Haare als vielmehr Leistungen die Olympia-Wildcard rechtfertigen und Farbe in den Hochsprung der Frauen bringen."

Nasse-Meyfarth war in den siebziger und achtziger Jahren das bekannteste Gesicht der deutschen Leichtathletik, sie hat es fertig gebracht, zwölf Jahre nach ihrem Olympia-Triumph von München auch bei den Spielen in Los Angeles zu siegen. National hatte sie damals nur eine Kollegin zu fürchten: Brigitte Holzapfel. Holzapfel ist heute Bundestrainerin der Hochsprung-Frauen, und ohne Friedrich hätte sie keine Springerin zu den Spielen entsandt. Holzapfel heißt heute Kurschilgen und ist mit dem für die Nominierung zuständigen DLV-Sportdirektor verheiratet.

"Das Gefühl entwickeln: Ich zeige es euch allen"

Der DLV hat vehement zurückgewiesen, dass dies in irgendeiner Weise bei Friedrichs Nominierung eine Rolle gespielt habe. Man habe ausschließlich "sportfachliche Kriterien" angelegt, hat Sportdirektor Kurschilgen betont. Dennoch hat die Nominierung zu viel Aufregung geführt, innerhalb und außerhalb des Verbands. Den Druck auf Friedrich hat das nicht gemindert.

Ihr Heimcoach und Manager Günter Eisinger, der früher auch die Weltklassespringerin Heike Henkel betreut hatte, verlangte kurz vor der Anreise nach London von Friedrich: "Sie muss das Gefühl entwickeln: Ich zeige es euch allen." Drucksituationen sind der Springerin nicht fremd. Auch 2009, als sie in Top-Form war, war die Erwartungshaltung ihr gegenüber vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land extrem hoch. Damals, als sie Gold wollte, war der Druck zu hoch - sie musste sich mit Bronze begnügen.

Die Erwartungen sind mittlerweile geringer, auch wenn ihre damals große Konkurrentin Blanka Vlasic aus Kroatien in London verletzungsbedingt gar nicht am Start ist. Dennoch: Friedrich hat durch ihre Nominierung einen Vorschuss des Verbands erhalten. Sie sollte ihn durch Leistung zurückzahlen.

Ex-Springerin Henkel hat jüngst in einem Interview mit der "Welt" gesagt: "Im Hochsprung brauchst du einen freien Kopf." Den hat Ariane Friedrich derzeit in keinem Fall.



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Seite 1
eisbaerchen 09.08.2012
1. Wenn mal so
Zitat von sysopdapdAriane Friedrich darf in London starten, obwohl sie die geforderte Norm verfehlt hat. Kritiker sind empört, lästern über ihre "schrill kolorierten Haare". Zuletzt sorgte die Hochspringerin für Aufregung, als sie einen Stalker auf Facebook outete. Nur ein Wunder könnte sie in Medaillennähe bringen. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,848939,00.html
strenge Kriterien bei der ganzen mitreisenden Funktionärsbagage angelegtwerden würden würde ich mich freuen...nun lasst sie doch mal springen, wenn wir sonst dort nichts aufzubieten haben..viel Erfolg, Frau Friedrich..
weizenbier warrior 09.08.2012
2. Echtmensch
Ob sie höher springen kann als andere ist mir sowas von egal. Aber die gefärbten Haare sind cool und auch die Aktion auf Fratzebuch - es scheint sich um einen echten Menschen zu handeln und keinen Funktions-Zombie. Sehr gut!
wolfgangotto 09.08.2012
3. schrill!
Es gibt Menschen, die süchtig nach öffentlicher Aufmerksamkeit sind und tun dem Sport damit keinen Gefallen, schon gar nicht als Vorbild. Denn nichts ist objektiver als Messergebnisse im Sport. Wenn ich gut bin, brauche ich nicht anzugeben, wenn ich schlecht bin vermittle ich mit solchem Verhalten das Bild eines Angebers.
EricCartman 09.08.2012
4. Typisch für diese Gesellschaft
Statt Leistung wird nur der Glamourfaktor gewertet. Was hat Frau Friedrich denn bisher Großes geleistet? Immer die Klappe weit aufgerissen und dann kam gar nichts. Ein Vergleich mit dem Tripple-Sieger Harting ist ja wohl die absolute Frechheit. Dessen Erfolge wird Frau Friedrich niemals erreichen. Aber was hat sie zu verlieren, ist ihr doch trotz mäßiger Leistungen ein Beamtenjob auf Lebenszeit sicher. Kein Wunder, dass uns andere Nationen links und rechts überholen.
Dr. Fuzzi 09.08.2012
5. Och Joh!
Hier wird glasklar deutlich, das im DLV mit zweierlei Maß gemessen wird und die sportliche Leistung höchstens an zweiter Stelle steht. Der eine schafft die Norm, "funktioniert" aber nicht im Sinne der Funktionäre und wird daher geschasst. Die andere schafft nicht die Norm, "funktioniert" aber im Sinne der Funktionäre und wird doch nominiert. Frau Duplitzer hat mit ihrer massiven Kritik am "Funktionärs-Sportsystem" scheinbar doch recht!
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