Gewichtheber-Star Steiner Unter der Last begraben

Es war einer der Schreckmomente dieser Spiele: Matthias Steiner, getroffen von einer 196 Kilogramm schweren Hantel. Der Olympiasieger von Peking scheint einigermaßen glimpflich davon gekommen zu sein. Aber das Projekt Titelverteidigung war gescheitert - nicht nur wegen des Unfalls.

Gewichtheber Matthias Steiner: Weitere Untersuchungen in den nächsten Tagen
Getty Images

Gewichtheber Matthias Steiner: Weitere Untersuchungen in den nächsten Tagen

Aus London berichtet


Matthias Steiner gebührt das Verdienst, einer Nischen-Sportart dramatische Momente zu verleihen. Es gibt nur wenige olympische Disziplinen, die hierzulande so wenig öffentliche Aufmerksamkeit genießen wie das Gewichtheben.

Und es gibt gleichzeitig wenige deutsche Sportler im Olympiakader, die so bekannt sind wie der Gewichtheber Steiner.

2008 in Peking sorgte er für die Human Interest Story der Spiele, als er nach dem Olympia-Erfolg das Foto seiner kurz zuvor tödlich verunglückten Frau bei der Siegerehrung präsentierte. Und am Dienstagabend lieferte er erneut eines der Bilder der Spiele ab: Steiner, begraben unter seiner Hantel.

Es war ein Schreckmoment, der leicht zum Schreckensmoment hätte werden können. Der deutsche Superschwergewichtler hatte in seinem zweiten Versuch im Reißen 196 Kilogramm auflegen lassen. Zu viel für ihn an diesem Abend. Beim Bemühen, das Gewicht nach oben über den Kopf zu stemmen, verlor er die Kontrolle, die Hantel rutschte ihm aus der Hand, und die 196 Kilogramm stürzten ihm in den Nacken. Helfer waren sofort zur Stelle, um Steiner von der auf ihm liegenden Last zu befreien - und gleichzeitig dem Publikum den Anblick auf den hilflos daliegenden Athleten mittels einer Sichtblende zu verstellen.

Fotostrecke

7  Bilder
Gewichtheber Steiner: Schrecksekunde beim zweiten Versuch
Steiner konnte wieder aufstehen, schüttelte sich, machte sogar noch eine Geste der Entschlossenheit in Richtung Zuschauerraum - doch der Wettkampf war für ihn beendet, bevor er richtig begonnen hatte. Der Titelverteidiger ließ sich im Aufwärmraum zwar noch den Nacken massieren, versuchte noch einmal, sich für seine Spezialität, das Stoßen, fit zu machen. Aber das half nichts. Statt zurück auf die Heberbühne ging es für ihn ins Krankenhaus.

"Er hat eine Rückenverletzung erlitten. Die ersten Untersuchungen am Wettkampfort, die vom dort tätigen Unfallarzt und mir vorgenommen worden sind, haben aber keine größeren Verletzungen ergeben", teilte der leitende Mannschaftsarzt Bernd Wolfahrt später mit. Nach einer Untersuchung am Mittwochmorgen konnten die Mediziner Schäden an der Wirbelsäule ausschließen.

Steiner konnte letztlich sogar noch von Glück reden, auf ähnliche Art sind im Gewichtheben schon üblere Verletzungen zustande gekommen. Es scheint noch einmal relativ glimpflich für den Deutschen ausgegangen zu sein. Das Projekt Titelverteidigung war damit allerdings schnell erledigt, den Olympiasieg in London holte sich stattdessen derjenige, der ohnehin als der große Goldfavorit galt: der Iraner Behdad Salimikordasiabi, der im Zweikampf insgesamt 455 Kilogramm in die Höhe brachte.

Favoritenrolle war er schon im Vorfeld losgeworden

Goldfavorit - das war Steiner trotz seines Sieges 2008 schon im Vorweg nicht gewesen. Dazu war zu viel seit dem denkwürdigen Triumph von Peking passiert. Mit der Gesundheit Steiners - noch im Herbst hatte er sich eine schwere Knieverletzung zugezogen, die ihn monatelang zum Aussetzen gezwungen hatte - noch mehr aber mit seinem Leben.

Der Olympiasieg und Steiners emotionale Geschichte hatten den 29-Jährigen jäh aus der Anonymität herausgerissen und ihm unvermittelten Starruhm beschert. Er war mit einem Mal so etwas wie der Heber der Herzen. Aus einem Randsportler war ein Prominenter geworden, herumgereicht in Talkshows, auf Gala-Veranstaltungen und Celebrity-Partys.

Steiner hat das gefallen, er hat mitgemacht und vieles mitgenommen, der Sport stand danach nicht immer im Mittelpunkt. Ein solcher gewichtheberischer Kraftakt wie 2008, als er sowohl im Reißen als auch im Stoßen persönliche Bestleistungen aufstellte und am Schluss 461 Kilogramm zur Hochstrecke gebracht hatte, ist ihm anschließend nicht mehr gelungen. Verletzungen haben ihn zudem immer wieder zurückgeworfen.

Der Steiner von 2012 ist nicht mehr der Steiner von 2008. Er selbst wird womöglich sagen, dass das auch gut so ist. Er hat sein Privatleben mittlerweile wieder neu ausrichten können, er ist nicht mehr der sportliche Nobody, der er mal war. Millionen vor dem Fernseher, die vor vier Jahren seinen Namen das erste Mal gehört haben, haben ihm am Dienstag die Daumen gehalten. Matthias Steiner ist ein Star. Aber aktueller Olympiasieger ist er seit Dienstag nicht mehr.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.