Kritik nach Schwimm-Debakel bei Olympia "Talente im Keim erstickt"

Wie geht es nach dem Olympia-Debakel der deutschen Schwimmer weiter? Die DSV-Verantwortlichen werden für ihren Trainingsaufbau und ihre Talentförderung kritisiert. Konsequenzen sind bislang aber noch nicht abzusehen.
Enttäuschte Schwimmer: Bei Olympia hinter Erwartungen zurückgeblieben

Enttäuschte Schwimmer: Bei Olympia hinter Erwartungen zurückgeblieben

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Hamburg - Die deutschen Schwimmer erleben bei den Olympischen Sommerspielen in London ein Debakel. Britta Steffen, Doppel-Olympiasiegerin von Peking, strich sich nach ihrem Halbfinal-Ausscheiden über 100 Meter Freistil selbst aus der "Weltspitze", Paul Biedermann beendete seine Wettkämpfe "etwas ratlos". Schon vor vier Jahren konnte das Schwimmteam die Erwartungen zwar nicht erfüllen - doch die Siege von Steffen und die Weltrekorde von Paul Biedermann ein Jahr später bei der WM ließen einige Zeit über die sportlichen Mängel des DSV-Kaders hinwegsehen.

Diesmal aber enttäuschten auch die großen Namen. Bislang kam kaum einer der 27 deutschen Schwimmer in London an seine persönlichen Bestzeiten herankam. Dabei hatte man Großes vor, in der Zielvereinbarung des Verbands mit dem Bundesinnenministerium wurden sechs Medaillen angegeben. Zweimal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze sollten her - doch nur Biedermann, Helge Meeuw, Markus Deibler und zwei Staffeln schafften es überhaupt in die Finalläufe. Eine Medaille sprang bislang aber nicht heraus.

Warnecke: Probleme im Trainingsaufbau

"Es wäre schön, wenn sportliche Leistungen nicht nur an Medaillen fixiert werden, sondern auch Finalleistungen anerkannt werden", sagte Leistungssportdirektor Lutz Buschkow. Doch als sportlich Verantwortlicher muss er sich Kritik stellen, unter anderem vom ehemaligen Weltmeister Mark Warnecke. "Unabhängig davon, was Britta Steffen über die 50 Meter noch leistet, haben wir es geschafft, unsere Talente systematisch im Keim zu ersticken - das ist auch eine Kunst", schrieb der Olympia-Dritte von Atlanta in einer Kolumne beim Nachrichtenportal Sport1: "Bei uns werden Fördergelder verballert." Er unterstützt damit die Aussagen der Degenfechterin Imke Duplitzer, die ebenfalls vor Beginn der Olympischen Spiele die Arbeit der deutschen Sportfunktionäre bemängelt hatte.

Nach Ansicht Warneckes liegen die größten Probleme des DSV im Trainingsaufbau: "Seit Peking 2008 wird ein großer wissenschaftlicher Aufwand betrieben, aber der Ertrag bleibt aus." Buschkow, der seit vier Jahren den Leistungssport koordiniert, mache einen schlechten Job. "Ob man ihn oder irgendeine Marionette einsetzt, ist vollkommen egal", schrieb Warnecke.

Buschkow sagte, er selbst müsse die Ergebnisse von London erst verkraften: "Am Ende bin ich bereit, ein Fazit zu ziehen. Das bedarf einer intensiven Analyse." Er wird sich genau überlegen müssen, mit wem er die ausgeschriebene Stelle des neuen Bundestrainers besetzt - und ob er selbst weitermachen möchte.

Vesper verspricht gründliche Aufarbeitung

Unterstützung darf Buschkow dabei von DOSB-Generaldirektor Michael Vesper erwarten - der kündigte seinerseits eine gründliche Aufarbeitung der Schwimm-Ergebnisse an. "Wir müssen jetzt erst mal die letzten Wettkämpfe abwarten. Danach wird man analysieren und Konsequenzen ziehen", sagte Vesper.

Warnecke will indes noch nicht alle Hoffnungen begraben: Man müsse "jetzt den Mut haben, ganz neu anzufangen. Das würde vier bis acht Jahre dauern, aber es ist die einzige Möglichkeit", schrieb er. "Ein Phelps ist aber nicht aus der Wissenschaft geboren. Er hat sein Ding gemacht, dann wurde er analysiert, und es wurde versucht, ihn zu kopieren. Man hängt also seit Jahren oder Jahrzehnten hinterher, anstatt auf Innovationen zu setzen."

psk/sid