Turner Nguyen und Hambüchen Der silberne Jahrgang

Mit drei Silbermedaillen waren Deutschlands Turner bei den Olympischen Spielen in London so erfolgreich wie lange nicht. Doch es ist zweifelhaft, dass Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen ihr Niveau bis zu den nächsten Spielen in Rio halten können. Nachfolger sind bislang nicht in Sicht.

Turner Nguyen (l.), Hambüchen: "Wir sind glücklich"
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Turner Nguyen (l.), Hambüchen: "Wir sind glücklich"

Aus London berichtet Sandra Schmidt


"Jetzt sind wir erstmal alle glücklich", sagte Bundestrainer Andreas Hirsch am Abschlusstag der Turnwettkämpfe in London. Glücklich sind allen voran Marcel Nguyen - er gewann nach Silber im Mehrkampf am Dienstag Silber am Barren - und Fabian Hambüchen mit Silber am Reck. Glücklich ist auch der Deutsche Turner-Bund, schließlich bedeuten Medaillen auch Fördergelder für die Zukunft. Das deutsche Männerturnen konnte seinen Aufschwung fortsetzen, zumindest was die Anzahl des Edelmetalls angeht.

Für diesen Aufschwung steht vor allem der Jahrgang 1987, also Hambüchen, Nguyen und Philipp Boy. Diese Turn-Generation betrat die Bildfläche im Jahr 2004, als in Deutschland ein Millionenpublikum den sechzehnjährigen Hambüchen im Reckfinale von Athen zusah. Er gewann in den folgenden Jahren eine ganze Reihe internationaler Medaillen. 2007 bei der WM in Stuttgart wurde klar, dass er nicht alleine ist: Das Team holte Bronze. In Peking 2008 landete die Mannschaft auf einem hervorragenden vierten Rang und der ehrgeizige Hambüchen, der von seinem Vater Wolfgang exklusiv betreut wird, gewann mit Bronze am Reck die einzige Medaille. Das Silber von London nannte Hambüchen seinen "größten Sieg".

Zuletzt steuerten andere weitere Medaillen bei: Der sprunggewaltige Matthias Fahrig wurde Boden-Europameister, der elegante Philipp Boy zweimal hintereinander Vize-Weltmeister im Mehrkampf, das Leichtgewicht Nguyen wurde Doppel-Europameister am Barren.

Nguyen ist froh, "dass es vorbei ist"

Verantwortlich für diese Erfolge ist Bundestrainer Hirsch. Der 54-jährige Berliner ist seit zehn Jahren im Amt und hat sein Hauptaugenmerk immer auf das Teamergebnis gelegt. Nach außen eher ruhig, hat er sowohl den internen Wettbewerb als auch jeden Einzelnen gefördert. In diesem Jahr gab Hirsch Teambronze in London als Ziel vor. Dass dieses Ziel mit dem siebten Rang weit verfehlt wurde, interessierte nach den Erfolgen vom Dienstag niemanden mehr. Hirsch war einfach nur "stolz auf die Jungs".

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Olympia 2012: Die deutschen Silber-Turner

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel - das gilt für die Turner nur bedingt. Die Aufmerksamkeit, die sie bei Olympischen Spielen genießen, erleben sie nur alle vier Jahre. Bundesligafinals und Deutsche Meisterschaften finden fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Deshalb nehmen die Turner nun Olympia 2016 in Rio in den Blick. Valeri Belenki, Trainer von Nguyen, glaubt nicht, dass sein Schützling jetzt schon auf dem Zenit seiner Möglichkeiten sei: "Wir wollen nach Rio", sagte er, während Nguyen selbst nur froh war, "dass es jetzt endlich vorbei ist".

Boy, der sich nach diversen Verletzungen in der Vorbereitung für kein Einzelfinale qualifizieren konnte, sagte: "Mein Kopf und mein Körper brauchen jetzt erstmal eine Weile Ruhe vom Turnen."

Dem deutschen Nachwuchs fehlt das Potenzial

Hambüchen will ab Herbst in Köln Sport studieren. Das würde für ihn ein völlig neues Leben bedeuten, kann er doch neben einem Bachelor-Studium nur schwerlich bis zu 30 Stunden in der Woche trainieren, ganz unabhängig von der Frage, wo und mit welchem Trainer er das im Rheinland tun will.

Über die Zukunft will Bundestrainer Hirsch "erst in näherer Zukunft" reden. Er weiß wohl am besten, dass die Perspektiven für Rio 2016 ohne den 87er Jahrgang ziemlich düster aussähen. Zwar ergänzten in London mit Sebastian Krimmer und Andreas Toba, beide Jahrgang 1990, zwei jüngere Athleten das Team, aber ob sie je das Niveau der Etablierten erreichen, darf bezweifelt werden. Und der nachfolgende deutsche Nachwuchs, das zeigte zuletzt die Junioren-EM, ist weit entfernt vom Potenzial der aktuellen Stars.

International hat sich schon in London eine neue Generation vorgestellt: Nur zwei Einzel-Olympiasieger waren älter als 25. Und blickt man auf die Teams, aus Großbritannien, Russland oder den USA, fällt auf, dass deren Altersdurchschnitt rund drei Jahre unter jenem der Deutschen liegt.

"Die Geister, die man ruft, die verfolgen einen dann auch", hatte Hirsch im Frühjahr mit Blick auf die gestiegene Erwartungshaltung formuliert. Diese dürfte nun weiter steigen und genau das kann dem besonnenen Bundestrainer eigentlich nicht recht sein.

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