Deutsche Turner bei Olympia Hambüchen muss es richten

Der Olympia-Auftakt ging für die deutschen Turner daneben - im Team-Wettbewerb waren sie chancenlos, Philipp Boy patzte. Nun ruhen alle Hoffnungen auf Fabian Hambüchen: Der ehemalige Weltmeister wirkt bereit für ein großes Comeback.

DPA

Aus London berichtet Sandra Schmidt


Philipp Boy war untröstlich. Der deutsche Turner hatte bei der Teamentscheidung in London am Pauschenpferd zunächst noch einige Schwünge gerettet, musste aber dann absteigen und flog beim Kolman-Salto am Reck weitab der Stange direkt auf den Boden. "Ich bin derjenige, der die Fehler gemacht hat."

Der Montagabend endete für die Deutschen mit einem enttäuschenden siebten Rang, obwohl sich das Team vorgenommen hatte, bei der Medaillenvergabe mitzureden. Es dominierten die fehlerfreien Chinesen um Chen Yibing, der die eigene Mannschaftsleistung in der North Greenwich Arena in einem einzigen Wort treffend beschrieb: "Perfekt."

Weit entfernt von einer solchen Bewertung war die deutsche Mannschaft. Boys Abgang vom Reck wurde zum Sinnbild eines bitteren Abends. Dabei wäre - rein rechnerisch betrachtet - auch ohne die Fehler des angeschlagenen zweifachen Mehrkampf-Europameisters nur der fünfte Platz herausgekommen.

Die Präzision und Sicherheit in der Ausführung, die den deutschen Turnern in den vergangenen Jahren internationale Aufmerksamkeit und Medaillen eingebracht hatten, blitzten beim gesamten Team nur selten auf. "Eine Enttäuschung" nannte Bundestrainer Andreas Hirsch das Ergebnis.

Auch Nguyen in Topform

Der Modus des Teamfinals, bei dem alle drei gezeigten Übungen pro Gerät in das Endergebnis eingehen, verzeiht keine Fehler. Hirsch weiß das und hatte schon im Frühjahr gesagt, es brauche für eine Medaille der deutschen Turner in London drei Chancen, "weil es vielleicht zwei Mal schief geht, aber nicht drei Mal".

Nun gilt es also, die weiteren Chancen zu nutzen. Am Mittwoch starten Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen im Mehrkampf-Finale. Hier galt eigentlich der im internen Wettstreit ausgeschiedene Boy als Anwärter auf eine Medaille. Doch in der Qualifikation platzierten sich Hambüchen und Nguyen vor ihm, so dass er als drittbester Deutscher keine Chance erhalten wird.

Sowohl der von seinem Achillessehnenriss genesene Hambüchen als auch Nguyen scheinen in Topform zu sein. Hambüchen, der am Montag seine Reckübung auf einen Schwierigkeitsgrad von 7,5 Punkten aufstockte, erklärte sich mit Blick auf die Finalwettbewerbe "sehr zufrieden" mit seinen Leistungen.

Die Konkurrenz ist groß

Obschon in der Qualifikation auf Rang drei platziert, ist es fraglich, ob Hambüchen angesichts seiner Schwäche am Pauschenpferd für eine Mehrkampfmedaille gut genug ist. Mit dem dreimaligen Weltmeister Kohei Uchimura, dem Favoriten auf das Mehrkampf-Gold, den US-Amerikanern Danell Leyva und John Orozco sowie den zwei jungen Russen und Briten ist die Konkurrenz groß.

Auch das fortgeschrittene Alter der deutschen Turner könnte ein Problem werden. Der oft beschriebene goldene Jahrgang 1987 - ihm gehören Hambüchen, Boy und Nguyen an - ist im internationalen Vergleich eben nicht mehr jung. Etliche Mitkonkurrenten wie zum Beispiel der Russe David Beljawski sind mehrere Jahre jünger und entsprechend unbesorgter und frischer als die deutschen Routiniers.

In den Finals an den einzelnen Geräten, die ab Samstag stattfinden, könnte die Erfahrung allerdings wertvoll sein. Falls Hambüchen seine aufgestockte Reckübung fehlerfrei zeigt, ist er zweifellos ein Medaillenkandidat; gleiches gilt für den Barren-Europameister von 2011 und 2012 Nguyen, der überraschend auch im Bodenfinale steht.



insgesamt 8 Beiträge
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bartholomew_simpson 31.07.2012
1. Auf keinen Fall
soll (medialer) Druck auf Hambüchen und andere Hoffnungsträger aufgebaut werden.
kuehtaya 31.07.2012
2. Boy Team Problem
Zitat von sysopDPADas Olympia-Debüt ging für die deutschen Turner daneben - im Teamwettbewerb waren sie chancenlos, Philipp Boy patzte. Nun ruhen alle Hoffnungen auf Fabian Hambüchen: Der ehemalige Weltmeister wirkt bereit für ein großes Comeback. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847373,00.html
Philipp Boy wurden mit seinen extrovertiert vorgetragenen Missstimmungen, zum Problem für das ganze Team. Jeder kann Fehler machen oder versagen, aber die Üertragung eigenen Versagens auf das Team, sowas darf nicht passieren. Da ist erhebliche psychologische Nachschulung notwendig. Psychologisch schlecht eingestellte Olympiateilnehmer sind nicht mehr zeitgemäß und verursachen unnötige Kosten. Schliesslich kosten uns unsere Olympia "Soldaten" eine Menge Geld.
jan07 31.07.2012
3. zu viele Patzer
Es ist wirklich unglaublich, wie viele Athleten des deutschen Teams im entscheidenden Moment patzen und unter ihren Leistungen bleiben. An der Fitness scheint es nicht zu liegen, es ist wohl eher eine Kopfsache. Der DOSB sollte mal darüber nachdenken. Das kann kein Zufall mehr sein.
iradex 31.07.2012
4.
Zitat von sysopDPADas Olympia-Debüt ging für die deutschen Turner daneben - im Teamwettbewerb waren sie chancenlos, Philipp Boy patzte. Nun ruhen alle Hoffnungen auf Fabian Hambüchen: Der ehemalige Weltmeister wirkt bereit für ein großes Comeback. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,847373,00.html
Die Sache mit dem Alter legen sich die Journalisten aber auch immer zurecht, wie es ihnen gerade passt. Mal ist ein höheres Alter gut, da es für Ruhe, Erfahrung und Gelassenheit steht, mal ist es schlecht, da man nicht mehr so unverbraucht und frisch ist.
conbriol 31.07.2012
5. ... im internationalen Vergleich eben nicht mehr jung ...
Und das scheint nicht nur im Turnen so zu sein. Vielleicht sollten die Verantwortlichen `mal darüber nachdenken, ob wir unsere "Investitionen" nicht zu lange auslutschen?
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