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18. Juli 2016, 15:07 Uhr

Möglicher Olympia-Ausschluss

Bericht stellt systematisches Doping in Russland fest

Sportministerium, Labore, Geheimdienst - der russische Staat hat systematisch Doping bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi verschleiert. Jetzt droht dem Land der komplette Ausschluss von den Spielen in Rio.

Russland hat bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 ein Verschleierungssystem benutzt, um positive Dopingproben seiner Athleten verschwinden zu lassen. Das geht aus dem in Toronto veröffentlichten Bericht des Sonderermittlers der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard McLaren, hervor. Das russische Sportministerium selbst sei für die Manipulation von Testergebnissen verantwortlich gewesen.

McLaren stellte fest, dass das systematische Dopingprogramm "in allen Sportarten" nach den Winterspielen 2010 in Vancouver installiert worden und bis mindestens 2015 fortgesetzt worden sei. Neben dem Sportministerium seien auch die russische Anti-Doping-Agentur Rusada sowie der Geheimdienst FSB in die Verschleierung involviert gewesen. Insgesamt "verschwanden" dem Bericht zufolge 643 positive Dopingproben russischer Athleten.

Der ehemalige Direktor des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodtschenkow, auf dessen Aussagen sich entsprechende Vorwürfe stützten, sei "ein glaubwürdiger Zeuge", so der 97-seitige Bericht des Ermittlers. Im Moskauer Labor seien Urinproben ausgetauscht worden, um positive Dopingbefunde russischer Athleten zu verhindern.

Konsequenzen für Rio de Janeiro?

McLaren war von der Wada mit der Untersuchung betraut worden. Er gehörte bereits der unabhängigen Wada-Kommission an, die ein flächendeckendes Dopingsystem in der russischen Leichtathletik nachgewiesen hat.

Die Ergebnisse des mit Spannung erwarteten Berichts dürften die Forderung, das gesamte russische Team für die anstehenden Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro zu sperren, noch lauter werden lassen. Bisher sind nur die russischen Leichtathleten von der Teilnahme ausgeschlossen worden.

McLaren wollte ausdrücklich keine eigene Empfehlung für Konsequenzen und Sanktionen aussprechen. Dafür forderte die deutsche Anti-Doping-Agentur Nada, keine russischen Sportler in Rio an den Start gehen zu lassen: "So hart ein Ausschluss auch ist, es geht um die fundamentalen Werte und letztendlich um die Glaubwürdigkeit des Sports insgesamt. Der Schutz der ehrlich agierenden Athletinnen und Athleten muss oberste Priorität haben, sonst werden alle Anstrengungen hierzu ad absurdum geführt", teilte die Nada mit.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) reagierte in einer Stellungnahme mit Empörung auf den "schockierenden und präzedenzlosen Angriff auf die Integrität des Sports". Das IOC werde nicht davor zurückschrecken, "die härtestmöglichen Sanktionen gegen Einzelpersonen oder Organisationen" zu verhängen, sagte Präsident Thomas Bach.

rae/dpa

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