Deutsches Kanu-Team Kleiner Trost in dunklen Stunden
Sebastian Brendel
Foto: Soeren Stache/ dpaAuf sein gewohntes Ritual verzichtete Sebastian Brendel. Normalerweise trinkt er vor jedem Rennen einen Schluck Wasser aus dem See, den er gleich befahren wird, um seinen Mund zu befeuchten und ein bisschen wohl auch aus Aberglaube. Auf der Lagoa Rodrigo de Freitas in Rio de Janeiro, vor dem olympischen Rennen im Canadier-Einer über 1000 Meter, sah er davon ab. Die Gewässer in der Stadt sind bekanntermaßen nicht die saubersten, und Brendel wollte seine Gesundheit nicht in Gefahr bringen.
Geschadet hat ihm diese Abweichung vom Gewohnten nicht, genau so wenig konnte ihn das Ziehen im Rücken stoppen, das er vor dem Rennen verspürt hatte. Brendel holte Gold, wie schon bei den Spielen vor vier Jahren, und wurde damit den Erwartungen gerecht. "In London war ich noch nicht der Topfavorit. Das war hier anders. Hier hatte ich den Druck", sagte Brendel, als er nach der Siegerehrung in der Interviewzone am Ufer der Lagune stand. Die Sonne brannte, Schweiß tropfte aus seinen Haaren.
Brendel hat fünf Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften und neun bei Europameisterschaften eingesammelt. Jetzt wurde er zum zweiten Mal nacheinander Olympiasieger und festigte damit seinen Status als prägende Figur der deutschen Kanu-Szene in den vergangenen Jahren. Verbandspräsident Thomas Konietzko zog sogar einen Superlativ heran, um Brendels Leistung zu würdigen. "Er hat eine Generation geprägt, eine Epoche, und ist schon jetzt in den Fußstapfen von Birgit Fischer angekommen", sagte er. Zur Erinnerung: Die Kanutin Fischer ist mit achtmal Gold und viermal Silber zwischen 1980 und 2004 die erfolgreichste deutsche Olympionikin überhaupt.
Brendel bleibt bescheiden
Mit solch hochtrabenden Vergleichen kann Brendel nichts anfangen. "Von ihren Erfolgen bin ich noch ziemlich weit weg. Da werde ich auch nicht rankommen. Aber ich freue mich, dass es in den vergangenen vier Jahren so gut für mich gelaufen ist", sagte er. Die Spiele sind für ihn noch nicht vorbei. Er geht noch im Canadier-Zweier an den Start, hat dort ebenfalls Medaillenchancen. Auch deshalb: lieber kein Wasser aus der Freitas-Lagune trinken.
Brendels Sieg war der Höhepunkt eines emotionalen Tages für die deutschen Kanuten. Auch Franziska Weber und Tina Dietze zeigten im Kajak-Zweier über 500 Meter einen ordentlichen Auftritt, kamen knapp hinter den favorisierten Ungarinnen Gabriella Szabó und Danuta Kozák ins Ziel und gewannen Silber. "Das war das beste Rennen seit Jahren. Es fehlte das Quäntchen Glück, nicht das Können", sagte Präsident Konietzko. Die Silbermedaille von Weber und Dietze fühlte sich zumindest ein bisschen nach Gold an.
Ganz anders ging es Max Hoff. Er stand nach seinem Rennen im Einer-Kajak über 1000 Meter voller Verzweiflung vor der Presse, Tränen flossen. Er galt als Kandidat für die vorderen Plätze nach seiner Bronzemedaille vor vier Jahren, wurde allerdings von Blättern gebremst, die sich in seinem Steuer verfingen. So begründete er seinen enttäuschenden siebten Platz. "Ich hoffe, die Jungs können mich nachher ein bisschen aufbauen", sagte er.
Der dunkle Schatten über den deutschen Kanuten
Über den ganzen Emotionen, die die Wettkämpfe an diesem Tag bei den deutschen Kanuten auslösten, stand ein größeres Thema, eines, das über den Sport hinausreicht. Der Tod des Slalom-Trainers Stefan Henze am Tag zuvor. Konietzko berichtete, dass die Rennkanuten und die Slalomfahrer eigentlich nicht viel miteinander zu tun hätten, es gäbe kaum Kontakt. "Aber wir alle sind Kanuten. Wir sind ein Team und gehören zusammen", sagte er.
Insgesamt wirkten Konietzkos Worte über den Tod Henzes recht kühl. "Wir waren uns einig, dass wir professionell mit der Situation umgehen müssen. Wir müssen jetzt versuchen, das zu verdrängen und die Emotionen nicht an uns heranzulassen. Die Sportler haben sich vier Jahre auf diesen Höhepunkt vorbereitet", sagte Konietzko. Und er ergänzte, dass es sicher auch im Sinne des verstorbenen Trainers gewesen wäre, dass sich die Athleten auf ihren Sport konzentrieren.
So ähnlich sah das auch der alte und neue Olympiasieger Brendel. Doch es war nicht einfach für ihn, unbefangen wieder ins Kanu zu steigen. "Die Nachricht geht an keinem spurlos vorbei. Vielleicht sind wir heute auch ein bisschen für Stefan gefahren", sagte er. Sein Triumph war ein kleiner Trost in dunklen Stunden für die deutschen Kanuten. Bei der Siegerehrung flossen Tränen bei Brendel. Erleichterung, Freude, Trauer, es waren in diesem Moment schlichtweg zu viele Gefühle für ihn.