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06. August 2016, 06:12 Uhr

Eröffnung der Olympischen Spiele

Party, Pomp, Proteste

Buhrufe für Michel Temer, Jubel für Gisele Bündchen und ein bewegender Auftritt des ersten Olympia-Flüchtlingsteams. Die Sommerspiele in Rio de Janeiro sind eröffnet - hier die Höhepunkte der Zeremonie.

Knapp vier Stunden lang dauerte das Eröffnungsspektakel, dann gab Brasiliens Übergangspräsident Michel Temer um 4.27 Uhr deutscher Zeit das Startsignal für die 31. Olympischen Spiele - unter lauten Buhrufen, aber dazu später mehr. Kurz darauf entzündete der ehemalige Marathonläufer Vanderlei de Lima das Olympische Feuer.

Sie haben die Zeremonie verschlafen? Oder wollen die Party noch einmal Revue passieren lassen? Dann können Sie hier die Höhepunkte nachlesen:

Feuerwerk, Lasershow, Hunderte Tänzer und Akrobaten und noch mal Feuerwerk - die Eröffnungszeremonie lieferte wie erwartet gigantische Bilder, nicht nur für die knapp 80.000 Menschen im Stadion, sondern auch für Millionen TV-Zuschauer.

Zu Beginn stellte sich Brasilien mit einem musikalischen und tänzerischen Abriss von Geschichte und Gegenwart des Landes vor: Es ging um die Ureinwohner Brasiliens, später um die Eroberung durch die portugiesischen Kolonialherren und die folgende Sklavenzeit, um Modernisierung und Partystimmung in den Favelas - und mit einem krassen Bruch plötzlich um den Klimawandel. Im Zeitraffer wurde das Schmelzen der Polkappen gezeigt. Hier sehen Sie die Fotos der Party.

Er strahlte und schwenkte die Fahne hin und her und hin und her: Um kurz vor zwei Uhr nachts deutscher Zeit führte Tischtennisprofi Timo Boll das deutsche Team ins Stadion. Über die Outfits der Athleten waren Zuschauer und TV-Kommentatoren uneins. Eine der positiven Bemerkungen: Vielleicht schützen die Leggings unter den kurzen Hosen und Röcken ja vor Mückenstichen.

Für das russische Team fiel der Empfang verhalten aus, Hintergrund ist der Dopingskandal: Es gab zwar kein Pfeifkonzert, als Fahnenträger Sergei Tetjuchin (Volleyball) die Athleten ins Maracanã führte, aber Jubel blieb auch aus. "Wir sind nicht nervös. Ich denke, es wird schon alles gut laufen", hatte Tetjuchin vor der Eröffnung gesagt.

Zahra Nemati ist die erste Fahnenträgerin der Islamischen Republik Iran bei Olympia. Ihr Auftritt sorgte für besonders großes Aufsehen, weil sie im Rollstuhl eingefahren kam, daran war die Fahne befestigt. Die 31 Jahre alte Bogenschützin ist seit 2004 gelähmt, nachdem sie sich bei einem Erdbeben in ihrer Heimat verletzt hatte.

Und: Zum ersten Mal ist bei den Spielen eine Flüchtlingsmannschaft dabei, die unter olympischer Flagge ins Stadion einlief. Die zehn Sportler bekamen bei ihrem Auftritt den bis dahin lautesten Applaus. Zum Team gehört die syrische Schwimmerin Yusra Mardini, die in Berlin lebt und trainiert.

Mit einem kurzen Satz erklärte Interimspräsident Temer die Spiele offiziell für eröffnet - aber er war kaum zu hören. Um die Buhrufe und Pfiffe aus dem Publikum zu übertönen, wurde schnell die Musik aufgedreht. Aus Angst vor lautstarken Protesten war schon zu Beginn der Feier auf eine Begrüßung des umstrittenen Politikers verzichtet worden. Und IOC-Präsident Thomas Bach erwähnte das derzeitige Staatsoberhaupt des Gastgeberlandes in seiner Ansprache nicht - normalerweise ist das üblich.

Temer wird vorgeworfen, im Kongress Bündnisse mit der bisherigen Opposition geschmiedet zu haben, um Mehrheiten für die Amtsenthebung der momentan suspendierten Präsidentin Dilma Rousseff zu erreichen. Noch unmittelbar vor Beginn der Eröffnungsfeier hatte die Polizei einen Protestmarsch rund zwei Kilometer vor dem Stadion unter Einsatz von Tränengas gestoppt. Rousseff schrieb via Twitter: "Ich bin traurig, dass ich die Feier nicht live und direkt sehen kann."

Ipanema ist einer der beliebtesten Strände in Rio. Es ist auch der Name eines Stadtviertels von Rio, das für seine Schönen und Reichen bekannt ist. Und "The Girl from Ipanema" ist eines der bekanntesten Lieder des Musikers Tom Jobim. Sein Bild war nun im Stadion auf einer riesigen Leinwand zu sehen, sein Enkel spielte den Song während der Zeremonie - und zu den Bossa-nova-Klängen schritt Topmodel Gisele Bündchen in einer goldschimmernden Robe von Alexandre Herchcovitch durch die riesige Arena. Was für ein Auftritt! Bündchen wird in dem Land als Nationalheilige verehrt, dementsprechend groß war der Jubel auf den Zuschauerrängen. Die Veranstalter hatten sie als "Übermodel" und "brasilianische Ikone" angekündigt.

Es war ein besonders emotionaler Moment: Der zweimalige Leichtathletik-Olympiasiegers Kipchoge Keino aus Kenia wurde für seine herausragenden Verdienste um Bildung, Entwicklung, Kultur und Sport ausgezeichnet. Er bekam den "Olympic Laurel" - einen Preis, der dieses Jahr zum ersten Mal vergeben wurde. Keino bedankte sich - und wandte sich dann mit einer Bitte an die Athleten im Stadion: "Helft mir dabei, all den Jugendlichen weltweit die Grundlagen der Menschlichkeit zukommen zu lassen: Essen, eine Unterkunft und Bildung."

Vanderlei de Lima gehört zu den tragischsten Figuren in der olympischen Geschichte, in seiner Heimat Brasilien genießt der einstige Marathonläufer Heldenstatus. Bei den Spielen 2004 in Athen war er etwa sieben Kilometer vor dem Ziel von einem psychisch kranken Mann von der Strecke gedrängt worden. Zu dem Zeitpunkt lag der Brasilianer mit 25 Sekunden Vorsprung klar auf Goldkurs. De Lima gab nicht auf, am Ende gewann er noch Bronze. Außerdem zeichnete ihn der damalige IOC-Präsident Jacques Rogge mit der Pierre-de-Coubertin-Medaille für seinen vorbildlichen Sportsgeist aus. Am Freitagabend hatte de Lima nun die Ehre, das Olympische Feuer zu entzünden. Ein kleines Happy End.

Für sehr viel Geld hat sich der Sender NBC die Übertragungsrechte der Feier gesichert. Damit die Amerikaner sie alle zur Primetime sehen konnten, strahlte NBC sie mindestens eine Stunde zeitverzögert aus. Auch im Internet war der Stream verzögert zu sehen. Außerdem gab es binnen der ersten 65 Minuten schon acht Werbeunterbrechungen. Nun steht der Sender in der Kritik, auf Twitter äußern Nutzer ihre Wut unter dem Hashtag #nbcfail.

In Rio wurde für jeden Athleten ein Baumsetzling bereitgehalten: In der Stadt soll ein "Athletenwald" entstehen, ein grünes Überbleibsel der Olympischen Spiele sozusagen. Nachdem alle Teams ins Maracanã eingelaufen waren, wurden die Setzlinge in Spiegelkästen ins Stadion geschoben und in Form der Olympischen Ringe aufgestellt. Auf Kommando platzten aus ihren oberen Enden Baumwipfel, dazu startete ein Feuerwerk über dem Stadion. Wie gesagt: Es war eine große, bunte Show.

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aar/dpa/AP/Reuters/AFP

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