DSV-Hoffnung Koch Ins Schwimmen geraten

"Ich weiß auch noch nicht, woran es gelegen hat", sagte der Trainer, nachdem Marco Koch seine Chance auf eine Medaille verpasste. Dem Deutschen Schwimm-Verband drohen die nächsten medaillenlosen Sommerspiele.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


Marco Koch kam schnellen Schrittes die Startbrücke hinunter. Als könne er es kaum erwarten, in dieses Finale zu starten, stand der 26-Jährige als Erster neben seinem Startblock, der Nummer eins.

Noch ein letztes Mal an der Brille ruckeln, dann ging es los, das Rennen des heißesten deutschen Medaillenanwärters. Marco Koch sprang in das bisher wichtigste 200-Meter-Brust-Rennen seiner Karriere - und tauchte 2:08.00 Minuten später als Siebter wieder auf.

Nach seiner verpassten Chance blieb Koch noch eine Weile am Beckenrand hängen, schaute auf die Anzeigetafel, die wieder keine deutsche Flagge auf den obersten drei Zeilen aufzeigte. Stattdessen: Gold für Dimitri Balandin (2:07,46) aus Kasachstan, Silber für den Amerikaner Josh Prenot (2:07,53), Bronze für Anton Schubkow (2:07,70) aus Russland.

Koch fehlten drei Zehntelsekunden auf Bronze. Mit seiner Bestzeit aus dem Januar hätte es dazu gereicht. Ohnehin sei es ein unerwartet langsames Rennen gewesen, befand Koch, der vorausgesagt hatte, dass der Sieger eine neue Bestmarke würde hinlegen müssen. "Es war an sich ganz ok. Ich kann gar nicht sagen, was ich falsch gemacht habe", sagte er konsterniert.

Alle Erwartungen bisher enttäuscht

Drei Medaillenhoffnungen hatte der Deutsche Schwimmverband vor Olympia benannt - und insgeheim auf vier gehofft. Doch es kam bisher ganz anders: Paul Biedermann beendete seine Karriere mit einem enttäuschenden sechsten Rang über 200 Meter Freistil. Franziska Hentke, als Weltranglisten-Zweite eigenen Angaben zufolge bestens vorbereitet gen Brasilien gereist, verpasste über 200 Schmetterling als Elfte den fest eingeplanten Endlauf. Und die geheimen Bronzekandidaten der langen Freistilstaffel? Rang sechs. Von den vier Schwimmern konnte nur der starke Clemens Rapp seine Bestleistung abrufen.

Nach einem für Bundestrainer Henning Lambertz "mega-enttäuschenden" vierten Tag der Schwimmwettbewerbe kam also alles auf die Leistung des zuletzt so zuverlässig liefernden Marco Koch an. Der Weltranglisten-Zweite war gar als Lieferant für das erste Olympia-Gold seit Britta Steffens Doppel-Triumph 2008 im Gespräch. "Uns wurden die Medaillen auf dem Silbertablett serviert, aber wir wollten sie nicht haben", kritisierte Lambertz mit Blick auf die für die deutschen Vorzeigeschwimmer machbaren Zeiten in ihren potenziellen Medaillenrennen.

Koch hatte seine Chance wohl bereits auf der zweiten von vier Bahnen verspielt. "Das war schon die ganze Zeit hier unser Problem, das haben wir nicht in den Griff bekommen", sagte sein Trainer Alexander Kreisel. "Wir haben versucht, ihn auch mental darauf einzustellen, dass er sich darauf konzentriert, die Frequenz zu halten. Aber es hat halt nicht gepasst." 13 statt der eigentlich für den perfekten Rennverlauf vorgesehenen 14 Züge habe Koch gemacht, was untypisch für ihn sei: "Eigentlich hat Marco ein extrem gutes Frequenzgefühl."

Marco Koch (links)
AP

Marco Koch (links)

"Eigentlich" habe er die zweite Bahn bei Wettkämpfen unter der Saison schon häufig druckvoll und in der nötigen Frequenz hingelegt. "Eigentlich" sei man zudem sehr optimistisch angereist. Aber? "Ich weiß auch noch nicht, woran es gelegen hat", sagte Kreisel. "Dann ist es wahrscheinlich doch mental." Dabei war es doch Koch, der dem DSV in den vergangenen Jahren die größten Erfolge beschert.

Koch galt als verlässlicher Medaillenlieferant

Sein schwimmerisches Talent, seine Art zu gleiten, ohne viel Kraft zu investieren, war international spätestens aufgefallen, als der damals 19-Jährige 2009 überraschend einen Europarekord hinlegte. Doch an die Zeit danach hat der Deutsche nur wenige gute Erinnerungen. Bei seinen ersten Spielen 2012 ging er trotz bester Empfehlungen unter. Nur ein Jahr später bewahrte er den strauchelnden DSV vor dem K.o., mit WM-Silber in Barcelona.

Als Koch im vergangenen Jahr bei der WM im russischen Kasan zum ersten deutschen WM-Gold seit sieben Jahren schwamm, war sich der DSV sicher: Er ist der verlässliche Medaillenkandidat für jene Jahre, die noch vergehen, bis die nach der Blamage von London eingeleiteten Reformen die geplanten Früchte tragen.

Was Koch antreibt, ist nicht die Jagd nach Gold und Glorie. "Ich will einfach ständig besser werden. Zeiten sind doch das Einzige, was ich selbst beeinflussen kann", so sein Credo. Das perfekte Rennen - das ist sein Ziel. Medaillen seien da nur glänzende Zugabe. So war es bei seinem Europameisterrennen 2014 in Berlin, so war es bei WM-Silber 2013 und so war es bei WM-Gold im vergangenen Jahr - ein Triumph, für den Koch nur widerwillig Glückwünsche annahm, war er doch mit der abgelieferten Zeit nur bedingt zufrieden.

Und so war er auch an diesem späten Mittwochabend natürlich enttäuscht: "Es ärgert mich, dass ich hier nicht mein Bestes zeigen konnte." Doch auch das ist Marco Koch: "In vier Jahren ist Tokio. Morgen fange ich an zu trainieren."

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pankoken 11.08.2016
1. Bundestrainer?
In anderen Sportarten, zum Beispiel im Fußball, würde der Bundestrainer gefragt werden (oder sich selber fragen) ob er der richtige für den Job ist.
Sir_Lyon 11.08.2016
2. Untergegangen
die persönliche Bestleistung abzurufen, sollte schon auf ein Großevent hin steuerbar sein. Hat keiner im deutschen Schwimmteam geschafft, da läuft auch etwas im Training falsch. Und was Förderung und Ttrainingsbedingungen allgemein angeht, ich wiederhole mich gern: einfach mal nach GB schauen und deutlich mehr Geld in die Hand nehmen.
M62 11.08.2016
3. austrainiert ?
wer sich den Körper von M. Koch im Vergleich zu seinen Kontrahenten anschaut, fragt sich: ist der austrainiert oder hat er zuviele (süße) Fitnessriegel gegessen?
insolvenzverwalter81 11.08.2016
4. Handicap
Nun ja, mit Rettungsring schwimmt es sich auch nicht ganz so leicht.
karin.frauert 11.08.2016
5.
Seien wir doch mal ehrlich. Die deutschen Schwimmer gelten bei jedem Turnier als Medaillenkandidaten und dann bekommen sie keine oder nur wenige. ARD/ZDF sollten sich lieber auf andere Sportarten konzentrieren, die hätten das mehr verdient.
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