Olympia-Pfarrer Weber Grüß Gott in Rio

Pfarrer Thomas Weber soll die DOSB-Athleten in Rio unterstützen. Der Geistliche ist seit zehn Jahren Teil der deutschen Delegation, sah Tränen und Glück. Hier erinnert er sich an einige Begegnungen.

Das Olympische Dorf in Rio
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Das Olympische Dorf in Rio

Von Michael Wilkening


Es wird bei den Olympischen Spielen wieder Sportler geben, die flehentlich in Richtung Himmel blicken. Die sich von dort oben die Extraportion Glück und Kraft für ihren Medaillentraum wünschen. Die deutschen Sportler dürfen auch auf der Erde mit seelischem Beistand rechnen. Denn Pfarrer Thomas Weber gehört der Delegation des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) an. Der evangelische Seelsorger ist das dritte Mal bei Sommerspielen dabei.

"Ich bin wie die Feuerwehr. Die steht immer bereit, aber man braucht sie hoffentlich nicht", sagt Weber. Der 56-Jährige ist im "normalen" Leben Gemeindepfarrer in Gevelsberg (Nordrhein-Westfalen) und gehört seit den Winterspielen 2006 in Turin bei allen Großereignissen zur DOSB-Delegation. Bereits seit den Sechzigerjahren arbeiten in Deutschland die Kirchen und der Spitzensport zusammen.

Das gemeinsame Ziel sind aber nicht Medaillen und Erfolge, sondern unter anderem die Förderung christlicher Werte im Sport. Das klingt abstrakt, hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten aber als funktionierendes Miteinander erwiesen. Die Vertreter der Kirchen missionieren nicht, sondern stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. So soll es auch bei den Spielen in Rio sein.

DOSB-Pfarrer Thomas Weber
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DOSB-Pfarrer Thomas Weber

Pfarrer beim DOSB: Für Weber ein Traumjob

Es wirkt verdreht, dass Weber und sein katholischer Kollege Rolf Faymonville aktuell in einem Land als Seelsorger für Spitzensportler zur Verfügung stehen, in dem der Alltag für große Teile der brasilianischen Bevölkerung riesige Probleme offenbart. Bittere Armut, hohe Kriminalitätsraten und Perspektivlosigkeit prägen das Leben vieler Brasilianer.

In diesem Umfeld wirken psychische Belastungen deutscher Athleten wie ein Luxusproblem. Für Weber verliert seine Aufgabe vor diesem Hintergrund trotzdem nicht an Relevanz, er will Hilfestellungen geben: Die Welt ist schließlich kompliziert.

Auf dem Weg nach Vancouver zu den Winterspielen 2010 erzählte ihm ein Eishockey-Nationalspieler vom Schicksal seines Freundes Robert Müller. Der ehemalige Eishockey-Torwart war 2009 an einem Hirntumor gestorben. "Seine Gedanken dazu waren ergreifend", sagt der Geistliche.

Es gebe immer wieder beeindruckende Begegnungen, sagt Weber. Namen der beteiligten Athleten nennt der Seelsorger nicht, das Vertrauen der Sportler in ihn lasse das nicht zu. "Bei den Spielen in Peking 2008 haben wir einen Gottesdienst abgehalten, in dem eine frisch gebackene Goldmedaillengewinnerin ihren Gefühlen ebenso freien Lauf ließ wie die enttäuschte Sportlerin direkt neben ihr", berichtet Weber. Tränen des Glücks mischten sich mit denen der Trauer. Im Wissen, unbeobachtet zu sein, fallen oft Barrieren. In der Öffentlichkeit wäre das für viele Athleten undenkbar.

Im Tunnel

In Rio ist der Pfarrer im Deutschen Haus erreichbar oder bietet im olympischen Dorf Gottesdienste an. Bei früheren Spielen nahmen das Angebot bis zu 50 Personen wahr. Im religiösen Zentrum des Dorfs sind Ruhe- und Gebetsräume für alle Weltreligionen eingerichtet. "Hier können Grenzen überschritten werden", sagt Weber. Das Umfeld der Olympischen Spiele diene als perfektes Beispiel für ein friedliches Miteinander von Christen, Muslimen, Juden und Buddhisten.

In den Gesprächen mit Weber geht es nur selten darum, enttäuschte Sportler aufzumuntern. "Das kommt so gut wie nicht vor", sagt Weber. Es gehört auch zu den Ausnahmen, dass er angesprochen wird, um sich gezielt um einen Athleten zu kümmern: "In der Regel sind die Olympiateilnehmer ohnehin so fokussiert auf ihre Aufgabe, die befinden sich in ihrem eigenen Tunnel."



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