Streit über Bostons Olympia-Bewerbung "Wir brauchen die Spiele nicht"

Boston gilt als Favorit für die Ausrichtung der Olympischen Spiele 2024. Doch die Mehrheit der Bürger ist gegen das Großereignis. Viele fürchten eine Kostenexplosion, die am Steuerzahler hängenbleibe.

Gegnerin der Bewerbung: Umfrage zeigt, wie skeptisch die Bürger sind
Boston Globe/ Getty Images

Gegnerin der Bewerbung: Umfrage zeigt, wie skeptisch die Bürger sind

Von , Boston


Einige brüllten, andere schimpften, aus einer Ecke kamen Drohungen. Vor der Bühne rief ein leicht verzweifelter Gastgeber, die Veranstaltung gerate außer Kontrolle.

Es herrschte großes Durcheinander im Cleveland Community Center in Dorchester, einem Stadtteil von Boston. Eigentlich sollte hier am Dienstag über das größte Event der Stadtgeschichte diskutiert werden - die Olympischen Sommerspiele 2024. Das Bewerbungskomitee Boston 2024 hatte zu einem Informationsabend geladen, man wollte Pläne vorstellen und Feedback einholen.

Eine halbe Stunde lang hatten die rund 250 Anwesenden im Saal den beiden Leuten in ihren dunklen Anzügen vor der Bühne zugehört, es gab bunte Bilder via Leinwand und immer wieder die Parole: Die Olympischen Spiele seien eine "Gelegenheit für die Stadt".

Richard Davey, der Geschäftsführer von Boston 2024 und John Fitzgerald, der Verbindungsmann zwischen Bewerbungskomitee und Bürgermeister Marty Walsh, sprachen über Infrastruktur, wirtschaftlichen Nutzen und Arbeitsplätze, die das Großereignis in neun Jahren bringen werde.

Dann waren die Bürger dran, konnten Fragen stellen, Sorgen äußern. Als Erster schritt Robert Hanson zum Mikrofon, ein Olympiagegner: "Wir brauchen die Spiele nicht, und Boston sollte die Spiele nicht als Grund ansehen, um Verbesserungen vorzunehmen", sagte Hanson. Als er noch eine Nachfrage stellen wollte, wies ihn Fitzgerald mit dem Hinweis zurecht, dass noch andere zu Wort kommen sollten. Hanson blieb jedoch stehen und versuchte, sich Gehör zu verschaffen. "Setz dich hin", forderten einige im Saal. "Lasst ihn ausreden", konterten andere.

Befürworter bezeichnen Kostenrisiko als Spekulation

Der Streit ist typisch für die derzeitige Stimmung in Boston: Viereinhalb Monate nachdem die Stadt vom nationalen Olympischen Komitee (USOC) zum Bewerber für die Sommerspiele 2024 ernannt wurde, ist von Enthusiasmus oder Euphorie wenig zu spüren. Eine Umfrage im April ergab, dass nur 40 Prozent für, aber 46 Prozent gegen das größte Sportereignis der Welt sind.

In Dorchester sind an diesem Tag die Befürworter in der Mehrheit. Einige von ihnen halten Schilder hoch mit der Botschaft: "I believe in the Boston 2024 Olympic Games". Es wirkt ein wenig inszeniert, aber Jerome Frazier etwa trägt sein Schild mit Stolz. Der 59-Jährige hat ein Restaurant im Stadtteil, der als sozialer Brennpunkt bekannt ist, und wohnt nahe dem 1949 eröffneten White Stadium. Hier wurden einst Football-Spiele von High-School-Teams ausgetragen, in den vergangenen 30 bis 40 Jahren sei aber nichts mehr passiert.

Boston will das Stadion für die Olympischen Spiele renovieren und als Austragungsstätte für Disziplinen des Modernen Fünfkampfes nutzen. "Sagen Sie mir, wann das Stadion entwickelt wird, wenn nicht durch Olympische Spiele?", sagt Frazier. Er wirkt entschlossen, wirbt für das Großereignis. Dabei könnte ihm die Sache auch egal sein, Frazier hat Krebs. Ob er 2024 noch lebt, wisse er nicht, sagt er: "Aber ich möchte, dass unsere Kinder eine Chance bekommen." Das Risiko von Mehrkosten, vor dem die Olympiagegner warnen, bezeichnet Frazier als "Spekulation".

"Olympische Spiele waren immer teurer als geplant"

Chris Dempsey sieht das anders. Der Mitbegründer von "NoBostonOlympics" hatte am Montag in South Boston zu einem Infoabend geladen. Vor rund hundert Interessierten machte Dempsey deutlich, warum die Spiele schlecht für Boston seien. "Olympische Spiele sind immer teurer gewesen als geplant", sagte der 32-Jährige: "Und letztlich musste der Steuerzahler dafür aufkommen. Ich glaube nicht, dass Boston da eine Ausnahme sein wird."

Rund neun Milliarden Dollar soll das Budget betragen - und sich ausschließlich aus dem Geld von Privatinvestoren, TV- und Sponsoren-Einnahmen sowie dem Ticketverkauf zusammensetzen. "London hatte Kosten von 4,2 Milliarden Pfund veranschlagt, letztlich aber elf Milliarden Pfund bezahlen müssen. Das Gros davon ging auf den Steuerzahler zurück", sagt Dempsey.

In Dorchester spielte das Budget am Dienstagabend keine große Rolle. Als nach zweieinhalb Stunden die letzte Frage gestellt ist, nimmt Richard Davey einen großen Schluck aus einer Wasserflasche. "Ein großartiges Meeting, wir haben viel gutes Feedback gehört - von Befürwortern und Gegnern. Aber wir haben noch jede Menge Arbeit vor uns", sagte er.

Es ist kurz nach 21 Uhr, als Davey den Saal verlässt. Rechts vor der Ausgangstür stapeln sich auf einem Tisch die blau-weißen Schilder der Boston-Befürworter. Sie werden heute nicht mehr gebraucht, aber spätestens am 30. Juni, bei der nächsten öffentlichen Informationsveranstaltung im Stadtteil Jamaica Plain.



insgesamt 15 Beiträge
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lorn order 21.05.2015
1. Hamburg braucht die Spiele auch nicht
Ich bin dagegen, dass die Olympischen Spiele nach Hamburg vergeben werden. Wir haben in der Hansestadt nun wirklich andere Probleme als die Ausrichtung dieser Kommerzspiele. Ich fordere, dass nicht ein Cent Steuergeld für diesen Wahnsinn ausgegeben wird. Soll doch das IOC die Spiele komplett aus seinen Einnahmen bezahlen. Ach, das möchten die nicht? Na, dann werden sie wohl ihre guten Gründe haben. Und wie gut Hamburg mit Großprojekten umgehen kann, zeigt ja die Elbphilharmonie....
awoth 21.05.2015
2. Schon irgendwie interessant
wie das Interesse "der Menschen" an Politik, Olympischen Spielen etc. kontinuierlich abnimmt. Überall Filz, Betrug und Abhocke. Zahlen tun dafür " die Menschen", bereichern tun sich die Funktionäre….
al3x4nd3r 21.05.2015
3.
Genau: Private Investoren können gerne die Spiele in Hamburg finanzieren; dazu sollten aber auch die Kosten für öffentliche Infrastruktur und Polizei gehören.
derandersdenkende, 21.05.2015
4. Aber die Praxis ist nun mal so,
daß die Spiele am liebsten in Länder vergeben werden, die die olympische Idee am meisten mit Füßen treten. Z. B. London erhielt die Spiele, als gerade der völkerrechtswidrige anglo-amerikanische Krieg gegen das IOC-Mitglied Irak inszeniert wurde. Und die Amerikaner befinden sich quasi immer in irgendwelchen völkerrechtswidrigen Angriffskriegen. Also beste Voraussetzung für eine Nominierung Bostons!
tgrob99 21.05.2015
5.
Zitat von lorn orderIch bin dagegen, dass die Olympischen Spiele nach Hamburg vergeben werden. Wir haben in der Hansestadt nun wirklich andere Probleme als die Ausrichtung dieser Kommerzspiele. Ich fordere, dass nicht ein Cent Steuergeld für diesen Wahnsinn ausgegeben wird. Soll doch das IOC die Spiele komplett aus seinen Einnahmen bezahlen. Ach, das möchten die nicht? Na, dann werden sie wohl ihre guten Gründe haben. Und wie gut Hamburg mit Großprojekten umgehen kann, zeigt ja die Elbphilharmonie....
klar, die muss ja für ALLES herhalten. Immer ein Negativbeispiel raus picken und darauf herum reiten. Gegenteiliges bitte schön ausblenden. Mein Problem mit den Olympia Gegnern ist, dass die kein greifbares Argument nennen. Da wird mit der Sicherheit argumentiert und mit München vor 43 (!!) Jahren argumentiert Da wird die heutige deutschlandweite (!!) Mietexplosion mit den Olympischen Spielen in 9 (!!) Jahren begründet. Da kommen die mit Ökologie Argumenten bei einer derzeitigen Industrie-/Lagerfläche im Hafen Der einzige Punkt, bei dem ich meine Zweifel habe sind die Kosten. Davon muss man schauen, welche Kosten sowieso angefallen wären (Sanierung der Infrastruktur) und welche nur temporär für die Veranstaltung sind. Gigantismus wie in London oder Sotchi will keiner haben. Wenn ein vernünftiges, nachhaltiges und nicht überdimensionierter Plan vorgestellt wird, bin ich dafür. Bei den Gegnern kommt es mir manchmal so vor, als ob die pauschal dagegen sind. Es wird sogar zum Boykott von Läden aufgerufen, die für die Spiele in Hamburg sind. Das zeigt doch die Ebene, auf der sich manche NoOlympia Gegner bewegen. Das sind keine Kritiker mehr, sondern generelle Blockierer.
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