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17. Juni 2016, 18:54 Uhr

Dopingskandal

Stell dir vor, es ist Olympia - und Russland läuft nicht mit

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Sie haben es tatsächlich getan: Der Weltverband IAAF hat Russlands Leichtathleten von den Olympischen Spielen in Rio ausgeschlossen. Welche Folgen hat diese historische Entscheidung?

Was ist passiert?

Das Council des Leichtathletik-Weltverbands IAAF hat die seit November vergangenen Jahres bestehende Sperre für die russischen Leichtathleten auf unbestimmte Zeit verlängert. Dadurch ist ausgeschlossen, dass die Sportler an den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro teilnehmen, die vom 5. bis zum 21. August stattfinden.

Was wird dem russischen Verband konkret vorgeworfen?

Laut der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gab es in der russischen Leichtathletik flächendeckendes, systematisches Doping. Positive Kontrollen wurden vertuscht, zudem konnten sich Leichtathleten von Verdachtsfällen freikaufen. Funktionäre und Trainer haben demnach den Betrug gefördert. Neben den Sportlern waren im vergangenen Jahr auch Russlands Anti-Doping-Labor sowie die russische Anti-Doping-Agentur Rusada suspendiert worden, Russlands Leichtathletik-Präsident Walentin Balachnitschew musste zurücktreten.

Trotz der von Sportminister Wladimir Mutko angekündigten Reformen berichtete die Wada jüngst von mangelhaften Fortschritten. Hunderte von Dopingkontrollen konnten demnach aus den unterschiedlichsten Gründen nicht durchgeführt werden, Kontrolleure sollen zudem von Beamten des russischen Geheimdiensts FSB eingeschüchtert worden sein. Laut ARD-Recherchen sollen zudem bekannte Strippenzieher des russischen Dopingsystems weiter im Einsatz sein - Mutko bestreitet das.

Wer hat über das Olympia-Aus entschieden?

Das IAAF-Council, also die "Regierung" des Leichtathletik-Weltverbands. Eine Taskforce unter der Leitung des Norwegers Rune Andersen hatte den Fall zuvor untersucht und eine Empfehlung ausgesprochen. Von den 27 Mitgliedern des IAAF-Councils stimmten 25 ab - der suspendierte Kenianer David S. Okeyo sowie das russische Council-Mitglied waren von der Abstimmung ausgeschlossen.

Auf welcher Grundlage wurde diese Entscheidung getroffen?

Das Council beruft sich auf Regel 45 des Ethik-Codes des Leichtathletik-Weltverbands. Dort steht: "Das IAAF-Council kann Strafen gegen ein Mitglied des Weltverbands verhängen, wenn es gegen die Anti-Doping-Regeln verstößt." Diese lauten wie folgt:

Ist die Entscheidung endgültig?

Jein. Formal hat das Internationale Olympische Komitee Hausrecht bei den Olympischen Spielen, kann also das Urteil des Leichtathletik-Weltverbands überstimmen. Für kommenden Dienstag ist eine Sitzung der IOC-Spitze mit Vertretern der Spitzenverbände angesetzt, auf der über die Kollektivstrafe beraten wird. Doch IOC-Präsident Thomas Bach hatte bereits vor der IAAF-Entscheidung angekündigt, dem Urteil des Leichtathletik-Weltverbands zu folgen. Er sprach von einer "Null-Toleranz-Politik" gegenüber Dopingsündern. Alles andere wäre laut Experteneinschätzung ein offener Angriff des IOC auf die IAAF.

Gilt die Sperre für alle russischen Athleten?

Nein. Lediglich die Leichtathleten sind von den Sanktionen betroffen. Sportler aus anderen olympischen Disziplinen dürfen an den Spielen in Rio teilnehmen. Es gibt bislang auch keine Bestrebungen der beteiligten Verbände, die Sperre auszuweiten.

Gibt es Ausnahmen?

Ja. Russische Aktive ohne Verbindung zum offiziellen System des russischen Leichtathletik-Verbands Rusaf oder Whistleblowern wie der Russin Julia Stepanowa soll per Ausnahmeregelung die Möglichkeit zum Start bei internationalen Wettbewerben unter neutraler Flagge gegeben werden. Über Olympia-Teilnahmen entscheidet formal in letzter Instanz das Internationale Olympische Komitee (IOC).

Ist es eine Premiere?

Systematisches Doping ist nichts Neues in der Welt des Sports. Auch in der ehemaligen DDR nahmen viele Sportler staatlich kontrolliert leistungssteigernde Mittel. Der Teil-Ausschluss eines ganzen Landes aufgrund von Dopingfällen ist ebenfalls nicht ganz neu: 2015 wurden die bulgarischen Gewichtheber aufgrund zahlreicher Dopingvergehen von den Spielen in Rio ausgeschlossen. Ausschlüsse ganzer Länder gab es bislang lediglich aus politischen Gründen. So fehlte Deutschland nach den Weltkriegen (1920, 1924, 1948), Südafrika durfte aufgrund der Apartheid-Politik lange Zeit nicht teilnehmen.

Wie geht es weiter?

Inwieweit der russische Verband oder einzelne Sportler rechtlich gegen die Sperre vorgehen, wird sich zeigen. Der Verband kann offiziell Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof Cas einlegen. Die russische Stabhochsprung-Weltrekordlerin Jelena Issinbajewa hatte jüngst angekündigt, vor Gericht ziehen zu wollen. Angesichts der weiteren Dopingenthüllungen, etwa im Zusammenhang mit den Winterspielen in Sotschi, wird wohl auch diskutiert werden, ob noch weitere Sportarten von den verbotenen Praktiken betroffen waren. Die Dopingdiskussion in Russland steht erst am Anfang.

Mit Material von sid, dpa und AP

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