Olympia-Ausschluss der Aiba Der Boxweltverband geht auf die Bretter

Der Olympia-Ausschluss des Boxweltverbands ist ein Exempel des Olympischen Komitees. Würde das IOC die Maßstäbe an andere Verbände anlegen, müssten wohl mehr als ein Dutzend Föderationen bangen.

Olympisches Boxturnier in Rio de Janeiro 2016
AP

Olympisches Boxturnier in Rio de Janeiro 2016


Auch bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio wird es ein olympisches Boxturnier geben - wie immer seit 1896, seit den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit. Der skandalumtoste Boxweltverband Aiba bleibt allerdings suspendiert. Boxer ja, Aiba nein: Diese Entscheidung fällte das Exekutivkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Lausanne.

Erstmals wird einem Sportverband somit die Hoheit über die Olympia-Wettbewerbe entzogen. "Das soll ein einmaliger Vorgang bleiben", sagte IOC-Präsident Thomas Bach, der natürlich die Richtung vorgegeben hatte mit seinen beständigen Hinweisen, Athleten dürften nicht weiter unter den Fehlern von Box-Funktionären leiden.

Der Bericht der dreiköpfigen Aiba-Arbeitsgruppe, geführt vom Serben Nenad Lalovic, ist lediglich elf Seiten lang. Das dazugehörige Ermittlungsergebnis der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte veröffentlichte der Verband nicht. Der Lalovic-Report liefert nichts substantiell Neues, beruft sich mehrfach auf die "Public Domain", also Medien-Veröffentlichungen zu den Machenschaften in der Aiba, und zieht diese Schlussfolgerungen:

  • Die Aiba verstoße noch immer fundamental gegen die Olympische Charta und den Ethikcode des IOC.
  • Der Verband befinde sich weiterhin in einer gefährlichen finanziellen Schieflage, nah an der Insolvenz. Der Aiba fehlen 17 Millionen Schweizer Franken (etwa 15 Millionen Euro), um ihre Verbindlichkeiten zu tilgen. Die IOC-Tantiemen aus dem Vermarktungsprogramm der Olympischen Spiele bleiben eingefroren, auch weil die Gefahr bestehe, dass das Geld nur zur Schuldentilgung verwendet würde, aber nicht in die Sportförderung fließe. Für Tokio 2020 stehen der Aiba 18,6 Millionen Dollar zu, 1,3 Millionen mehr als 2016 in Rio, wie aus der gerade verabschiedeten Zuweisung der Sommersportverbände hervorgeht, die dem SPIEGEL vorliegt.
  • Die Aiba habe noch immer kein überzeugendes Konzept für faire, saubere Wettbewerbe mit transparenten Wertungen vorgelegt.
  • Der gewählte Aiba-Präsident Gafur Rachimow aus Usbekistan, ein mutmaßlicher Drogenhändler (was er selbst bestreitet), steht weiter auf der Sanktionsliste des US-Finanzministeriums und ziehe weiter die Fäden in der Aiba. Rachimow hat die Präsidentschaft zwar übergangsweise an den Marokkaner Mohamed Moustahsanea abgegeben, das ändere aber nichts an den grundlegenden Problemen. Die Sanktionen gegen Rachimow gefährden dauerhaft die Geschäfte der Aiba und stellen ein Risiko für die olympische Bewegung dar, urteilt Lalovic.

Nur: Würde die IOC-Führung an alle 35 olympischen Fachverbände jene Maßstäbe anlegen, die für die Aiba gelten, müssten wohl mehr als ein Dutzend andere Föderationen um ihren Olympia-Status fürchten. Nicht nur jene, die von strafrechtlichen Ermittlungen seit Jahren schwer erschüttert werden, wie die Weltverbände im Fußball (Fifa), in der Leichtathletik (IAAF) oder im Biathlon (IBU). Doch die sogenannte olympische Bewegung ist eine Bewegung der Ausnahmeregelungen. An der Aiba wird gerade ein Exempel statuiert.

Nenad Lalovic
Fabrice COFFRINI / AFP

Nenad Lalovic

Was der Lalovic-Bericht auslässt

Das IOC will bis Ende Juni ein Konzept für die Olympia-Qualifikationen im Boxen erarbeiten, die von Januar bis Mai 2020 ausgetragen werden sollen. Geleitet wird die "Task Force Boxen" von dem Japaner Morinari Watanabe, Präsident des Turn-Weltverbandes. An den bereits vor zwei Jahren verabschiedeten Eckdaten für das Olympia-Turnier ändert sich nichts: 286 Teilnehmer, fünf Gewichtsklassen für Frauen, acht für Männer.

Der Lalovic-Bericht umschifft sportpolitische Untiefen souverän. Das beginnt schon beim Verweis auf die Sommerspiele 2000 in Sydney, als dem damaligen Aiba-Vizepräsidenten Rachimow die Einreise verweigert wurde. Damals hatten Medien in England und Deutschland unter Berufung auf Polizeiquellen über Rachimows dunkle Machenschaften berichtet. Was Lalovic dabei auslässt: Das IOC setzte sich damals bei der australischen Regierung schriftlich für Rachimow ein und verlangte dessen Olympiateilnahme.

Zu weit in die Vergangenheit geht der Lalovic-Bericht ebenfalls nicht zurück. Denn das Korruptionssystem im olympischen Boxen wurde ziemlich genau 1986 mit der Inthronisierung des damaligen Adidas-Mitarbeiters Anwar Chowdhry aus Pakistan begründet. Chowdhry war seinerzeit in der sogenannten sportpolitischen Abteilung von Adidas ein Kollege eines gewissen Thomas Bach.

Lalovic befasst sich auch nicht mit dem langjährigen Aiba-Präsidenten Ching-Kuo Wu aus Taiwan, der 2006 Chowdhry ablöste, mit Unterstützung von Rachimow, bis er 2017 selbst abgesetzt wurde - Rachimow wurde sein Nachfolger. Ching-Kuo Wu war bis dahin als Vertreter der Sommersportarten Mitglied des IOC-Exekutivkomitees und ist weiterhin unbescholtenes IOC-Mitglied. Seinen Posten im Exekutivkomitee übernahm Lalovic, der den Fall Wu nun an die IOC-Ethikkommission weiterreicht.

Ching-kuo Wu
AFP

Ching-kuo Wu

Es gibt ungezählte weitere pikante Ungereimtheiten. Zu den spannenden Fragen gehört natürlich, wie die Aiba auf den IOC-Beschluss reagiert. Rachimow und seine Leute neigen zu unüberlegten Handlungen. Zwischenzeitlich hatte Interimspräsident Moustahsanea schon angekündigt, gegen das IOC vor Gericht zu ziehen. Kurz darauf zog er die Drohung zurück. In der ewigen Aiba-Saga von Korruption und mutmaßlicher olympischer organisierter Kriminalität wird das nicht die letzte Wende gewesen sein.



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