Olympia-Ausschluss Russlands Da fließt noch viel Wasser den Bach runter

Die Beweise sind erdrückend. Aber das IOC scheut sich, Russland wegen Staatsdopings von Olympia auszuschließen. Stattdessen spielt Präsident Thomas Bach auf Zeit. In zwei Wochen beginnen schon die Spiele.
Thomas Bach

Thomas Bach

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Die mit Spannung erwartete Erklärung des Exekutivkomitees des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ist eine Enttäuschung. Das Papier ist geprägt von der Handschrift des IOC-Präsidenten Thomas Bach. Auch in seiner Zeit als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat er in manch schwieriger Situation gern Kommissionen gegründet, so wie jetzt, hat damit Zeit gewonnen und wichtige Entscheidungen vertagt - mehr noch: diese Entscheidungen in seinem Sinne beeinflusst.

Das IOC hat aber keine Zeit. Der Hinweis, erst einen Schiedsspruch des Sport-Weltgerichtshofs Cas abzuwarten, der sich am Donnerstag zu den Einsprüchen russischer Leichtathleten äußern will, führt ins Leere. Denn selbst wenn der Cas, ein Konstrukt, an dessen Unabhängigkeit begründete Zweifel bestehen, vorläufig im Sinne des Leichtathletikverbandes IAAF entscheiden sollte, würde das IOC eines nicht tun: Russland komplett von den Spielen in Rio ausschließen.

Nur wenige Punkte der IOC-Erklärung sind sinnvoll, fast alle sind Teil eines Zeitspiels. Die Macht der Fakten, dass die Sommerspiele in gut zwei Wochen beginnen und viele Athleten schon auf dem Weg dorthin sind, werden Bach und seine Gefolgsleute weiter für sich nutzen. Dabei hätte man einfach die Notbremse ziehen können.

Andere Länder wurden wegen Lappalien suspendiert

Es ist alles gar nicht so kompliziert, wie es der Jurist Bach nun in routinierter Verschleierungstradition darstellen will. Die Sachlage ist eindeutig. Das IOC-Exekutivkomitee hat andere NOKs schon wegen Lappalien suspendiert. Unter dem Deckmantel der "politischen Einflussnahme" beispielsweise wurde schon mancher Bann ausgesprochen, vor allem dann, wenn durch diese angebliche Einflussnahme IOC-nahe Funktionäre in der Ausübung ihrer oft zweifelhaften Tätigkeit beschränkt wurden.

Verglichen damit ist der Fall Russland eindeutig. Die Beweise für das Staatsdoping wiegen schwer. Der inzwischen mit forensischen Mitteln belegte großflächige Betrug der Dopinganalysen bei den Winterspielen 2014 in Sotschi hat historische Dimensionen. Das gilt auch für die Zahl von 643 vernichteten positiven Dopingproben russischer Sportler.

Und dabei stehen die Ermittlungen erst am Anfang. Die zentrale Steuerung durch das Sportministerium unter Einbindung von Funktionären des russischen Olympiakomitees (ROK) und aller olympischen Sportverbände ist bestens belegt. Viele Führungspositionen in diesen Organisationen wurden wiederum von zwei Männern mit Politikern und Oligarchen besetzt, die seit dem Jahr 2000 als russische Präsidenten amtierten: Wladimir Putin und Dmitrij Medwedew.

Keine WM in Russland? Gilt nur für Wintersport!

Zurzeit ist Medwedew Ministerpräsident und Putin Staatschef sowie der mächtigste Sportpolitiker des Planeten. IOC-Präsident Bach, ein bekennender Anhänger Putins, hatte noch am Montag nach Vorlage des Berichts von Richard McLaren behauptet, das Gremium werde die härtesten Maßnahmen ergreifen. Tags darauf hat sich die IOC-Führung nach einer dreistündigen Telefonkonferenz vertagt.

Russland dürfe keine Weltmeisterschaften in olympischen Wintersportarten mehr ausrichten, heißt es nun. Wer genau hinschaut, stellt jedoch fest, dass das fast nichts bedeutet, weil demnächst nur Bob- und Rodelverbände in Sotschi um WM-Medaillen wetteifern wollen. Achtzehn andere Weltmeisterschaften in olympischen Sportarten aber hat Russland seit 2010 ausgetragen - und in allen wurde großflächig betrogen, wie der McLaren-Report nahelegt und teilweise beweist.

Das soll nun weiter aufgearbeitet werden, irgendwie, irgendwo, irgendwann - bis Pyeongchang 2018 ist Zeit, damit Russland an diesen Winterspielen wieder teilnehmen kann. Die Fußball-WM 2018 ist kein Wintersport, man achte auf die Feinheiten der IOC-Erklärung, und findet natürlich statt. Darüber wurde auf der Telefonkonferenz nicht geredet. Auch die European Games 2019 sollen nicht in Russland stattfinden, sagt das IOC. Dumm nur, dass die Russen kürzlich vehement erklärt haben, sie hätten sich nie um diese Europaspiele beworben.

Die Charta ist eindeutig

Die härtesten Maßnahmen, die viele tausend Olympiasportler aus aller Welt fordern und die auch die Welt-Antidoping-Agentur Wada verlangt, wird es kaum geben.

Nach wie vor ist das Russische OK vom IOC zugelassen, dabei sieht das Olympische Grundgesetz klare und eindeutige Sanktionen vor: Bei schweren Verletzungen der Olympischen Charta, bei der Nichteinhaltung des Welt-Antidopingcodes kann das IOC-Exekutivkomitee ein NOK suspendieren.

Dieser Schritt ist spätestens seit dem November 2015 überfällig, als der erste Ermittlungsbericht der Wada vorgelegt wurde und Russland als non-compliant, nicht konform zum Welt-Antidoping-Code erklärt wurde. Es braucht nicht einmal eine Beratung einer IOC-Vollversammlung, sondern lediglich die Einhaltung der eigenen Regeln, die übrigens gegen andere NOKs sehr oft sehr hart umgesetzt werden: Kapitel 6, Regel 59.1.4, Seite 102 der Charta .

Zudem, noch viel einfacher: Rechtlich gesehen sind Olympische Spiele eine Einladungsveranstaltung. Das IOC verschickt traditionell ein Jahr vor der Eröffnung von Sommer- und Winterspielen Einladungen an die derzeit 206 anerkannten NOKs. Es kann solche Einladungen jederzeit wieder zurückziehen, denn es ist die höchste Instanz unter den olympischen Ringen.

Aber Russland ist anders. Russland ist mächtig. Putin und seine Sportoligarchen kontrollieren nachweislich viele olympische Weltverbände. Ihr Einfluss reicht bis ins IOC-Exekutivkomitee.

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