Olympia-Eröffnung China bezirzt die Welt

Die Eröffnungsfeier der Spiele in Peking war die bislang größte ihrer Art - überraschend und überwältigend. Alles hat perfekt-präzise funktioniert und wirkte dennoch sympathisch. Werden auch die Spiele so fröhlich, wie die Feier versprach? Das müssen die Chinesen noch beweisen.

Von , Peking


Das hier ist Chinas Abend. Hier ernten die US-Athleten beim Einmarsch Pfiffe - oder war es der fahnenschwenkende Präsident George W. Bush? Hier werden die Teams von Hongkong und Taipeh frenetisch gefeiert.

China will heute sagen: Wir sind groß.

Es lässt Hunderte grau-braune Trommler aufmarschieren, einen bedrohlichen Block. Lässt Hunderte Kung-Fu-Kämpfer einlaufen, eine laute, weiß gekleidete, grimmig dreinschauende Gruppe. Armeeangehörige die meisten, insgesamt 9000 von 14.000 Darstellern.

Doch aus der Armee von Trommlern wird plötzlich ein blinkendes Ensemble. Es zählt die Sekunden bis zum Start. Aus den bösen Martial-Arts-Typen werden lachende und winkende Männer und Jugendliche. Lang Lang spielt Piano mit einem kleinen Mädchen, auf Schirmen grinsen Kindergesichter aus der ganzen Welt.

So geht das in einer Tour. Regisseur Zhang Yimou muss einen Heidenspaß gehabt haben, als er jedes Militärische am Ende auflöste und mit Lachen und Winken abschloss.

Es ist Olympia-Eröffnung im Nationalstadion von Peking, dem "Vogelnest". Um 20.08 Uhr am 8.8.2008. Die Acht ist eine Glückszahl für die Chinesen, es muss typisch chinesisch sein jetzt. Es geht deshalb auch nicht darum, wie die Welt China sieht, nicht um Tibet, fehlende Pressefreiheit oder Menschenrechtsverletzungen. Hier und heute geht es um China, wie es sich selbst sieht. Der Gastgeber zeigt der Welt sein Gesicht.

Man könnte jetzt fragen: Welches ist das wahre China?

Man kann es aber auch lassen. Weil es eben nicht ein China gibt. Oder weil 16 Tage Olympische Spiele nie im Leben genug Zeit sind, es herauszufinden. Eine realistischere Frage ist die, ob es die fröhlichen Olympischen Spiele werden, die China der Welt versprochen hat.

In den Tagen vor der Eröffnungsfeier erhöhte sich die Polizeipräsenz in den Straßen stündlich. Journalisten wurden von Uniformträgern und Zivilisten skeptisch beäugt. Aber sie lächelten zurück, wenn sie ein Lächeln geschenkt bekamen. Jeder wirkte hilfsbereit. Je näher die Zeremonie rückte, desto mehr Straßen wurden abgeriegelt. Und das Lächeln der Zivilisten bekam etwas Angstvolles.

Im Nationalstadion an diesem Abend weicht die Anspannung bei den chinesischen Zuschauern der Erleichterung. Darüber, dass alles so perfekt funktioniert. Das Feuerwerk, die Formationen, der Countdown. China mag es gern präzise, und Chinesen sind sehr gern sehr stolz auf ihr Land. Deshalb rufen sie nun sehr laut, es sind Rufe von den Tribünen, die langsam anschwellen zu einem Surren, Summen, und dann verebben.

Mit den restlichen Zuschauern und den Sportlern ist es etwas anderes. Sie sind nicht ausgelassen, jedenfalls nicht so wie zum Beispiel in Athen vor vier Jahren - sagen Journalisten, die dabei waren. Animateure auf der Tribüne klatschen wie Cheerleader in US-Stadien, aber nicht viele der Ausländer klatschen mit. Ein paar Arme bewegen sich müde, aber die Schwüle liegt auf den Menschen wie eine Filzdecke, sie schwitzen, das drückt die Stimmung. Manchmal ist die Erklärung ganz einfach.

Der mächtige IOC-Boss Jacques Rogge steht neben Chinas Präsident Hu Jintao, die Schultern leicht hängend, er sieht aus wie ein Assistent. Hu lächelt und klatscht, Rogge guckt wie der Regenschauer, der angekündigt war, aber nicht kam. Er ist wahrscheinlich einfach nur beeindruckt. Und den Zuschauern geht es vielleicht genauso. Sie stehen inmitten von 45.000 Tonnen Stahl, 91.000 Sitze darin, 258.000 Quadratmeter Fläche misst der Boden, der Bildschirm im Stadion 36 mal 22 Meter. Und unten turnen Tausende mit Knöpfen im Ohr. Ferngesteuert.

Als der Basketballriese Yao Ming ganz am Ende mit dem chinesischen Team einläuft, birst das Stadion vor Freude, und plötzlich erscheint es möglich, dass das hier fröhliche Spiele werden. Zumindest für die Chinesen.

China hat bei dieser Eröffnungsfeier viele Gesichter gezeigt. Mal bedrohlich, als es Menschenmassen bewegte und gigantisch auffuhr. Mal sympathisch im Detail, wenn ein kleines Mädchen auf einem Podium sang, das die unten marschierenden Soldaten weit überragte. Und China hat funktioniert, meistens perfekt wie eine Maschine.

Aber vor allem hat China überrascht. Bis zum Schluss sollte geheim bleiben, wer das olympische Feuer entzündet. Dass es Li Ning wurde, der von einem Seil gehalten in luftiger Höhe einmal das Stadion umrundete, kann man durchaus als kleines Zeichen der Öffnung deuten. Der "Prinz des Turnens", 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles mit dreimal Gold, zweimal Silber und einmal Bronze, lebt in Hongkong.

Und ist ein Gegner der Todesstrafe.

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