Olympia-Nominierung Sportprominenz gegen das NOK

Erstmals nach 44 Jahren hat das Nationale Olympische Komitee Deutschlands keine Kunstturnerin für die Olympischen Spiele nominiert. In einer Petition fordern Sportprominente, zwei Talente per Sonderfallregelung nachzunominieren. Prominenteste Unterzeichnerin des Gesuchs ist Ex-Tennisstar Steffi Graf.

Von Hubertus von Hörsten


Dagmar Fehrenschild in Aktion
DPA

Dagmar Fehrenschild in Aktion

Den 3. August 2000 wird die Kunstturnerin Birgit Schweigert wohl nie vergessen. An diesem Donnerstag entschied das Nationale Olympische Komitee Deutschlands (NOK), die amtierende Deutsche Meisterin im Mehrkampf, am Balken und auf dem Boden nicht für die Olympischen Sommerspiele von Sydney zu nominieren - "aus Leistungsgründen".

Bei den Europameisterschaften im Juni hatte Birgit Schweigert in Bremen mit der Winzigkeit von 0,24 Punkten den 10. Platz der Gesamtwertung und somit die vom NOK geforderte Olympianorm verpasst. Ähnlich wie der 18-jährigen vom Toyota-Team aus Köln erging es der zwei Jahre jüngeren Hoffnungsthalerin Dagmar Fehrenschild, die zu den weltbesten Nachwuchsturnerinnen am Stufenbarren zählt. Auch sie erhält in Sydney keine Startchance.

Doch gegen die Härte der Funktionäre regt sich Widerstand. "Einen Fall ins Bodenlose" fürchtet Eckhard Herholz, ehemaliger Sportkommentator für das DDR-Fernsehen, das ZDF und den Spartenkanal DSF, "nach 44 Jahren würde eine der traditionsreichsten Sportarten auf deutschem Boden bei Olympia fehlen." Um diesen historischen Einschnitt zu verhindern, hat Herholz mit Turnprominenz um Klaus Köste (Sprung-Olympiasieger von 1972) und Ex-Reckweltmeister Eberhard Gienger auf der von ihm betriebenen Internetseite www.gymmedia.com eine Petition ins Netz gestellt, die um die Nachnominierung für Schweigert und Fehrenschild durch das NOK streitet.

Die Resonanz kann sich sehen lassen. Neben Turn-Oldies wie Andreas Aguilar, Karin Büttner-Janz oder Maxi Gnauck hat die gesamte aktuelle Sydney-Riege um Weltmeister und Olympiasieger Andreas Wecker die Petition unterschrieben. Die reichenweitenwirksamste Unterstützung aber kam aus dem fernen Florida. "Bitte nehmt den jungen Sportlerinnen nicht die Hoffnung auf Olympia!!!!" heißt es in einer von Steffi Graf und Mutter Heidi gesandten Mail aus Boca Raton, in der die zweimalige Tennis-Olympiasiegerin schließlich mahnt, dass sich das NOK daran erinnern möge, dass Olympia nicht nur für 'Sieger' ist."

Für NOK-Generalsekretär Heiner Henze ändern hehre Motive und schon gar nicht die Petition etwas an der Nicht-Nominierung in den Fällen Schweigert/Fehrenschild: "Wir haben als grundsätzliches Nominierungskriterium einen Nachweis für eine 'Endkampfchance' gefordert." Allein im Bereich Leichtathletik müssten neun Aktive mit knapp verfehlter oder nur teilweise erfüllter Norm wie auch eine ganze Reihe von Kampfsportlern "zu Hause bleiben".

Birgit Schweigert macht sich kaum noch Illusionen, in Sydney dabei zu sein: "Da Kunstturnen nicht zu den populärsten Sportarten gehört, war und ist mit einer solchen Entscheidung zu rechnen." Lange muss die 18-Jährige ohnehin nicht mehr auf die mögliche Bestätigung ihrer Annahme warten. Am kommenden Dienstag berät das NOK abschließend darüber, wer neben den bisher 432 benannten Athleten als Last-Minute-Teilnehmer noch ein Ticket für Australien erhält. Für den Fall, dass sie nicht dabei sein sollte, überlegt Birgit Schweigert, künftig für eine andere westeuropäische Nation zu starten.



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