Olympia-Pleite für Fußballfrauen Rasante Marta kontert Deutschland aus

Bis zum Halbfinale hatten die deutschen Fußballfrauen in Peking kein Gegentor kassiert - aber dann musste Torfrau Nadine Angerer gegen Brasilien gleich viermal hinter sich greifen. Entscheidenden Anteil daran hatte eine Spielerin, die in Deutschland zuletzt nur Pfiffe erntete.

Aus Peking berichtet


Mit dem letzten Pass ins Nichts hatten die gedemütigten Weltmeisterinnen das Signal gegeben. Kaum war das trübe Zuspiel aus dem deutschen Mittelfeld ins Toraus gehoppelt, pfiff die überkorrekte Schiedsrichterin Eun Ah Hong aus Südkorea nach vierminütiger Extrazeit ab – und im selben Augenblick schoss auch schon eine Horde gelb und blau gekleideter Fußballerinnen aufs Spielfeld. Das versammelte Ersatzpersonal der Brasilianerinnen war in wildem Aufruhr und in Sekundenschnelle am Mittelkreis, um die grandiose Demontage der deutschen Mannschaft zu feiern. Mit 4:1 hatten die Südamerikanerinnen die DFB-Auswahl vom Platz gefegt – immerhin eine Mannschaft, die zuvor im gesamten Turnier nicht einen Treffer zugelassen hatte. Ebenso wenig wie in den sechs gegentorfreien Partien, mit denen das Team von Bundestrainerin Silvia Neid bei der WM 2007 zur Titelverteidigung marschiert war. Nun musste Torfrau Nadine Angerer, die bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr die langjährige Stammkeeperin Silke Rottenberg abgelöst hatte, zum ersten Mal in einem großen Turnier den Ball aus dem Tor klauben. Einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

"Das war kein Zusammenbruch, wir sind einfach in Konter hinein gelaufen", bemühte sich die Cheftrainerin nach der Abreibung um Contenance. Während Stürmerin Birgit Prinz, die an diesem Montag bereits ihr drittes olympisches Halbfinale in Serie verlor, mit verheulten Augen meinte: "Zweimal ausgekontert zu werden, das ist eigene Blödheit."

Im Turnier angekommen - und schon wieder draußen

Dabei hatte Silvia Neid nach dem hart erkämpften 2:0 nach Verlängerung gegen Schweden im Viertelfinale noch frohlockt, jetzt sei ihre Mannschaft nach den mühsamen Gruppenspielen endlich im Turnier angekommen. Gerade angekommen – und schon wieder draußen. Vielmehr: Nicht ganz, das Spiel um Platz drei dürfen die deutschen Fußballerinnen im Workers' Stadium von Peking noch bestreiten. Hier geht es am Donnerstag (12.00 Uhr MESZ, Live-Ticker SPIEGEL ONLINE) gegen Japan, das den USA im zweiten Halbfinale 2:4 (1:2) unterlag. Doch im Gegensatz zu den beiden Bronzemedaillen in Sydney und Athen wäre es selbst im Erfolgsfall eher trauriges Triple.

Denn die Ansprüche sind mit den regelmäßigen Titelgewinnen bei Europa- und Weltmeisterschaften gestiegen. Nicht nur bei der überforderten Spielmacherin Renate Lingor (32), die in China gerade ihr letztes großes Turnier spielt und vor dem Halbfinale vehement erklärt hatte: "Ich will diesen krönenden Abschluss unbedingt." Er ist ihr verwehrt geblieben – und den allergrößten Anteil daran hatte die brasilianische Spielerin mit der Nummer 10 auf dem Rücken.

Marta Vieira da Silva, kurz Marta, die rasante Fußballerin in Diensten des schwedischen Spitzenclubs Umea, hat schlechte Erinnerungen an Deutschland. Wegen des verlorenen WM-Finals vor elf Monaten, und weil sie in diesem Frühjahr beim Uefa-Cup-Endspiel in Frankfurt wegen ihrer pausenlosen Schauspieleinlagen vom hessischen Publikum fürchterlich ausgepfiffen worden war. Gestern am frühen Abend war Marta wieder rastlos – diesmal allerdings auf konstruktive Weise.

So erwischte die Neid-Elf zwar den besseren Start und ging durch den ersten Turniertreffer von Prinz auch prompt in Führung (10.). Doch je länger die Partie dauerte, umso mehr kam die explosive Mischung aus Heißblütigkeit und technischer Finesse der Südamerikanerinnen zum tragen. Und immer, wenn es gefährlich wurde vor Angerers Tor, war Senhora Marta nicht weit. So bereitete die aktuelle Weltfußballerin das 1:1 durch Formiga (43.) mit einem ihrer Solos über die linke Seite ebenso vor wie vier Minuten nach der Pause, diesmal von rechts, das 2:1 durch Sturmpartnerin Cristiane.

Mit ihrem fünften Turniertreffer gab die 23-jährige Angreiferin den deutschen Frauen in der 76. Minute dann auch den Gnadenstoß, zuvor aber hatte die aufgedrehte Kollegin Marta ihren großen Auftritt: Nur vier Minuten nach dem zweiten Treffer der Brasilianerinnen ließ sie die gestandenen Verteidigerinnen Ariane Hingst und Kerstin Stegemann wie Vogelscheuchen stehen und schob den Ball elegant mit den linken Fuß an Angerer vorbei zum 3:1 ins Netz.

Die eigene Torfrau Barbara legte sich in diesem Augenblick vor Begeisterung mit dem Rücken flach auf den Boden und dankte Gott im Himmel. Während in der Jubeltraube, unter der Marta verschwunden war, die Zahnspangen blitzten. Denn nach dem 0:0 im ersten Gruppenspiel am 6. August war der zweite olympische Revancheversuch der Brasilianerinnen für das verlorene WM-Finale 2007 geglückt. Und wie.

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