Olympia-Referendum Kopf-an-Kopf-Rennen in Hamburg

Die Forschungsgruppe Wahlen prognostizierte noch am Wahltag: 56 Prozent der Hamburger wollen die Olympischen Sommerspiele 2024. Doch die Auszählung gerät zum Krimi, nach Auszählung von mehr als der Hälfte der Stimmen liegen die Gegner vorn.

Eine Hamburgerin wirft in einem Wahllokal eine Stimmzettel in eine Wahlurne: Knappe Entscheidung
DPA

Eine Hamburgerin wirft in einem Wahllokal eine Stimmzettel in eine Wahlurne: Knappe Entscheidung


Um kurz nach 18 Uhr kam der Schock für die Olympiabefürworter in der Hansestadt: Beim Hamburger Olympia-Referendum spricht sich ersten Auszählungsergebnissen zufolge keine Mehrheit für die Olympischen Sommerspiele 2024 aus.

Auch nach Auszählung von etwa 90 Prozent der Stimmen liegen die Gegner mit 51,7 Prozent knapp vor den Befürwortern: 48,3 Prozent haben mit Ja gestimmt. Es ist ein knappes Kopf-an-Kopf-Rennen, Gewissheit soll es spätestens gegen 22 Uhr geben.

Dagegen ist an der Förde eine klare Mehrheit für die Spiele: Die Kieler haben sich für die Ausrichtung der Segelwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2024 ausgesprochen. Bei dem zeitgleich zur Befragung in Hamburg ausgetragenen Referendum stimmten 65,6 Prozent der Wahlberechtigten für die Fortsetzung der Bewerbung um das Sportgroßereignis.

Um das Referendum in Hamburg im Sinne der Befürworter zu entscheiden, müssen sie zum einen eine Mehrheit der abgegebenen Stimmen haben und zum anderen mindestens 20 Prozent der Stimmen aller 1,3 Millionen Wahlberechtigten auf sich vereinen. Die genaue Wahlbeteiligung war am Abend noch unklar, lag aber wohl bei rund 50 Prozent, hieß es.

In Kiel, wo fast 200.000 Menschen mitmachen konnten, war ein Ja von mindestens acht Prozent der Wahlberechtigten nötig, um die Segel-Bewerbung möglich zu machen.

Um die Sommerspiele 2024 bewerben sich Budapest, Paris, Rom und Los Angeles. Dort wird die Bevölkerung jeweils nicht gefragt. Die Entscheidung fällt das IOC 2017 in Perus Hauptstadt Lima.

Mehr zur Hamburger Olympia-Bewerbung finden Sie hier

Argumente der Befürworter

Boom für Hamburg: Wenn sich die Hamburger am Sonntag für eine Bewerbung entscheiden sollten, dann könnten die ansässigen Unternehmen bis zur Entscheidung des IOC in Lima 2017 mit dem Status "Candidate City" hausieren gehen. Das Ereignis würde viele Touristen in die Stadt locken, die Geld für Hotels und Gastronomie mitbringen und für höhere Steuereinnahmen sorgen. "Es wäre ein großartiges Konjunkturprogramm", sagt Reinhard Wolf, Olympiabeauftragter der Handelskammer.

Bekanntheit der Stadt erhöhen: Auf einer Veranstaltung stellte Bürgermeister Olaf Scholz fest, dass San Francisco, eine kleinere Stadt als Hamburg, viel bekannter ist. Das müsse man ändern – mit Olympia: Zwei bis drei Milliarden Menschen würden das Sportgroßereignis auf der ganzen Welt verfolgen, Tausende Journalisten aus der Hansestadt berichten. Im Bieterprozess würde man mit den Metropolen Paris, Rom und Los Angeles in einem Atemzug genannt werden.

Emo-Faktor: "Das gibt’s nur einmal", "Wir sind Feuer und Flamme" – diese Sprüche bestimmen die Hamburger Olympia-Kampagne. Für Sportfans können Olympische Spiele ein unvergessliches Erlebnis sein, viele Londoner schwärmen noch heute noch den Spielen 2012. Auch viele Hamburger wünschen sich ein ähnliches Fest in Ihrer Stadt - wie bei der Fußball-WM 2006.

Stadtentwicklung: Olympia soll in Hamburg ein Katalysator für die Stadtentwicklung werden. Auf dem Kleinen Grasbrook, der derzeit vornehmlich von der Hafenindustrie genutzt wird, soll ein völlig neuer Stadtteil entstehen: modern, behindertengerecht, integrativ. Auch das öffentliche Nahverkehrssystem soll ausgebaut werden. Ohne die Bewerbung, das hat Scholz klar gemacht, wird aus diesem Vorhaben nichts.

Olympia-Frust lösen: München hat abgelehnt, auch Oslo und Boston wollten nicht: Westliche Demokratien weigern sich zunehmend, sportliche Großereignisse wie Olympia zu den strengen IOC-Konditionen auszurichten. Olympiabefürworter argumentieren, dass Hamburg mit seinem Konzept gut in die neue IOC-Agenda 2020 passt, die das Weltereignis weg vom Gigantismus führen soll.

Kritikpunkte der Gegner

Chancenlosigkeit: Viele Kritiker glauben nicht daran, dass Hamburg eine echte Chance auf die Spiele hat, da auch die Fußball-EM 2024 in Deutschland stattfinden soll. Und zwei Mega-Sportereignisse in einem Land in einem Jahr – das gilt als ausgeschlossen. Das IOC wird seine Premiumveranstaltung kaum im Schatten der EM stattfinden lassen. Auch die starke Konkurrenz mit Los Angeles und Paris mindert die Hamburger Chancen.

Knebelverträge: Angesichts der Affären im Fußball vertrauen viele Menschen auch dem Internationalen Olympischen Komitee nicht, obwohl die Olympiabefürworter nicht müde werden zu betonen, dass Fifa und IOC nicht dasselbe sind. Dennoch: Von Olympia profitiert finanziell in der Regel nur das IOC, die Ausrichterstadt zahlt meist drauf.

Kosten: 11,2 Milliarden Euro sieht der Scholz‘ Finanzplan an Kosten für die Olympischen Spiele vor, 1,2 Milliarden davon müssten die Hamburger stemmen. Doch schon oft wurden Olympia-Budgets gesprengt, teilweise um mehr als das Doppelte des ursprünglich angesetzten Preises. Im Finanzplan, so Kritiker, seien zudem einige Posten zu gering beziffert. So etwa der für die Sicherheit. 461 Millionen Euro sind veranschlagt, in London war es deutlich mehr. Die Summe wirkt angesichts der erhöhten Terrorgefahr nach den Anschlägen von Paris äußerst gering. Der Olympia-Bewerbungsprozess bis 2017 wird Hamburg zudem etwa 50 Millionen Euro kosten, da das IOC keine Kandidaten vorzeitig aussortiert.

Mietpreisexplosion: Der neue Stadtteil auf dem Kleinen Grasbrook soll auch ein Drittel Sozialwohnungen enthalten. Doch es gibt Kritik: Die angrenzenden Stadtteile, etwa Wilhelmsburg und Veddel, wo es derzeit noch moderate Mieten gibt, würden durch die Spiele der Gentrifizierung ausgesetzt, die Mieten würden steigen, das gelte auch für andere Viertel. In anderen Olympiastädten war das durchaus der Fall, etwa in Barcelona.

Andere Probleme: Die Flüchtlingskrise stellt die Hansestadt derzeit vor große Herausforderungen, mehr als 10.000 Menschen kamen allein im September. Wie soll Hamburg da noch die Ausrichtung eines sportlichen Mega-Ereignisses stemmen, fragen Kritiker. Zumal auch noch Milliardenzahlungen auf Hamburg zukommen werden, um die marode Landesbank HSH Nordbank zu retten. Zudem gibt es Ängste, dass andere Bauprojekte verschoben oder abgesagt werden könnten.

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sun/dpa



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rohanseat 29.11.2015
1. hoffentlich
bleiben die hamburger ihrem stil, dem hanseatischen understatement treu.--Ablehnen der spiele ohne wenn und aber. Hamburg braucht keine "großkotzigen" werbespiel wo sich andere die taschen vollstopfen und der bürger zahlt.--
retterdernation 29.11.2015
2. Die Klarsichtigen ...
scheinen Hamburg vor einem weiteren finanziellen Drama zu retten. Glückwunsch aus Berlin. für die Vernünftigen - die sich im Interesse Ihrer Stadt gegen die Olympischen Spiele aussprechen. Emo-Faktor hin oder her.
schillers_locke 29.11.2015
3. Nein
Habe per Briefwahl mit Nein gestimmt. Das Olympische Komitee mit seinen skurrilen und abstrusen Regeln ist genauso korrupt wie die FIFA. Ich wäre dafür, die Olympischen Spiele wieder für immer nach Griechenland zu verlegen. Damit würden die Bewerbungen aufhören und Griechenland hat immerhin etwas ...
bollrock 29.11.2015
4. Oh du reiche Stadt Hamburg..... du kannst alles....
nur kein Geld für die Sanierung von Schulen, Schwimbädern, Universitäten und den ärmsten der Armen locker machen. Für das Geld könnten die Armen dieser Stadt für die nächsten 30 Jahre genug zu Essen und vernünftige Bildung genießen.
Oskar ist der Beste 29.11.2015
5. von wegen Kopf an Kopf...
17.000 Stimmen Vorsprung für NEIN bei 518.000 ausgezählten Stimmen ist eindeutig und...es ist echt Schade, aber so etwas nennt sich halt Demokratie! Ansonsten: All die dagegen gewesen sind, sollen mal nicht glauben, daß auch nur ein Pfennig nun mehr für soziale Belange ausgegeben wird. Die Spiele wären für Hamburg eine ernorme Möglichkeit gewesen, die Stadt internationaler zu machen und vor allem auch bekannter...aber der bekannte deutsche Pantoffelheld vor dem TV Gerät, der Dank Bild und SPON die Welt kennt, der braucht sowas nicht und was er selbst nicht braucht, braucht halt auch niemand sonst. Die Ablehnung ist kleinkariert, spießig und unglaublich provinziell. Und sie zeigt auch, daß die Bevölkerung in den Demokratien in West Europa nur bei solchen Fragen in der Lage ist, seinen Frust zu artikulieren. Bei den nächsten Wahlen wird dann aber wieder munter Hartz Partei gewählt und man beklagt sich über die mangelnde soziale Sicherheit...Ach ja der Einsatz der Bundeswehr in Syrien wird mehr als 2Mrd kosten, aber darübr regt man sich lieber nicht auf, denn da wird man gar nicht erst gefragt. Davon abgesehen, Hamburg kann sich gemäß NOK Beschluß auch 2028 um die Spiele bewerben und es bleibt nur zu hoffen, daß die Meckerpottbrigaden dann ein anderes Thema gefunden haben, an dem sie ihren Lebensfrust abarbeiten können.
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