Olympia-Skandal Die Spur führt zur Russenmafia

Anscheinend hat die Russenmafia beim Eiskunstlauf-Skandal während der Olympischen Winterspiele in Salt Lake City ihre Finger im Spiel gehabt. Ein bekannter russischer Gangster wurde bereits verhaftet.


Olympiasiegerin Marina Anissina und der Präsident des französischen Eislaufverbands, Didier Gailhaguet, während einer Pressekonferenz im Februar 2002
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Olympiasiegerin Marina Anissina und der Präsident des französischen Eislaufverbands, Didier Gailhaguet, während einer Pressekonferenz im Februar 2002

Venedig - Der Russe wurde am Mittwoch in der Nähe von Venedig festgenommen. Der von der italienischen Polizei mit Unterstützung des amerikanischen FBI verhaftete Alimsan Tochtachunow soll bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City die Ergebnisse im Eiskunstlauf durch Erpressen von Kampfrichtern manipuliert haben. Die USA hat die Auslieferung des Verhafteten beantragt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm eine Haftstrafe von fünf Jahren.

Während der Winterspiele im Februar hatte die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne auf Druck für das russische Paar Elena Bereschnaja/Anton Sicharulidse gestimmt. Im Gegenzug habe der Beschuldigte sicherstellen wollen, dass die aus Russland stammende Französin Marina Anissina mit ihrem Partner Gwendal Peizerat die Eistanz-Konkurrenz gewinnt. Dies gehe unter anderem aus abgehörten Telefongesprächen hervor, teilte das FBI mit. Bereschnaja/Sicharulidse hatten sich ihren umstrittenen Sieg durch eine spätere Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) mit den Zweitplatzierten Kanadiern Jamie Sale/David Pelletier teilen müssen.

IOC-Präsident Jacques Rogge hat sich fassungslos über die jüngsten Entwicklungen des Skandals geäußert. "Das IOC ist entsetzt über die neusten Informationen, die uns völlig überraschen", so Rogge. "Obwohl wir von einer früheren Untersuchung wussten, dass die Beurteilung des Eiskunstlaufwettbewerbs nicht korrekt war, sind wir nun schockiert zu erfahren, dass das organisierte Verbrechen darin verwickelt ist." Der dringende Verdacht des Olympiabetrugs gegen Tochtachumow war das Nebenprodukt von Europol-Ermittlungen in einer Geldwäscher-Operation ("Operation Ostgeld"). In die Untersuchungen wurden FBI und die amerikanische Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie machte den Fall am Mittwoch in New York auf einer Pressekonferenz bekannt.

"Wir machen Ihre Tochter zur Olympiasiegerin"


In den vom FBI abgehörten Telefongesprächen heißt es unter anderem in einem Gespräch mit der Mutter einer französischen Eiskunstläuferin: "Wir machen Ihre Tochter zur Olympiasiegerin. Auch wenn sie stürzt, werden wir dafür sorgen, dass sie die Nummer eins sein wird." Welche Eiskunstläuferin damit gemeint war, wollten die Untersuchungsbeamten nicht sagen. Zudem soll Tochtachunow mit dem Präsidenten des französischen Eislaufverbandes Didier Gailhaguet ausgemacht haben, dass er im Falle einer erfolgreichen Manipulation im Paarlauf der französischen Eishockey-Nationalmannschaft eine Million Dollar überweisen würde. In einem anderen Gespräch heißt es, dass insgesamt sechs Preisrichter in die Manipulation verwickelt gewesen sein sollen.

Marie Reine Le Gougne aus Frankreich: Insgesamt sechs Preisrichter in die Manipulation verwickelt?
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Marie Reine Le Gougne aus Frankreich: Insgesamt sechs Preisrichter in die Manipulation verwickelt?

Der Skandal in der Mormonenstadt hatte mit der Suspendierung der französischen Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne geendet. Diese hatte Ende Juli auf eine Berufung gegen dieses Urteil verzichtet. Damit folgte Le Gougne dem Beispiel ihres Verbandsbosses Gailhaguet, der bereits Anfang Juli ebenfalls auf eine Berufung verzichtet hatte. Das Duo war wegen des Olympiaskandals für drei Jahre gesperrt und zudem von den Winterspielen 2006 in Turin ausgeschlossen worden.

Spitzname "Taiwantschik"


Das Nationale Olympische Komitee (NOK) Russlands hat sich distanziert zu den Ereignissen der Verhaftung Tochtachunows geäußert. Das Komitee habe nichts mit dem unter Mafia-Verdacht stehenden Russen zu tun, teilte NOK-Sprecher Gennadi Schwez am Donnerstag in Moskau mit. Der russischen Eislauf-Verband bezeichnete die Festnahme Tochtachunows als "Überraschung".

Der 1949 im usbekischen Taschkent geborene Tochtachunow zählt nach russischen Medienberichten zu den einflussreichsten Figuren der russischen Mafia im Ausland. Als Unternehmer getarnt soll der Mann mit dem Mafia-Spitznamen "Taiwantschik" (der kleine Taiwanese) zuletzt den Handel mit Antiquitäten organisiert und junge russische Models in den Westen vermittelt haben.

Außer Waffen- und Drogenhandel wird ihm auch vorgeworfen, in den neunziger Jahren in Moskau Schönheitswettbewerbe manipuliert zu haben. Tochtachunow, der auch die israelische Staatsbürgerschaft besitzt und mit einer Italienerin verheiratet ist, lebt die meiste Zeit in Mailand, Rom und in Frankreich. Das FBI vermutet, dass sich Tochtachunow mit den Franzosen gut stellen wollte, um seine Aufenthaltsgenehmigung für Frankreich zu verlängern.

"Eine neue Dimension"


In einer ersten Stellungnahme zeigte sich auch der Präsident des internationalen Eislauf-Verbandes (ISU), Ottavio Cinquanta aus Italien, "aufs Äußerste schockiert". Der Name Tochtachunow sei in der zweimonatigen Untersuchung seines Verbandes nie aufgetaucht. Gegenwärtig gebe es noch zu wenig Informationen, um eine neue Untersuchung zu starten. "Wir können nicht auf der Grundlage von noch unbewiesenen Anschuldigungen arbeiten. Wir haben unsere Arbeit getan. Jetzt ist eine andere Arbeit zu erledigen."

IOC-Vizepräsident Thomas Bach sagte, "man muss dem Fall sorgfältig nachgehen". Es müsse alles getan werden zur Aufklärung. Doping sei die große Gefahr des Sports "von innen. Der Versuch der Fremdbestimmung mit kriminellen Mitteln wäre eine neue Dimension. Es kann nur heißen: Wehret den Anfängen." Dabei gehe es um die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und Prävention. Der Fall solle auch bei dem Treffen der IOC-Exekutive Ende August in Lausanne mit den internationalen Verbänden angesprochen werden. Sie seien neben dem IOC die "wirklich Betroffenen".



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