Judoka Dowabobo aus Nauru Eine Minute Olympische Spiele

Sein Land heißt Nauru, ist so klein wie Amrum - und er vertritt es bei den Olympischen Spielen: Der Judoka Sled Dowabobo kämpfte in London um die Anerkennung seiner Heimat - doch nach etwas mehr als einer Minute war sein Olympia-Abenteuer schon wieder vorbei.

Patrick Mahon

Von Steffen Müller


Von einer Medaille war Sled Dowabobo so weit entfernt wie London von seiner Heimat Nauru. Mehr als 14.000 Kilometer trennen den Austragungsort der diesjährigen Sommerspiele von der Pazifikinsel. Der Judoka liegt in der Weltrangliste in seiner Klasse bis 73 Kilogramm auf Rang 136. Dank eines verworrenen Qualifikationssystems gelang es dem 29-Jährigen dennoch, sich einen Platz unter den 34 Athleten in seiner Gewichtsstufe zu sichern. "Unser Olympisches Komitee war ganz schön überrascht, als ich die Qualifikationskriterien erfüllt hatte", sagt Dowabobo.

Etwas mehr als 10.000 Menschen leben auf Nauru, 2500 Kilometer nordöstlich von Australien. Nach dem Vatikan und Monaco ist die Insel, die mit 21,2 Quadratkilometern so groß ist wie Amrum, der drittkleinste Staat der Erde. In den siebziger Jahren wurde Nauru durch den Abbau von Phosphat reich. Doch seitdem die Vorräte erschöpft sind, ist das Land auf Hilfen angewiesen. Finanzielle Unterstützung für einen Sport wie Judo gibt es nicht.

Zum ersten Mal nahmen Sportler aus Nauru 1996 an den Olympischen Sommerspielen teil. Sieben Athleten entsandte das Nationale Olympische Komitee (NNOC) seitdem, Dowabobo ist der achte. Und er ist der erste Nicht-Gewichtheber, der die Farben seines Landes bei Olympia vertrat. Gewichtheben genießt in Nauru große Wertschätzung, wird finanziell unterstützt. Der ehemalige Staatspräsident Marcus Stephen nahm 1996 und 2000 selbst als Gewichtheber an den Olympischen Spielen teil. Nun ist er Mitglied im Parlament und Chef des NNOC.

Olympia-Qualifikation dank Trainingscamp

Neben Dowabobo hat sich mit Itte Detenamo erneut ein nauruischer Gewichtheber für Olympia qualifiziert. Er wird vom NNOC gefördert, Dowabobo nicht. "Früher bin ich hauptsächlich bei kleineren Turnieren angetreten. Für größere Wettbewerbe verdiene ich nicht genug Geld."

Dowabobo arbeitet in Nauru als Zimmermann und Bauarbeiter. Abends trainiert er gemeinsam mit zwei weiteren nauruischen Judoka mit schwarzen Gürteln. Die einzige Hilfe erhält er von der ozeanischen Judo Union (OJU). Im Zuge der Olympia-Vorbereitung organisierte die OJU mit Geldern der Internationalen Judo Föderation Trainingscamps und vergab Stipendien. Dowabobo wurde vor drei Jahren aufgenommen und bekam so die Chance auf die Olympia-Qualifikation. Unter der Leitung des Neuseeländers Patrick Mahon absolvierte Dowabobo mit Judokas von anderen Pazifikinseln ein monatelanges Trainingslager auf Samoa, um sich auf die Olympischen Spiele vorzubereiten. Durch das Stipendium konnte er außerdem die Kosten für Turniere in Übersee aufbringen.

So sammelte Dowabobo wichtige Weltranglistenpunkte, die ihm letztlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele ermöglichten. Ein Erfolg, mit dem Mahon, der Dowabobo auch in London betreuen wird, nicht unbedingt gerechnet hatte. Ganz so überrascht wie das Olympische Komitee in Nauru war er aber nicht. "Sled ist einer der härtesten Arbeiter im Team."

Bis Mai 2012 hat die Internationale Judo Föderation die Judoka der OJU unterstützt. Aus politischen Gründen wurde das Trainingscamp aber schon im Dezember 2011 eingestellt. Mahon führte die Arbeit mit Dowabobo und weiteren Judokas jedoch fort. Von Februar bis Mai trainierte Dowabobo im australischen Brisbane im eigenen Judoclub von Mahon, untergebracht war er in dessen Haus. Den letzten Feinschliff holte sich Dowabobo seit Anfang Juni an der Bath University im Westen Englands, einem der Haupttrainingszentren in Großbritannien.

Am Montagmorgen startete für Dowabobo der olympische Wettkampf. Sein Gegner in der ersten K.-o.-Runde war Navruz Jurakobilow. Alles andere als eine Niederlage Dowabobos wäre ohnehin eine Sensation gewesen. Aber der Nauruer hätte sich gewünscht, dass sein Abenteuer Olympia doch ein wenig länger anhält: Etwas mehr als eine Minute dauerte der Kampf, dann hatte Dowabobo verloren.



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