IOC-Präsidentschaftskandidat Bach Macht, Moneten, Medaillen

Er will an die Spitze: Thomas Bach hat seine Kandidatur für das höchste Amt im Sport verkündet. Doch den Wahlkampf für die IOC-Präsidentschaft führt der Deutsche schon seit Jahrzehnten. Er besitzt die olympische DNA, hat ein breites Netzwerk und viele Förderer - und beste Chancen gegen seine Mitbewerber.
Präsidentenkandidat Bach: Florett-Olympiasieger mit Ambitionen

Präsidentenkandidat Bach: Florett-Olympiasieger mit Ambitionen

Foto: Frank Rumpenhorst/ dpa

Thomas Bach hat zwei Jahrzehnte gewartet, bis er sich öffentlich zu dem bekannte, was Branchenkenner längst wussten: Der 59-jährige Deutsche will mächtigster Sportfunktionär des Planeten werden und den Milliardenkonzern IOC führen. Kein anderer möglicher Kandidat erfüllt das Anforderungsprofil so komplett wie Bach. Er hat die olympische DNA aus Macht, Moneten, Verschwiegenheit und Medaillen.

Bach wurde 1976 Olympiasieger mit dem deutschen Florett-Team. Er hat alle Stationen der Karriereleiter für Funktionäre durchlaufen. Er absolvierte seine sportpolitische Grundausbildung bei Horst Dassler, dem Visionär des olympischen Weltsports, der die Branche aber auch mit einem Korruptionsnetz ohnegleichen überzogen hat, das bis heute nachwirkt: Denn Dassler hat auch die Sportrechteagentur ISL gegründet, die mit mindestens 142 Millionen Schweizer Franken höchste Sportfunktionäre schmierte.

Das Erbe Dasslers wirkt nach, jedenfalls in personeller Hinsicht. In Fifa-Präsident Joseph Blatter, einst bester Kumpel Dasslers - und eben in Dasslers ehemaligem Adlatus Thomas Bach.

Bach will als Mitglied der sportpolitischen Abteilung von Adidas, wo er Mitte der achtziger Jahre unter Dassler als Direktor fungierte, nie etwas mitbekommen haben von den unsauberen Geschäften, vom flächendeckenden Geben und Nehmen. Und Bach hat auch seit Dasslers Tod im Jahr 1987 alle Klippen erfolgreich umschifft, etwa wenn seine fürstlich dotierten Geheimverträge mit Wirtschaftskonzernen (Holzmann, Siemens) publik und in Frage gestellt wurden. Bach prägte dazu den wunderbaren Begriff der "vielfältigen Lebenssachverhalte".

Transparenz ist keine Tugend von Bach

In der Grauzone von Sport, Wirtschaft und Politik, an den Schaltstellen der Macht, sind die Lebenssachverhalte in der Tat vielfältig. Wenn ausgerechnet Thomas Bach nun davon spricht, er wolle seinen IOC-Kollegen "offen" gegenübertreten und habe sich deshalb kurzfristig entschieden, die Kandidatur als Erster, einen Monat vor Meldeschluss, bekanntzugeben, sollte man ihn unbedingt beim Wort nehmen. Denn Transparenz zählte in der Vergangenheit nicht zu seinen hervorstechenden Tugenden.

Die globalen olympischen Fliehkräfte sprechen derzeit eindeutig für Bach. Er ist den alten und neuen Herrschern des Olympia-Milliardenbusiness eng verbunden. Er wurde einst vom großen deutschen Olympier Willi Daume und vom früheren Präsidenten und Dassler-Kumpanen Juan Antonio Samaranch protegiert. Die drei sind längst verstorben, heute beherrschen Milliardäre vom Persischen Golf und aus Russland die Szene.

Während sich der nach zwölf Jahren turnusgemäß aus dem Amt scheidende belgische IOC-Präsident Jacques Rogge dem dubiosen Treiben der neureichen Sportfürsten nur zaghaft widersetzte, etwa als er zweimal die Olympiabewerbungen der katarischen Hauptstadt Doha auf Eis legte, so spielt Bach konsequent den Doppelpass mit den steinreichen Potentaten.

Ein Latino und ein Asiate als schärfste Konkurrenten

Mitentscheidend über die Wahl des IOC-Präsidenten im September 2013 dürften Bachs exzellente Kontakte zum kuwaitischen Scheich Ahmed al-Sabbah sein. Sabbah, ehemals Opec-Präsident, ist selbst IOC-Mitglied, Boss der mächtigen asiatischen Olympiavereinigung Oca und in zahlreiche Korruptionsaffären verstrickt. Auch ansonsten hat Bach enge Beziehungen nach Kuwait. Kuwaitische Investoren sind Mehrheitseigner der Tauberbischofsheimer Weinig AG, Weltmarktführer im Holzmaschinenbau. Aufsichtsratschef der Weinig AG ist wiederum: Thomas Bach.

Eine These, die in der Szene heiß gehandelt wird, geht so: Madrid wird am 7. September Olympiastadt 2020, Bach am 10. September IOC-Präsident - weil sich beides ergänzt. Bach baut auf das Stimmenpaket aus dem Vermächtnis seines ehemaligen Förderers Samaranch, der das IOC von 1980 bis 2001 beherrschte. Bachs Freunde vom Persischen Golf wiederum wollen Istanbul für 2020 ausbooten. Sie favorisieren Madrid, damit Olympia dann 2024 oder 2028 in Arabien stattfinden kann.

Kann der Umstand, dass die bisherigen acht IOC-Präsidenten ausschließlich aus Europa (siebenmal) und den USA (einmal) kamen, Bachs Thronbesteigung verhindern? Oder spräche diese geopolitische Konstellation etwa für Richard Carrión, den Banker aus Puerto Rico, den Rogge angeblich favorisiert, oder Ser Miang Ng aus Singapur?

Auch dieser Wettkampf wird in den Hinterzimmern der Macht entschieden

Noch haben die Europäer im IOC den größten Anteil der Stimmen, auch wenn sie nicht geschlossen agieren und es vielleicht mit dem Schweizer Denis Oswald einen weiteren Kandidaten gibt. Ein Momentum für andere Weltregionen ist derzeit nicht zu spüren. Die Emire und Scheichs, oder der russische Präsident Wladimir Putin, der ebenfalls über weite Teile des Weltsports gebietet und 2014 in seiner Residenzstadt Sotschi Olympiagastgeber ist, wären mit einem IOC-Präsidenten Bach zufrieden.

In der Parallelgesellschaft IOC gelten andere Regeln - dieser Wahlkampf ist nicht mit politischen Wahlkämpfen zu verwechseln, wo sich die Kombattanten öffentlich stellen müssen. Öffentliche Diskussionsrunden, gar Kritik an Mitbewerbern, sind ausdrücklich verboten. "Die IOC-Mitglieder kennen alle Kandidaten sehr gut", sagt Bach. "Sie wissen, wofür sie stehen, was sie für die olympische Bewegung geleistet haben und wie sie denken." Wie immer im Olympia-Business wird dieser Wettkampf in den Hinterzimmern der Macht entschieden.

Es spricht fast alles für Bach. Kaum etwas für Carrión, Oswald oder Ser Miang Ng, die sich ohnehin erst entscheiden müssen. Andere potentielle Kandidaten wie die Olympiasieger Nawal al-Moutawakel (Marokko) oder Sergej Bubka (Ukraine) sind zu jung und gehen noch einen Zyklus in die Warteschleife. Wer im IOC einmal groß verliert, ist für alle Zeiten verloren. Auch Bach war 2001 weise genug, nicht gegen Rogge und Co. zu kandidieren. Doch nun ist seine Zeit gekommen.