Olympia-Turner Hambüchen Der Mann, der die Chinesen überflügeln soll

Es geht um absolute Präzision, um Millimeter und Millisekunden: Reckturnen zählt zu den schwersten Olympia-Disziplinen und wird traditionell von den Chinesen dominiert. Fabian Hambüchen kann trotzdem für Deutschland Gold holen - mit einer waghalsigen Kür.

Von Jürgen Roos


Der junge Mann platzt beinahe vor Selbstbewusstsein. Als Fabian Hambüchen kurz vor seiner Abreise zu den Olympischen Spielen in Peking ein letztes Interview gab, schätzte er seine Chancen, Olympiasieger am Reck zu werden, als "super" ein. Realismus oder Größenwahn? Hambüchens Medienberater jedenfalls sah sich gezwungen, seinen Schützling ein wenig einzubremsen und ersetzte "super" kurzerhand durch "ganz gut". Das klingt bescheidener. Dabei hatte der 20-Jährige nur gesagt, wie es ist: Als amtierender Welt- und Europameister am Königsgerät der Turner beherrscht Fabian Hambüchen eine Reck-Übung, die so schwer ist wie sonst keine auf der Welt.

"Ich bin mental so gut drauf, dass ich nicht an irgendwelche Fehler denke, sondern nur die positiven Gedanken mit in den Wettkampf nehme", sagte Hambüchen noch - und setzte sich in den Flieger, der ihn über die Zwischenstation Japan ins Reich der Mitte flog. Freitag löste seine Ankunft am Pekinger Flughafen einen kleinen Tumult aus. Reporter und Fotografen erwarteten den 1,63 Meter kleinen Mann, der das Zeug hat, den dominierenden chinesischen Turnern die Stirn zu bieten. Und ihnen neben Gold am Reck vielleicht sogar die sicher geglaubte goldene Plakette im Mehrkampf wegschnappen könnte.

Hambüchen war vorbereitet. Bei der Ankunft und nach dem ersten geheimen Training sagte er nicht viel, sein Management hatte nach dem ersten öffentlichen Training am Mittwoch eine eigene Medienkonferenz anberaumt. "Wir hatten im Vorfeld so viele Anfragen aus den USA, China und Japan", sagt Hambüchen, "deshalb haben wir eine halbstündige Fragerunde für alle gemacht - und dann konnte ich mich wieder auf den Wettkampf konzentrieren."

Bei seiner Rückkehr zu Olympia soll alles perfekt sein. 2004 in Athen war sein Stern aufgegangen, als er Teilnehmer an einem skandalösen Reckfinale war, das zur besten Sendezeit in die deutschen Wohnstuben übertragen wurde. Am Ende wurde er zwar "nur" Siebter, aber zwölf Millionen Menschen in Deutschland hatten ihn gesehen. "Fabi war zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort", sagt Hambüchens Manager Klaus Kärcher immer wieder, "und das kann man nicht planen."

Es wäre allerdings zu einfach, allein den Zufall für Hambüchens Erfolg verantwortlich zu machen. Mehr als zehn Jahre hatte der damals 16-Jährige zu diesem Zeitpunkt schon an sich gearbeitet. Und seit Athen hat er sein Trainingspensum nicht verringert. Der Turner profitiert von einem rundum funktionierenden Umfeld. Sein Vater Wolfgang ist hessischer Landestrainer und hat das Talent seines Sohnes früh erkannt. Seine Mutter Beate hat sich um den Rest gekümmert und ihren beiden Männern so die Freiheit verschafft, sich ganz dem Turnen zu widmen.

Hambüchen in der "autonomen Zelle"

Beim Deutschen Turnerbund (DTB) hatte dieser Familienbetrieb aus Wetzlar zu Beginn nicht nur Freunde. In dieser "autonomen Zelle", die schwer steuerbar war, eckte vor allem Wolfgang Hambüchen mit seinen Ideen und Vorstellungen immer wieder an. Und dennoch gelang schließlich die gegenseitige Annäherung. Selbst der in der ehemaligen DDR sozialisierte DTB-Cheftrainer Andreas Hirsch musste am Ende zugeben, dass er die Dinge zu Anfang zu zentralistisch betrachtet hatte. Die friedliche Koexistenz fand ihren Höhepunkt bei der WM 2007 in Stuttgart, bei der Fabian Hambüchen am Reck Weltmeister, im Mehrkampf Vize-Weltmeister und mit der deutschen Riege WM-Dritter geworden war. Es war ein Turnfest im eigenen Land, und Hambüchen war dessen Hauptfigur. Am Ende des Jahres wurde er zum "Sportler des Jahres" gewählt.

"Wenn ich durchturne, bleibe ich vorne"

Parallel zum Aufschwung wuchs die Hambüchen-AG: Nach Athen kümmerte sich der erfahrene Stuttgarter Manager Klaus Kärcher, der auch die Eisschnellläuferin Anni Friesinger betreut, um die Medien- und Sponsorenarbeit und verschaffte dem Turner einige lukrative Werbeeinkünfte. Ganz nebenbei stieg Hambüchens Onkel Bruno, ein studierter Psychologe, in die Betreuung seines Neffen ein. Dass Fabian Hambüchen in den entscheidenden Momenten keine Nerven zeigt, dürfte mit diesem Mentaltraining zu tun haben. Bei der WM 2007 und den Europameisterschaften 2007 und 2008 ließ der kleine Turner den größten Konkurrenten keine Chance.

Jetzt also Olympia. Wieder Olympia. "Ich gehe mit dem Gefühl dorthin, meinen Traum vom Olympiasieg erfüllen zu können", sagt Hambüchen, "wenn ich durchturne, bleibe ich vorne." Davor aber stehen zwei Übungen - in der Qualifikation und im Finale - die erst durchgeturnt werden wollen. Hambüchens Reckkür ist gespickt mit Höchstschwierigkeiten, mit komplizierten Drehungen, Griffwechseln und Flugteilen, die den kleinen Turner hoch hinaus über die Reckstange befördern. "Es geht um Millimeter und um Millisekunden", sagt Hambüchen. Und am Ende muss der 20-Jährige auch noch seinen Abgang, einen gestreckten Doppelsalto mit doppelter Schraube, sicher stehen.

Hierbei werden ihm weder Medienberater noch Trainer oder Manager helfen. Das ganze Umfeld wird dann unwichtig sein und Hambüchen ganz auf sich allein gestellt. Genügend Selbstbewusstsein für diese Aufgabe besitzt er allemal.



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Seite 1
l.augenstein 15.07.2008
1.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Offensichtlich ist dieses Thema Blech:-)
Shiraz, 16.07.2008
2.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Naja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
ichbinesselbst, 16.07.2008
3.
Zitat von ShirazNaja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
Na wenigstens ist auf unsere Pferde-Athleten noch Verlass.
ichbinesselbst, 16.07.2008
4.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Die, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
klumpenhund 16.07.2008
5.
Zitat von ichbinesselbstDie, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
Schnarch... War eigentlich klar das sowas kommt... Es gibt 2 Olympiafreds, 3 Radsportfreds und ein Dopingfred und überall wird nur über Doping herumspekuliert. Wie wäre es mit einem Sammelfred, den man in die Abteilung Gesellschaft packt? Vielleicht kann man sich dann in der Sportkategorie auch wieder über Sport unterhalten.
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