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27. August 2004, 12:25 Uhr

Olympia-Wut der Griechen

Testosteron für das Volk

Von , Athen

Stimmung im Stadion? Kein Problem: Lasst einen Amerikaner an den Start und die Griechen flippen aus. Der entrückte Rausch der Hellenen könnte ein Vorgeschmack sein auf die Wut, die den Verantwortlichen in Griechenland nach enttäuschenden Spielen droht.

Griechischer Fan: Positive Energie in negative verwandelt
AFP

Griechischer Fan: Positive Energie in negative verwandelt

Athen - Je näher das Ende rückt, umso wichtiger wird die Heimat. Der Ouzometer sinkt langsam Richtung null, das Schlafdefizit fördert die Wahnvorstellung, dass zu Hause doch alles besser ist als auf dem Planeten Olympia, einige sagen sogar ihren ursprünglich nach den Spielen geplanten Urlaub in Griechenland ("wenn man schon mal da ist") ab. In den Sportler- und Journalisten-WGs macht sich der Lagerkoller breit.

Die Ersten fangen an, wieder anderes zu lesen als Sportberichte: Mindestlohn, Hartz IV, Regen in Hamburg. Alles ist besser als Olympia. Karten für die Schlussfeier, die 750 Euro kosten, sind auf dem Schwarzmarkt nun für 600 zu haben. Ein Schnäppchen im Sommer-Schlussverkauf. Im olympischen Dorf sinkt der Kondomverbrauch von anfangs 1000 am Tag auf testosteronschwache 500.

Ja, das Testosteron. Es war sehr präsent in Athen. Nicht wegen der schönen Körper in luftiger Kleidung bei bestem Wetter mit Beachpartys und viel Alkohol. Mann konnte viel lernen über den Stoff der (An)Triebe.

Akademische Grenzen für Athleten

Gemessen am natürlichen menschlichen Hormonspiegel, der bei 0,5 bis 1,5 liegt, liefen in Athen ziemlich viele Liebesmonster rum. Mit einem Testosteronquotienten von 3,5 war Marion Jones ziemlich gut dabei, doch beruhigend weit unter dem eigens für den Spitzensport eingeführten Wert von 6,0 - eine willkürliche Grenze, die Sportfunktionäre erfunden haben, weil sie sonst befürchten müssen, Olympia ohne Athleten zu veranstalten.

6,0 dürfen sie also haben. Bei einem griechischen Gewichtheber wurde nach seinem Medaillenerfolg ein Wert von 24 gemessen. Das führte erstens zur Aberkennung der Medaille und zweitens zu der hübschen Bemerkung des Dopingtesters, der Mann müsse mit "einer Dauererektion" rumgelaufen sein.

Weil das trotz der engen Trikots aber nicht aufgefallen war, behauptet der Heber steif und fest, er habe nichts genommen. Da habe ihm jemand was in den Orangensaft gemixt vor dem Kampf, wobei man sich fragt, ob bei diesem Wert der Saft noch nach Orange schmecken konnte. Also weigerte er sich, die Medaille rauszurücken, hämmerte heulend vor laufenden Kameras, die bei ihm zu Hause vor der Tür live übertrugen, gegen das Treppengeländer und verbarrikadierte sich in seiner Wohnung. Auch eine Art Triebabfuhr. Die griechische Post hat die Sonderbriefmarke mit seinem Konterfei nun zurückgezogen und eingestampft.

Griechen führen im Hormonspiegel

Dass die griechischen Sportler im Hormonspiegel einsam vorne liegen, muss nicht mit Doping zu tun haben. Wer das griechische Publikum erlebt, glaubt zunehmend, dass es genetisch bedingt ist. Wenn Landsmänner oder -frauen an den Start gehen, bringen die "Hellas, Hellas"-Rufe das Stadion zum Wackeln. Das ist alles schön und gut und macht Laune. Aber leider verwandelt sich diese positive Energie auch in negative.

Beim 100-Meter-Finale der Frauen, ein Höhepunkt der Spiele, war das Stadion nur noch halb voll, weil die Griechen übel nahmen, dass ihr Liebling Thanou nicht dabei war. Zur Erinnerung: Thanou war nach mehreren verpassten Dopingproben und einem nächtlichen Motorradausflug mit dem spritzigen Kollegen Kostas Kenteris erst im Krankenhaus gelandet, und dann hatten beide ihren Verzicht erklärt.

Beim 200-Meter-Finale der Männer ging am Donnerstagabend dann alles in trotzigen Kenteris-Rufen unter. Zehn Minuten lang konnte das Rennen nicht gestartet werden. US-Läufer wurden gnadenlos ausgepfiffen. Oh Olympia, Fest der Freude, willkommen zu Hause.

Kenteris über alles

Die Stimmung ist schon länger aufgepeitscht in Athen, was andere griechische Sportler dazu animierte, beim Erwerb einer Medaille diese weinend im Fernsehen Kenteris zu widmen. Das ist dem heimischen Leichtathletik-Verband mittlerweile so peinlich, dass er seine Mitglieder aufgefordert hat, solche Huldigungen zu unterlassen.

Doch auf das Publikum hat der Verband keinen Zugriff. Bei der Siegerehrung für ein griechisches Bronze beim Gewichtheben schrieen sie handgestoppte sieben Minuten lang alles nieder. Der Mann stand mit der Hand auf dem Herz regungslos auf dem Podest, und als die vor ihm Plazierten ihn antippten und vorsichtig anmerkten, sie wollten nun auch mal geehrt werden, holte er erst mal seine Kinder auf das Podest zum weiteren Entzücken der Gemeinde.

Sprinter Kenteris: Oh Olympia, willkommen zu Hause
AP

Sprinter Kenteris: Oh Olympia, willkommen zu Hause

Wettbewerbsverzerrend war es beim Turnen. Paul Hamm hatte gegen Mitternacht eine ausdruckslose Miene aus Beton. Der kleine Turner aus den USA trug die Last, die die Welt auf seine Schultern lud. Die Außenpolitik von George W. Bush. Die allgemeine Antipathie der Griechen gegen Amerikaner. Die Lust des Publikums an der Selbstinszenierung. Nicht, dass an dem Abend irgendein Grieche eine Chance gehabt hätte, aber das Publikum schrie alles in Grund und Boden, was Hamm einen Sieg beschert hätte, notierte die "Süddeutsche Zeitung". Nach Überzeugung der Beobachter beeinflusste das Publikum die Kampfrichter so lange, bis ein Italiener vor dem US-Boy lag.

Olympia läuft nicht wie geplant

Die Griechen leiden. Sie fühlen sich ungerecht behandelt von Dopingtestern, der ausländischen Presse und dem IOC. Sie wollten die Spiele, und es läuft nicht wie erhofft. Das große Geschäft für die Händler ist ausgeblieben, ihre größten Stars haben die Sportwelt und sie getäuscht, in den Dopingtests wird immer offensichtlicher, dass man den Erfolg bei Heimkehr der Spiele um jeden Preis wollte, das Minderwertigkeitsgefühl als kleine Nation bricht sich Bahn.

Griechische Freunde, die ihre Landsleute besser kennen, ahnen bereits, dass sich dieser kollektive Rausch bald gegen die eigenen Leute richten wird: das Organisationskomitee und die Politik. Jeden Tag sickern neue Zahlen durch, immer größere, immer belastendere. Die Spiele werden für Griechenland sehr viel teurer als geplant. Athen und die Griechen werden noch Jahrzehnte dafür bezahlen, wenn der Olympia-Tross nach einem feuchten Händedruck längst weitergezogen ist. Wenn diese Griechen erst mal sauer werden, hilft den Verantwortlichen auch keine kollektive Testosteron-Spritze mehr. Aus den Hellas-Rufen wird in Athen ein Schwanengesang.

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