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11. August 2016, 13:32 Uhr

Deutsche Fechter in Rio

Mit stumpfer Klinge

Aus Rio de Janeiro berichtet

Noch nie in den vergangenen 50 Jahren ging es dem deutschen Fechtsport bei Olympischen Spielen so schlecht wie jetzt. Die desaströse Bilanz: null Medaillen.

Es war einmal eine große Fechtnation. Mit diesen Worten könnte eine Geschichte beginnen, die von vergangenen Zeiten erzählt. Von jenen Tagen, als Deutschland auf der Planche dominierte, der kleine Ort Tauberbischofsheim im Norden Baden-Württembergs der Nabel der Fechtwelt war, und Coach Emil Beck denselben Bekanntheitsgrad hatte wie der Fußballbundestrainer.

Darin vorkommen müsste unbedingt der 22. September 1988, die Sternstunde mit drei deutschen Frauen auf dem olympischen Podest von Seoul: Anja Fichtel, Sabine Bau, Zita Funkenhauser. Anschließend holten die drei auch noch Florett-Mannschaftsgold. Von den 24 Fechtmedaillen der Sommerspiele 1988 gingen acht an Deutschland.

Damals, das war wie im Märchen. Im Sommer 2016 ist der deutsche Fechtsport am Boden.

Schlechteste Bilanz seit vielen Jahrzehnten

Beim Jahreshöhepunkt, den Olympischen Spielen, standen nur vier Athleten des Deutschen Fechter-Bundes auf den Wettkampfbahnen der Carioca Arena 3 in Rio. Vor vier Jahren in London waren es noch dreimal so viele. Stars wie Britta Heidemann konnten sich erst gar nicht qualifizieren. Doch die Statistik liest sich noch negativer. Erstmals seit 1956 stellte Deutschland keine Mannschaft mehr, und zum ersten Mal nach 36 Jahren fliegt der Verband ohne jede Medaille heim.

"Wir können infrastrukturell einfach nicht mithalten mit den anderen Nationen", sagt Matyas Szabo. Er war am Mittwoch die letzte deutsche Hoffnung, doch der 24-Jährige schied im Viertelfinale des Säbelwettbewerbs aus. Teamkollege Max Hartung war schon im Achtelfinale gescheitert, die Florettfechter Peter Joppich und Carolin Golubytskyi mussten ebenfalls die kleine, schmucke Halle mit den vier bunten Bahnen viel zu früh verlassen.

Golubytskyi humpelte nach ihrer Niederlage gegen die Polin Hanna Lyczbinska durch die Katakomben. Die 30-Jährige hatte sich am Knie verletzt und wurde umgehend zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht. Golubytskyi wurde so ungewollt zum Sinnbild des deutschen Fechtens, das kränkelt, hinterherhinkt und dringend genau durchgecheckt werden muss.

"Um konkurrenzfähig zu sein, brauchen wir Fechter, die rund um die Uhr trainieren, rundum versorgt werden und parallel aber die Möglichkeit haben, über einen längeren Zeitraum ihre Ausbildung zu machen", sagt Sven Ressel. Ressel ist Sportdirektor beim DFB; als Fichtel, Bau und Funkenhauser 1988 Gold, Silber und Bronze gewannen, war er in Tauberbischofsheim und mächtig stolz. Ressel blickt gerne in die erfolgreiche Vergangenheit zurück, doch er weiß, dass das in der Gegenwart nicht weiterhilft.

"Uns bricht ein bisschen die Basis weg, die Vereine funktionieren nicht mehr so gut wie früher", sagt Hartung. Es fehle die breite Unterstützung. Sponsoren, die früher den Fechtern geholfen hätten, würden sich zurückziehen, die Menschen seien einfach nicht mehr so begeistert von dem Sport, sagt er.

Russland als Vorbild?

In Russland zum Beispiel sei das anders. Dort würden Summen im siebenstelligen Bereich für individuelle Athletenförderung investiert, so Ressel. Fechter dort trainieren mehr als 300 Tage im Jahr zusammen an einem Standort - paradiesische Zustände, die man sich in Deutschland einfach nicht leisten könne.

Deshalb, so Ressel, müsse man auf den Nachwuchs setzen. Zwar gebe es einige vielversprechende Talente, die jetzt in den Seniorenbereich gebracht werden sollen. Doch genau da würden dann die Probleme beginnen, erklärt er und verweist auf die wichtigen Punkte Beruf, Studium, Arbeit. "Dies ist ein Thema, über das sich der deutsche Sport grundsätzlich Gedanken machen sollte."

Fechter Szabo weiß, dass die russische Konkurrenz "den ganzen Tag nichts anderes macht, als zu fechten". Er hingegen müsse studieren und versuchen, "irgendwie etwas aus meinem Leben zu machen", wenn er mit dem Fechten aufgehört habe. Wie alle anderen bekommt auch er kaum Geld. Der Verband habe einfach nicht die finanziellen Mittel, um etwas zum Lebensunterhalt der Athleten beizutragen, sagt Ressel. Wenn es die Bundeswehr nicht gäbe, erklärt Szabo, würde er wohl noch bei seinen Eltern wohnen und mit dem Fahrrad zum Training fahren.

Ressel sagt, vor "zehn, 15 Jahren", hätten die Voraussetzungen in Deutschland noch gereicht, mittlerweile sei dies aber nicht mehr der Fall. Das Ende einer Fechtnation.

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