Deutsche Fechter in Rio Mit stumpfer Klinge

Noch nie in den vergangenen 50 Jahren ging es dem deutschen Fechtsport bei Olympischen Spielen so schlecht wie jetzt. Die desaströse Bilanz: null Medaillen.

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Aus Rio de Janeiro berichtet


Es war einmal eine große Fechtnation. Mit diesen Worten könnte eine Geschichte beginnen, die von vergangenen Zeiten erzählt. Von jenen Tagen, als Deutschland auf der Planche dominierte, der kleine Ort Tauberbischofsheim im Norden Baden-Württembergs der Nabel der Fechtwelt war, und Coach Emil Beck denselben Bekanntheitsgrad hatte wie der Fußballbundestrainer.

Darin vorkommen müsste unbedingt der 22. September 1988, die Sternstunde mit drei deutschen Frauen auf dem olympischen Podest von Seoul: Anja Fichtel, Sabine Bau, Zita Funkenhauser. Anschließend holten die drei auch noch Florett-Mannschaftsgold. Von den 24 Fechtmedaillen der Sommerspiele 1988 gingen acht an Deutschland.

Damals, das war wie im Märchen. Im Sommer 2016 ist der deutsche Fechtsport am Boden.

Schlechteste Bilanz seit vielen Jahrzehnten

Beim Jahreshöhepunkt, den Olympischen Spielen, standen nur vier Athleten des Deutschen Fechter-Bundes auf den Wettkampfbahnen der Carioca Arena 3 in Rio. Vor vier Jahren in London waren es noch dreimal so viele. Stars wie Britta Heidemann konnten sich erst gar nicht qualifizieren. Doch die Statistik liest sich noch negativer. Erstmals seit 1956 stellte Deutschland keine Mannschaft mehr, und zum ersten Mal nach 36 Jahren fliegt der Verband ohne jede Medaille heim.

"Wir können infrastrukturell einfach nicht mithalten mit den anderen Nationen", sagt Matyas Szabo. Er war am Mittwoch die letzte deutsche Hoffnung, doch der 24-Jährige schied im Viertelfinale des Säbelwettbewerbs aus. Teamkollege Max Hartung war schon im Achtelfinale gescheitert, die Florettfechter Peter Joppich und Carolin Golubytskyi mussten ebenfalls die kleine, schmucke Halle mit den vier bunten Bahnen viel zu früh verlassen.

Wütend: Matyas Szabo
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Wütend: Matyas Szabo

Golubytskyi humpelte nach ihrer Niederlage gegen die Polin Hanna Lyczbinska durch die Katakomben. Die 30-Jährige hatte sich am Knie verletzt und wurde umgehend zur Untersuchung in ein Krankenhaus gebracht. Golubytskyi wurde so ungewollt zum Sinnbild des deutschen Fechtens, das kränkelt, hinterherhinkt und dringend genau durchgecheckt werden muss.

"Um konkurrenzfähig zu sein, brauchen wir Fechter, die rund um die Uhr trainieren, rundum versorgt werden und parallel aber die Möglichkeit haben, über einen längeren Zeitraum ihre Ausbildung zu machen", sagt Sven Ressel. Ressel ist Sportdirektor beim DFB; als Fichtel, Bau und Funkenhauser 1988 Gold, Silber und Bronze gewannen, war er in Tauberbischofsheim und mächtig stolz. Ressel blickt gerne in die erfolgreiche Vergangenheit zurück, doch er weiß, dass das in der Gegenwart nicht weiterhilft.

"Uns bricht ein bisschen die Basis weg, die Vereine funktionieren nicht mehr so gut wie früher", sagt Hartung. Es fehle die breite Unterstützung. Sponsoren, die früher den Fechtern geholfen hätten, würden sich zurückziehen, die Menschen seien einfach nicht mehr so begeistert von dem Sport, sagt er.

Russland als Vorbild?

In Russland zum Beispiel sei das anders. Dort würden Summen im siebenstelligen Bereich für individuelle Athletenförderung investiert, so Ressel. Fechter dort trainieren mehr als 300 Tage im Jahr zusammen an einem Standort - paradiesische Zustände, die man sich in Deutschland einfach nicht leisten könne.

Deshalb, so Ressel, müsse man auf den Nachwuchs setzen. Zwar gebe es einige vielversprechende Talente, die jetzt in den Seniorenbereich gebracht werden sollen. Doch genau da würden dann die Probleme beginnen, erklärt er und verweist auf die wichtigen Punkte Beruf, Studium, Arbeit. "Dies ist ein Thema, über das sich der deutsche Sport grundsätzlich Gedanken machen sollte."

Fechter Szabo weiß, dass die russische Konkurrenz "den ganzen Tag nichts anderes macht, als zu fechten". Er hingegen müsse studieren und versuchen, "irgendwie etwas aus meinem Leben zu machen", wenn er mit dem Fechten aufgehört habe. Wie alle anderen bekommt auch er kaum Geld. Der Verband habe einfach nicht die finanziellen Mittel, um etwas zum Lebensunterhalt der Athleten beizutragen, sagt Ressel. Wenn es die Bundeswehr nicht gäbe, erklärt Szabo, würde er wohl noch bei seinen Eltern wohnen und mit dem Fahrrad zum Training fahren.

Ressel sagt, vor "zehn, 15 Jahren", hätten die Voraussetzungen in Deutschland noch gereicht, mittlerweile sei dies aber nicht mehr der Fall. Das Ende einer Fechtnation.

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schwester arno 11.08.2016
1. Schade
Bei der geringen Anzahl an Qualifizierten war sicher nicht mit grossen Sprüngen zu rechnen. Tragisch ist eigentlich, dass es überhaupt keine Mannschaft nach Rio geschafft hat. Schade eigentlich, früher waren die olympischen Fechtwettbewerbe (ausser Säbel :-)) immer ein Highlight für den Westdeutschen Zuschauer. Andere können das halt auch, und Emil Beck ist halt nicht mehr. Man kann ja von ihm halten was man will, v.a wegen der Vorwürfe gegen ihn am Ende seines Lebens, aber sehr guter Trainerfuchs war er allemal
Direwolf 11.08.2016
2. Man muss sich auch mal die Rahmenbedingungen ansehen:
Die Spiteznförderung im DFeB ist eher schlecht, keine Frage. Aber die Probleme liegen doch viel tiefer. 1. Die globale Konkurrenz wird immer größer. Gerade in den ost-asiatischen Ländern bekommt Sport mit dem wachsenden Wohlstand einen höheren Stellenwert. 2. Der Talentpool in Deutschland schrumpft. Zum einen weniger Kinder, dann weniger Sichtung und Förderung und nicht zuletzt auch weniger Bewegungstalent. Ich war selber bestimmt nie eine Sportskanone, aber wenn ich mir die Kinder ansehe, die bei uns zu Anfängerkursen kommen, kriege selbst ich des öfteren das kalte Grausen - Bewegungslegastheniker, die von den Eltern dazu gezwungen werden müssen, das Smartphone wegzulegen sind leider häufiger als Talente. 3. Leistungsfeindlichkeit in Deutschland. Topleistungen werden hierzulande deutlich weniger gewürdigt, als in anderen Ländern und in vielen Sportarten ist Anerkennung das einzige was man gewinnen kann. Bei uns ist eher die "Abbrecherquote" top. 4. Das Nörgelgen. Man schaue sich mal die gesammelten Threats in diesem Forum und sage mir, was sich ein juner Sportler denken soll, wenn der Hauptgegenstand der Kommentierung genörgel ist. So motiviert man keinen zu sportlichen Leistungen. 5. Monokultur Fußball. Im Prinzip werden alle Ressourcen und Talente im Fußball gebündelt. Für die anderen Sportarten bleibt da wenig Raum übrig. Das Resultat sieht man nicht erst bei Olympia. Bei uns im Fechten ist der Abwärtstrend seit Jahren klar zu sehen, wobei das eher schlechte Fördersystem durch den DfeB auch eine große Rolle spielt
syssifus 11.08.2016
3. Sonnenklar,
dass unter einem Volk von ca 1,3 Milliarden Menschen mehr Ausnahmetalente zu finden sind,als unter 81 Millionen.
jschm 11.08.2016
4. ist eigentlich typisch
"paradiesische Zustände, die man sich in Deutschland einfach nicht leisten könne." Ich würde eher sagen, nicht leisten will. Es wird kein Geld investiert und mit dem Idealismus alleine kann man heute nichts mehr erreichen. Es ist eben wichtiger zu sparen und "sachlich-pragmatisch-emotionslos" zu funktionieren, als Geld und Zeit in so unproduktive Sachen wie Sport zu investieren. Amateure können heute nicht mehr mithalten!
Pusteblume68 11.08.2016
5. In ein paar Tagen dann folgen...
die gleichen Artikel zu Schwimmen, Rudern und watweißich. Mal sehen, ob dann jemand der Verantwortlichen merkt, dass nicht einzelne Sportarten das Problem sind, sondern das gesamte Sportfördersystem im Eimer ist. Wenn man sich mit Sportlern und ihren Erfolgen schmücken will, muss man nun mal Geld und Köpfchen investieren, von beidem nicht zu wenig. Andere Länder haben das begriffen.
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