Olympia-Auftakt in Rio Große Spiele, kleine Freuden

Es sind die ersten Sommerspiele in Südamerika - doch von Euphorie ist bislang nicht viel zu spüren. Zu viele Unsicherheiten begleiten die Olympischen Spiele. Jetzt müssen die Sportler für die Magie sorgen.

Rio de Janeiro
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Aus Rio de Janeiro berichtet


Über Rio de Janeiro erzählt man sich Folgendes: Vom Flugzeug aus betrachtet ist die südamerikanische Metropole eine Traumstadt, doch je näher man kommt, desto weniger schön wird sie: Kriminalität, Armut, Gewalt, Korruption. Nun landet ein Ufo am Zuckerhut: das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit seinem Premiumprodukt Olympische Sommerspiele. Und die große Frage lautet: Klappt das?

Klappt das mit der Sicherheit, in einer Stadt, die im vergangenen Jahr 1202 Morde zu beklagen hatte, in der selbst Polizisten Verbrechen begehen sollen - und die mutmaßliche brasilianische Terroristen bereits als Anschlagsziel gewählt hatten, bevor sie dann zum Glück doch noch aufflogen?

Klappt das mit der Glaubwürdigkeit, wenn Athleten aus einem Land wie Russland, dem systematisches Staatsdoping nachgewiesen wurde, trotzdem teilnehmen dürfen? Wenn das IOC Entscheidungen trifft, die viele Sportfans - und auch viele Olympia-Athleten - nicht nachvollziehen können?

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Klappt das mit der Nachhaltigkeit, wenn Millionen und Abermillionen Realis in den Bau der olympischen Sportstätten und Unterkünfte gesteckt werden, die ärmsten der Armen von dem Sportereignis jedoch nicht profitieren? Wenn sie stattdessen sogar ihre Häuser räumen müssen, weil ihre Favelas für Olympiastätten plattgemacht werden. Wenn Krankenhäuser und Schulen nicht mehr behandeln und ausbilden können, weil schlicht das Geld fehlt.

Klappt das mit der Organisation, wenn es in den Sportlerunterkünften eine Woche vor Beginn der Spiele aus verstopften Toiletten stinkt. Wenn die U-Bahn erst unmittelbar vor Start in Betrieb genommen wird und an den Sportstätten bis zum Schluss rumgewerkelt wird?

Klappt das?

Es sind historische Spiele, die in Rio de Janeiro stattfinden werden. Noch nie hat ein südamerikanisches Land die Olympischen Sommerspiele ausgerichtet. Als das Event 2009 vergeben wurde, schauten viele Brasilianer noch positiv in die Zukunft. Heute haben sie eine instabile Übergangsregierung, eine wirtschaftliche Rezession sowie hohe Arbeitslosigkeit. Vom Zika-Virus ganz zu schweigen.

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Auch vor früheren Olympischen Spielen oder anderen sportlichen Großereignissen gab es Bedenken und Kritik an den Ausrichterstädten. Das Thema Smog bestimmte die Berichterstattung im Vorfeld der Spiele 2008 in der chinesischen Hauptstadt Peking, in Sotschi gingen Bilder von unfertigen Hotels und Unterkünften durch die Medien. Und vor der WM in Südafrika fragten sich viele Besucher - wie nun auch in Rio - ob die Sicherheit gewährleistet sein würde.

Vom Flugzeug aus betrachtet eine Traumstadt, von nahem mit vielen Problemen behaftet - vielleicht muss diese kritische Beschreibung umgedreht werden, damit das Sportgroßereignis gelingen kann: Aus der Entfernung sind diese Spiele der XXXI. Olympiade der Neuzeit mit vielen Sorgen, Zweifeln und Fragezeichen behaftet. Umso wichtiger ist es, dass die sportlichen Wettkämpfe im Kleinen aufregend, emotional und mitreißend werden.

Denn diese 18 Tage gehören ja vor allem den Sportlern, so ist es jedenfalls gedacht. Es ist ihr Auftritt, für viele wird es der größte ihres Athletenlebens werden. Die olympische Atmosphäre ist einzigartig, das gilt noch immer. In London 2012 konnte man es zuletzt erleben.

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Auch dort gab es Sicherheitsbedenken, des Dopings verdächtige Sportler und - wie man heute weiß - zahlreiche positive Dopingtests. Doch der Funke sprang auf die Zuschauer über - auch dank einer lässigen Eröffnungsfeier, dramatischen Wettkämpfen, überraschenden Siegern und sympathischen Außenseitern. All diese Geschichten machen Olympia stark, davon zehrt der Mythos.

Auch in Rio werden gedopte Sportler an den Start gehen und vielleicht sogar gewinnen. Die Sorge vor Kriminalität werden Fans und Journalisten begleiten. Vielleicht muss man angesichts solcher Befürchtungen tatsächlich auf die kleinen Dinge achten, auf die Geschichten, die nur Olympia schreiben kann, um den Spaß an den Spielen zu behalten. Damit die Freude an den sportlichen Höchstleistungen, für die saubere Athleten viel Zeit und Schweiß investiert haben, nicht verloren geht.

Eine Goldmedaille an der Copacabana für das Beachvolleyballverrückte Gastgeberland wäre eine solche Geschichte.

Ob das klappt?



insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
dasistdasende 05.08.2016
1. Korrektur
Korrekter wäre zu sagen: Die olympischen Spiele "sollten" den Sportlern gehören. Effektiv gehören die Olympischen Spiele den Konzernen, Regierungen (z.b Russland) und Funtkionären. Die Sportler sind nur schmückendes Beiwerk und Mittel zum Zweck. Dies sind schon sehr lange nicht mehr die Spiele wie sie Ende des 19 Jahrhunderts mal gedacht waren.
klugscheisser64 05.08.2016
2. Ein gewagtes Experiment und die Suche nach neuen Absatzmärkten ...
... nicht mehr und nicht weniger. Das IOC handelt da nicht anders als die Fifa oder die Formel 1. Ethik, Moral, Humanität und ähnliche Begrifflichkeiten spielen da keine Rolle. Only money counts!
frank57 05.08.2016
3. Ich finde diese Spiele
werden großartig! Ma sollte die kleinen Probleme bei einem derartigen Event nicht überbewerten und einfach den olympischen Geist und die Stimmung geniessen! Im Vorfeld gab es überall bedenken (Sotschi) dennoch hat man sich die Spiele nicht von den Medien kaputtschreiben lassen!
Baal 05.08.2016
4. Die Oberschicht
in Brasilien hat diese "Spiele?" bestellt und wird natürlich auch die Kosten dafür tragen. Glaubt das Jemand?? Wenn das Medaillenzählen beendet ist brechen dort soziale Unruhen aus und der olympische Geist ist längst wieder in der Flasche der korrupten Funktionäre. Siehe FIFA.
Lütt_Matten 05.08.2016
5.
Zitat von dasistdasendeKorrekter wäre zu sagen: Die olympischen Spiele "sollten" den Sportlern gehören. Effektiv gehören die Olympischen Spiele den Konzernen, Regierungen (z.b Russland) und Funtkionären. Die Sportler sind nur schmückendes Beiwerk und Mittel zum Zweck. Dies sind schon sehr lange nicht mehr die Spiele wie sie Ende des 19 Jahrhunderts mal gedacht waren.
Momentan werden die olympischen Spiele vor allem dafür politisch missbraucht, mit vollstem Elan neue, alte Gräben zwischen den Ländern zu vertiefen. Ich wette, irgendwelche unsportlichen Ausbuhaktionen gegen Russland (natürlich ganz spontan aus dem "neutralen" Publikum heraus, kennt man ja vom ESC) werden nicht lange auf sich warten lassen...! Leider!
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