Olympische Spiele 2024 und 2028 Am Geschäftsmodell wird nicht gerüttelt

Das IOC reformiert sein Bewerberverfahren - dabei sind die Entscheidungen über die Sommerspiele 2024 und 2028 im Grunde längst getroffen. Die Gewinner sind Paris, Los Angeles und in erster Linie: das IOC selbst.
IOC-Präsident Thomas Bach

IOC-Präsident Thomas Bach

Foto: Jean-Christophe Bott/ dpa

Was IOC-Präsident Thomas Bach am Freitagabend in Lausanne verkündete, ist im Grunde seit einem halben Jahr klar, durfte offiziell nur noch nicht gesagt werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) bricht in größter Not mit seinem knapp drei Jahrzehnte gültigen Bewerberverfahren.

Für die Sommerspiele 2024 verblieben, nachdem sich unter anderem Hamburg nach einem Bürgerentscheid vorzeitig aus dem Wettbewerb verabschiedet hatte, lediglich die Interessenten Paris und Los Angeles. Und beide Bewerber werden auf der 130. IOC-Vollversammlung im September in Lima zu Olympia-Ausrichtern ernannt. Damit wird es wahrscheinlich erst wieder in sieben oder acht Jahren eine Entscheidung über Sommerspiele geben. Dann über die des Jahres 2032, für die sich im Ruhrgebiet mehrere Politiker und Promoter einsetzen.

Natürlich redete Thomas Bach weiter um den heißen Brei herum und wollte nicht sagen, was im Grunde schon feststeht: Paris wird 2024 Olympia-Gastgeber, es sind die dritten Spiele in der französischen Metropole nach 1904 und 1924. Los Angeles wird 2028 ebenfalls zum dritten Mal das milliardenteure zweieinhalbwöchige Sportfest ausrichten. In Kalifornien war der Olympia-Zirkus bereits 1932 und 1984 zu Gast.

Los Angeles 1984 - ein echter Gewinn

Wobei es den Amerikanern unter dem damaligen Cheforganisator Peter Ueberroth 1984 gelang, die Sommerspiele hochprofitabel und mit vergleichsweise bescheidenen öffentlichen Mitteln auszutragen - ein historisches Kunststück, zumal das IOC-Vermarktungsprogramm, aus dem Ausrichter bedient werden, erst 1985 richtig anlief.

Der damalige operative Gewinn von einer Viertelmilliarde Dollar war real und nicht geschönt wie die Bilanz-kosmetisch arrangierten Überschüsse nachfolgender Olympia-Gastgeber, wo der reine Organisationsetat (OCOG-Budget) meist ein paar Milliönchen plus erbrachte, weil die größten Kostenträger in den vom IOC vorgeschrieben Non-OCOG-Etat und andere Budgets ausgelagert wurden.

Diese große olympische Lüge des Schönrechnens und der Vergesellschaftung gigantischer Kosten, wunderbar zu beobachten an den Dutzende Milliarden Dollar verschlingenden Abenteuern in Sotschi (Winter 2014), Rio (Sommer 2016) und Tokio (Sommer 2020), ist inzwischen weltweit enttarnt.

Bewerberstädte stehen nicht mehr Schlange

In demokratischen Nationen wurden in den vergangenen fünf Jahren sechs Olympiabewerbungen durch Volksabstimmungen gestoppt: in München, Hamburg, im polnischen Krakau, in Wien und zweimal im Schweizer Kanton Graubünden. Sechs weitere Bewerbungen wurden angesichts unkalkulierbarer Gefahren und unter dem wachsenden Druck der Bevölkerung eingestellt, bevor es zu Referenden kam: in Stockholm, Oslo, Boston, zweimal in Rom sowie in Budapest.

Mit derlei Horrormeldungen ist nun erst einmal Schluss: Wie erwartet hat das IOC-Exekutivkomitee beschlossen, Anfang Juli in Lausanne aus einem geplanten Bewerber-Seminar eine Sonder-Session zu machen. Auf dieser werden die nötigen Änderungen in der Olympischen Charta für die Doppelvergabe an Paris und Los Angeles diskutiert und abgesegnet. Bis dahin sollten sich das IOC, Paris und Los Angeles offiziell auf den Modus geeinigt haben, den die Franzosen schon immer wollten, der den Amerikanern jedoch weniger gefällt: Paris 2024, Los Angeles 2028.

Die Kalifornier werden, wenn sie geräuschlos in die zweite Reihe treten, einige finanzielle Zugeständnisse aushandeln können. Nie war die Gelegenheit günstiger, das IOC etwas zu schröpfen. Da sich das IOC mit Teilen seiner Marketingerlöse (nahezu sechs Milliarden Euro im vierjährigen Olympiazyklus) ohnehin an den Organisationsetats beteiligt, dürfte es hier einen Aufschlag geben.

IOC-Präsident Bach hat für die Lösung ein Buzzwort kreieren lassen: Mehrfach sprach er am Freitag von einer "goldenen Chance" und einer "Win-win-win-Situation". Gleich drei Gewinner soll es also geben: das IOC, Paris und Los Angeles.

Das finanzielle Risiko trägt der Ausrichter, nicht das IOC

Eines aber sagte Bach nicht: Selbstverständlich wird am Grundprinzip der Olympischen Spiele nicht gerüttelt. Olympia, Eigentum der privaten Organisation IOC, bleibt ein Franchise-Unternehmen. Dieses Franchise funktioniert wie jene globale Fastfood-Kette, die zu den IOC-Sponsoren zählt: Das IOC ist Franchisegeber und trägt kein finanzielles Risiko. Die Ausrichter sind Franchisenehmer, haben beschränkte Rechte und tragen das volle Risiko. Wobei sich das IOC unter Druck etwas großzügiger zeigt und von den gigantischen Pflichtenheften abweicht, die in den vergangenen 30 Jahren das große olympische Dilemma befördert haben.

Über die Neuausrichtung der Olympiabewerbungen hat Bach kaum etwas gesagt. Schaut man sich die künftigen Gastgeber der Sommerspiele an, ist eine Richtung vorgegeben: Weltstädte wie Tokio (2020), Paris (2024) und Los Angeles (2028), die Olympia schlucken können, die über die Infrastruktur verfügen und trotzdem, siehe Tokio, gewaltige Probleme haben, das Mega-Projekt zu stemmen. In Sachen Nachhaltigkeit versprechen Paris und Los Angeles derzeit das Blaue vom Himmel. Ob am Ende tatsächlich so wenig gebaut wird wie versprochen, ob es wirklich vergleichsweise billig wird, das steht in den Sternen.

Ohne grundsätzliche Veränderungen wird es nicht mehr funktionieren

Und da wird das IOC ohne einschneidende Änderungen am olympischen Programm, das für Tokio am Freitag auf 321 Entscheidungen erweitert wurde, nicht vorbeikommen. Zumal Bachs Führungsgruppe gleichzeitig beschlossen hat, für 2024 die derzeitigen 28 Kernsportarten beizubehalten. Nur Gewichtheben hat wegen des ausufernden Dopingproblems ein Ultimatum erhalten.

In Tokio werden 2020 Wettbewerbe in fünf weiteren Sportarten ausgetragen, die nur olympischen Gaststatus genießen. Ohne eine Reform des Programms und einschneidende Kürzungen wird es aber künftig nicht gehen. Dagegen stemmt sich das komplette olympische Establishment mit all jenen 28 Verbänden, die größtenteils ohne die Olympia-Tantiemen des IOC nicht existieren könnten.

Im Winter sind es derzeit sieben Weltverbände. Vielleicht werden künftig ja tatsächlich Sommersportarten, die in Hallen ausgetragen werden (Handball, Tischtennis, Kampfsportarten), in den Winterbereich verlagert. Nichts scheint unmöglich.

Die Winterspiele, für die aus klimatischen und logistischen Gründen maximal zwanzig Nationen als Gastgeber in Frage kommen, laborieren an noch größeren Problemen als die Sommerspiele. Die Zeit drängt, denn eigentlich sollte im Herbst bereits der Wettbewerb für 2026 beginnen. Nun hat das IOC ein Konzept der völligen Neugestaltung des Bewerbungsverfahrens und der Anforderungen an Winter-Gastgeber erstellen lassen. Dieses Papier wurde am Freitag auf der Sitzung des Exekutivkomitees vorgestellt.

Doch davon erfährt die Welt vorerst nichts. Weder das Reformpaket für 2026 noch der Bericht über die Erweiterung des Programms 2020 in Tokio noch das Papier zur Doppelvergabe 2024 und 2028 wurden öffentlich. Insofern bleiben sich Bach und seine Truppe treu: Transparenz mögen sie nicht.

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