Olympische Spiele Nadal - der Mann für alle Beläge

Mit dem Olympiasieg bewies Rafael Nadal endgültig, was der Computer schon weiß: Der Spanier ist der Chef im Tennis-Zirkus. Doch sein größter Konkurrent Roger Federer hat neues Selbstbewusstsein gesammelt.


Er hat sich auf den staubigen Sandplätzen von Roland Garros in Paris zum Sieg durchgeschlagen, er hat das grüne Königreich von Roger Federer in Wimbledon erobert. Und nun hat Rafael Nadal in seinem magischen Tennis-Sommer auch den Tennis-Olymp in Peking bestiegen und auf der größtmöglichen Bühne des Sports punktgenau bestätigt, was am Montagmorgen vom Weltranglisten-Computer auch offiziell ausgespuckt wird: Er, der überwältigte Goldmedaillengewinner von Peking, ist die klare Nummer eins in der Welt des Herrentennis – der Mann für alle Beläge, der Mann, der innerhalb von zwölf Monaten vom reinen Sandplatz-König zum universellen Regenten aufgestiegen ist.

Tennis-Olympiasieger Nadal: "Als würde ich über der Erde schweben"
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Tennis-Olympiasieger Nadal: "Als würde ich über der Erde schweben"

"Ich fühle mich, als würde ich über der Erde schweben", sagte Nadal nach seinem 6:3, 7:6 (7:2), 6:3-Sieg über den Chilenen Fernando Gonzalez, mit dem er seinen fabelhaften Hattrick bei den drei letzten Tennis-Topevents perfekt machte – Erfolge bei den French Open, auf Londons Heiligem Rasen und nun auf dem Centre Court des "Olympic Green Tennis Centre." Kein Wunder, dass da der Ex-IOC-Grande Juan Antonio Samaranch höchstpersönlich zur Siegerehrung schritt und dem zu Tränen gerührten Mallorquiner die Medaille umhängte.

Heute Goldjunge, morgen die Nummer 1. Heute der Champion beim knüppelharten Medaillenkampf im wetterwendischen Peking, morgen der neue Herrscher im globalen Tenniszirkus: Besser hätte es für den "Matador aus Manacor" nicht laufen können in einer Saison, die ohnehin schon ein einziger Superlativ ist. "Ich lebe gerade meinen Traum", sagte Nadal am Ende seiner Olympia-Mission.

Französische Blätter hatten Nadal nach seinem vierten Pariser Grand Slam-Coup in Serie als "Kannibale" bezeichnet – wegen seiner nimmersatten Attitüde, wegen seiner unwiderstehlichen Willenskraft und wegen eines Siegeshungers, der nie aufzuhören scheint. "Rafa ist schon ein Phänomen. Im Moment kann ihn keiner stoppen", sagte Silbermedaillengewinner Gonzalez über den 22-jährigen, der gleich bei seinem olympischen Debüt im Einzel Gold gewann.

Ausruhen kann und darf sich der neue Olympiasieger und Nummer-eins-Spieler allerdings nicht auf dem Lorbeer von Peking. Denn knapp 24 Stunden vor Nadals Sieg war auch sein befreundeter Gegenspieler Roger Federer aufs Goldpodium gesprungen – der im Einzel früh gescheiterte Maestro gewann mit seinem Partner Stanislas Wawrinka völlig überraschend die Doppelkonkurrenz und zeigte sich psychisch bestens erholt von seiner Viertelfinal-Schlappe gegen James Blake. "Ich gehe mit neuem Selbstbewußtsein aus Peking weg. Ich werde wieder angreifen", sagte Federer, "Siege sind unersetzlich, Siege sind das beste Heilmittel."

Schon bei den US Open ab 25. August winkt den Fans ein faszinierender Dreikampf um den letzten Grand Slam-Titel der Saison – mit den Herren Nadal, Federer und dem Weltranglisten- und Olympiadritten Novak Djokovic aus Serbien. Dort sind dann auch wieder die beiden Williams-Schwestern Venus und Serena zu bestaunen, die Gold im Damendoppel durch einen 6:2, 6:0-Kantersieg über die Spanierinnen Anabel Medina-Garragues und Virginia Ruano Pascal gewannen. Und natürlich die Russin Jelena Dementjewa, die im Einzel das nationale Duell gegen Dinara Safina 3:6, 7:5 und 6:3 für sich entschied.

Die Story der Tennis-Spiele im "Lotusblüten-Stadion" von Peking war allerdings der Mann, der seinen Profikollegen in dieser Saison als bitterer Spielverderber fast alle wichtigen Titel und Trophäen wegschnappt. Und der ein Kunststück fertigbrachte, das viele in diesem Jahrzehnt gar nicht mehr für möglich gehalten hatten: Roger Federer zu stürzen, den bis dahin besten und überlegensten Spieler des modernen Tennis.

Roger Federer, das Genie, das einst die Hitparade der Profis mit 2000 Punkten Vorsprung anführte. Sicher: Federer schwächelte in der Saison 2008, auch wegen einer Viruserkrankung, die ihn gleich zum Jahresstart erheblich an Boden verlieren ließ. Aber die Machtübernahme verdankt Nadal sich selbst – er verdankt sie seiner steten Lernfähigkeit, seinem Trainingsfleiß und seiner neuen spielerischen Flexibilität auf jedem Untergrund und auf jeder Tennisbühne der Welt. "Ich wusste: Wenn ich mich nicht zum sehr guten Allrounder entwickele, werde ich nie den großen Durchbruch schaffen", sagte Nadal nach seinem Olympiasieg auf einem Hartplatz.

Das höchst selektive Olympia-Turnier mit nur acht Tagen Spielzeit für Einzel und Doppel bewies auch dies: Je anspruchsvoller die Aufgabe ist, je mehr von Geist und Körper auf dem Centre Court gefordert werden, umso eher schlägt die Stunde des unverwüstlichen Siegertypen Nadal. Wie in Wimbledon oder Paris war der Spanier als Goldmedaillengewinner jener unter den Akteuren, der am besten mit Wetter-Widrigkeiten und voll gepacktem Terminkalender zurecht kam.

Ein Mal marschierte er in diesem kapriolenreichen Wettbewerb nach einer stundenlangen Regenpause erst kurz vor Mitternacht auf den Platz, nur um dann den Österreicher Jürgen Melzer völlig unbeeindruckt in zwei Sätzen abzufertigen. "Ich habe immer gesagt: Einer, der mich von Platz 1 runterholt, muss verdammt gut spielen. Und das hat Rafa getan, immer wieder", sagte der alte Spitzenreiter Federer über Nadal, den Nachfolger. Und wer, wenn nicht Federer, muss es wissen.

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