Nach IOC-Beschluss zu Russland Die Stunde für Putins Freunde

Das IOC überlässt den Weltverbänden die Entscheidung über Russlands Olympia-Start. Auf viele Föderationen hat Wladimir Putin Einfluss, doch auch Überraschungen sind möglich. Ein Überblick.

Russlands Präsident Wladimir Putin
AFP

Russlands Präsident Wladimir Putin


Es dauerte nur wenige Minuten. Kurz nach der Entscheidung des IOC-Exekutivkomitees, das komplette russische Team von den 28 olympischen Fachverbänden überprüfen zu lassen, trudelten die ersten positiven Meldungen ein.

Ganz schnell dabei war der Tennis-Weltverband ITF, der mitteilte, die sieben für Rio de Janeiro gemeldeten Russen erfüllten allesamt die angeblich so strengen Auflagen. Das letzte Wort liegt aber bei einer eilig gegründeten Sonderkommission des IOC. Präsident Thomas Bach ist ungekrönter Champion darin, für alle möglichen prekären Situationen Kommissionen zu gründen.

Immerhin, im vor einer Woche veröffentlichten Untersuchungsbericht der Welt-Antidoping-Agentur Wada taucht der russische Tennisverband nicht unter jenen 20 Sommersportverbänden auf, von denen allein zwischen 2012 und 2015 insgesamt mindestens 577 positive Dopingproben generalstabsmäßg vernichtet worden sind. Zuzüglich einiger Wintersportarten, paralympischer Disziplinen und nichtolympischer Sportarten hatte Sonderermittler Richard McLaren 643 vernichtete Proben von Dopern aufgelistet. Außerdem waren mehr als 8000 andere Proben vernichtet worden. Das ist aber nur ein Teil der Verschwörung: Wie viele Proben über einen längeren Zeitraum tatsächlich manipuliert worden, weiß niemand.

Deshalb sind sämtliche Angaben russischer Verbände und auch die ganz schnellen Behauptungen von Weltverbänden mit größter Vorsicht zu genießen.

Zumal, wenn man sich die Personen anschaut, die in diesen Sportarten den Takt vorgeben: Im russischen Tennis ist das seit zweieinhalb Jahrzehnten Schamil Tarpischtschew, dessen Qualifikation darin bestand, dass er einst als Tennislehrer des Staatspräsidenten Boris Jelzin agierte. Außerdem war Tarpischtschew nachweislich bestens in Moskaus Unterwelt integriert und ist bis heute mit Autoritäten der Organisierten Kriminalität befreundet, wie etwa Alimsan Tochtachunow, der die Eislaufwettbewerbe bei den Olympischen Spielen 2002 in Salt Lake City manipuliert haben soll. Ihn hat die US-Justiz bereits wegen zahlreicher Anschuldigungen auf internationale Fahndungslisten gesetzt.

Tarpischtschew und Tochtachunow, der zeitweise auch das Management von Tennisprofis und Fußballern übernahm, sind seit gemeinsamen Kindheitstagen in Taschkent befreundet. Ihre Nähe zu einem anderen Usbeken ist legendär: Alischer Usmanow, Präsident des Fecht-Weltverbandes FIE, Milliardär, zeitweise der reichste Russe und Anteilseigner am FC Arsenal und an zahlreichen anderen Unternehmen. Usmanow war auch Chef der Gazprom-Tochter Gazprominvest und spielt im Konzert der Putin'schen Sport-Armada aus Oligarchen, Politikern und Vertretern der Schattenwelt eine zentrale Rolle.

Putins Verbindungen zum Judo-Verband

Auch die Positivproben russischer Fechter wurden vernichtet. Alles andere als dass der Weltverband FIE die Teilnahme der Russen unterstützt, wäre dennoch eine Überraschung. Präsident Bach war 1976 Fecht-Olympiasieger. Sein Büroleiter im IOC-Hauptquartier, Jochen Färber, war zuvor Marketingchef der Tauberbischofsheimer Fechter und lange Jahre für Usmanows FIE als Medienverantwortlicher tätig.

Zwischen Usmanow und Bach allerdings dürfte das Tischtuch zerschnitten sein. Denn Usmanow hatte sich zur IOC-Session kommende Woche in Rio eigentlich eine Mitgliedschaft erhofft. IOC-Mitglied wird er aber (noch) nicht, weshalb Eingeweihte sagen, er sei nicht gut auf Bach zu sprechen.

Spektakulär absurd ist die schnell verbreitete Stellungnahme des Judo-Weltverbands IJF. In der IJF ist Wladimir Putin, Ehrenträger des 8. Dans und Meister des Sports, genauso Ehrenpräsident wie im nichtolympischen Sambo-Verband FIAS. Marius Vizer wurde nur von Putins Gnaden 2007 IJF-Präsident. Auch im Judo sind positive Proben von Russen vernichtet worden, zudem zählt die IJF zu den Doping-Sorgenkindern unter den 28 olympischen Sommersportverbänden. Nun aber entwirft die IJF das Bild eines mit wissenschaftlicher Akribie und totaltransparent vorgehenden Verbands auf der Dopingjagd. 84 Prozent der 389 für Rio qualifizierten Judoka aus 136 Nationen seien bislang getestet worden. Das alles sagt in Wahrheit aber gar nichts.

In wenigen Tagen will die IJF dann ihre Analyse vorlegen - ein Wort zu den Russen aber vermied man. Das hatte Putin-Freund Vizer vor einer Woche gesprochen, als er von einem Kalten Krieg gegen Russland fabulierte und feststellte, dass der russische Verband enorm wichtig sei für die Geschäfte der IJF. Im russischen Verband bestimmen die Brüder Arkadi und Boris Rotenberg, wo es langgeht. Die Milliardäre sind Schulfreunde von Putin und haben durch die Olympischen Spiele in Sotschi und die Fußball-WM 2018 nachweislich milliardenschwere Aufträge erhalten. Arkady Rotenberg sitzt zugleich im IJF-Vorstand und ist für den weltweiten Judo-Fond zuständig.

Die Verquickung von Personen, Firmen, Aufträgen und Posten ist mannigfaltig. Auch im Ringer-Weltverband UWW mit dem Vizepräsident und Putin-Freund Michail Mamiaschwili, im Schwimm-Weltverband FINA, im Sportschützen-Weltverband ISSF, wo der Milliardär Wladimir Lisin aktiv ist, und anderen Organisationen. Dem Ringer Mamiaschwili verwehrten die Amerikaner im vergangenen Jahr die Einreise, er war in den Neunzigerjahren Leibwächter des Moskauer Mafia-Paten Otari Kwantrischwili, der damals die Partei "Sportliches Russland" gegründet hatte, die in vielerlei Hinsicht, auch in Sachen Sport-Ideologie, als Vorbild der jetzigen Putin-Partei "Einiges Russland" diente.

Als Kwantrischwili 1994 nach einem Saunabesuch von einem Scharfschützen beschossen wurde, sprang Mamiaschwili in den Kugelhagel, fing zwei Kugeln ab, konnte aber Kwantrischwilis Tod nicht verhindern. Seither, aber nicht nur deshalb, ist Mamiaschwili eine absolute Autorität im russischen Sport.

Schwimmverband entscheidet: Sieben Russen ausgeschlossen

In Windeseile muss nun nach dem Beschluss des IOC-Exekutivkomitees in allen Weltverbänden gehandelt werden. Am 18. Juli war bereits Meldeschluss für die Verbände. Und einige Verbände wollen weiter rigoros und ähnlich wie die Leichtathleten vorgehen. Im Tischtennis (ITTF) hat der deutsche Verbandspräsident Thomas Weikert eine Kommission gegründet, die über drei qualifizierte Russen urteilen soll. Im Turnen (FIG) läuft das ähnlich. Im Schwimmen (FINA) wurden sieben Russen bereits ausgeschlossen. Der Bogenschützen-Weltverband (WA) dagegen hat bereits drei Russen zugelassen.

Die Gewichtheber in der IWF, seit Jahrzehnten vom Ungarn Tamás Aján geführt, der auch dem Putin-Lager nahesteht, haben es dank innerverbandlicher Opposition wenigstens geschafft, Dopingvergehen, die in diesem Sport noch immer die Regel sind, wirklich zu bestrafen und Verbände zu suspendieren. Nach der Sperre der Bulgaren, bereits vom Sport-Weltgerichtshof Cas im Januar bestätigt, will die IWF unbedingt die Sperren für Russland, Weißrussland und Kasachstan aufrechterhalten, die im Juni nach der ersten Welle der olympischen Nachtests von Peking (2008) und London (2012) ausgesprochen wurden.

Von den positiven Testergebnissen der zweiten Welle, die das IOC vor wenigen Tagen bekannt gab (nur Zahlen, ohne die Namen zu nennen), sind ebenfalls Gewichtheber betroffen. Die IWF wird konsequent bleiben, die russischen Heber ausschließen, sehr wahrscheinlich noch Aserbaidschan, und die Quotenplätze neu vergeben, wodurch auch der Chemnitzer Max Lang nachrücken dürfte.

Mit derlei Überraschungen und Nachnominierungen ist in zahlreichen Sportarten zu rechnen.

Anmerkung: In einer früheren Version stand, dass Usmanov Chef der Gazprom-Tochter Gazprominvest ist. Dieses Amt hat er seit 2014 nicht mehr inne. Wir haben diese Fehler korrigiert und bitten um Entschuldigung.

insgesamt 124 Beiträge
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Seite 1
Sonia 25.07.2016
1. Eine vernünftige Entscheidung
Wenn alle Länder gesperrt würden, aus denen Sportler kommen, die gedopt haben, gäbe es da überhaupt noch Olympische Spiele? Wie wäre es damit: Jeder Sportler, dem nur ein einziges Mal Doping nachgewiesen wurde, wird lebenslang!!! für die Olympischen Spiele, für Welt- u. Europameisterschaften gesperrt. Ein so einfacher Schritt, warum gibt es diese Sanktion nicht? Ich meine, weil eben so viel gedopt wird, dass jeder sich seine Wahrscheinlichkeit ausrechnen kann, ob er wirklich erwischt wird. Ob nun Doping durch staatliche Unterstützung oder Doping durch privatwirtschaftliche Unterstützung oder Doping aus Eigeniniative - gedopt ist gedopt, betrogen ist betrogen. Dafür können nicht andere Sportler in eine Art Sippenhaftung genommen werden. Danke Bach, es gibt noch Leute, die lassen sich nicht aufhetzen.
rofis 25.07.2016
2. In meiner
Schulzeit gehörte es einmal zum Deutschunterricht, einen Sachbericht von einem Kommentar zu unterscheiden. Dazu untersucht man den Gebrauch von Adjektiven. Dieser Artikel wimmelt nur so von negativen Wertungen über Russland (was ja allgemein üblich ist auf SPON und in der deutschen Qualitätspresse). In den vergangenen 80ern hätte dieser Autor bei keiner Lokalzeitung arbeiten können. Ich kriege von dieser Art Journalismus die Krätze, und andere Leser vermutlich auch. Wen wollen Sie mit Ihrer Kampagne überzeugen? Hoffen Sie darauf, ernst genommen zu werden? Ich jedenfalls nehme Sie ernst, allerdings vor allem als Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden.
demiurg666 25.07.2016
3. @irgendwer
Gleich wird irgendwer behaupten dass alle dopen und man nur das stolze Volk der Russen erniedrigen will... Aber was echauffiere ich mich. Olympia, Fußball und eigentlich jede Sport Großveranstaltung ist geschoben und ich interessiert mich eh nicht Menschen nein Sport treiben zuzusehen. Aber es ist schon interessant zu sehen wie weit Korruption gedeiht und sogar durch Unterlassung aus der Politik unterstützt wird. Viel Spaß euch allen, wenn ihr diesen Sommer Menschen auf Drogen im Kreis laufen zuschaut. Ihr alle sorgt dafür dass die korrupten Sportfunktionäre in mehr Geld schwimmen als nachvollziehbar ist....Lemminge
frank_rau 25.07.2016
4.
Die Stunden oder Tagen des Herrn Weinreich und seiner Russenphobie. Fällt langsam auf.
soalso 25.07.2016
5.
Zitat von SoniaWenn alle Länder gesperrt würden, aus denen Sportler kommen, die gedopt haben, gäbe es da überhaupt noch Olympische Spiele? Wie wäre es damit: Jeder Sportler, dem nur ein einziges Mal Doping nachgewiesen wurde, wird lebenslang!!! für die Olympischen Spiele, für Welt- u. Europameisterschaften gesperrt. Ein so einfacher Schritt, warum gibt es diese Sanktion nicht? Ich meine, weil eben so viel gedopt wird, dass jeder sich seine Wahrscheinlichkeit ausrechnen kann, ob er wirklich erwischt wird. Ob nun Doping durch staatliche Unterstützung oder Doping durch privatwirtschaftliche Unterstützung oder Doping aus Eigeniniative - gedopt ist gedopt, betrogen ist betrogen. Dafür können nicht andere Sportler in eine Art Sippenhaftung genommen werden. Danke Bach, es gibt noch Leute, die lassen sich nicht aufhetzen.
Ihre eingangsfrage ist natürlich total falsch. Es geht nicht darum, dass einzelne Sportler gedopt haben, sondern dass ein Staat dies organisiert, initiiert und gedeckt hat. Dass Bach sich so aus der Affäre zieht, extrem schwache Leistung und extrem bitter für den olympischen Geist. Dass russische Sportler, die mit dem Doping Sumpf nichts zu tun haben, antreten können, ist super. Dass andere Sportler unter russischer Flagge auftreten dürfen, führt die bisherigen Erkenntnisse und gerichtlichen Entscheidungen ad absurdum. Mir vergeht der Spass an Olympia. Danke Bach, du ...
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