Olympische Spiele Zweites Gold - Steffen erwägt Karriereende

Ihr erster Sieg war eine Befreiung, ihr zweiter ein Bonus: Schwimmerin Britta Steffen hat mit zweimal Gold in Peking nicht nur ihre Kritiker verstummen lassen, sondern auch Selbstzweifel besiegt. Ob sie ihre Karriere fortsetzen wird, ließ Steffen aber offen.

Von , Peking


Wer weiß, was passiert wäre, hätte sich Dara Torres am Samstagabend nicht die Nägel gefeilt. "Das war wohl ein Fehler", sagt Torres. "Sonst hätte es vielleicht gereicht." Vielleicht, wer weiß das schon, hätte sie sonst zeitgleich mit Britta Steffen den Beckenrand berührt. Wäre Olympiasiegerin geworden über 50 Meter Freistil, mit ihren sagenhaften 41 Jahren. So aber war Britta Steffen ein paar Tausendstelsekunden vorn. Einen Wimpernschlag. Oder eben eine Fingernagellänge. So gewann Britta Steffen mit deutschem und olympischem Rekord in 24,06 Sekunden die Goldmedaille. Ihre zweite im Wasserwürfel von Peking. Britta Steffen kann es egal sein, ob eine Maniküre zu ihren Gunsten entschieden hat. Britta Steffen hat größten Respekt vor Dara Torres. Sie hatten gemeinsam ihren Spaß. Steffen, Torres und Libby Trickett, die Australierin. Steffen und Trickett haben sich vor dem Finale erkundigt, wie es ist, Kinder zu haben. "Ich empfehle es euch", sagte Torres, "es ist großartig. Und ihr seht, ihr könnt dann trotzdem noch schwimmen."

So entspannt, wie Steffen von dieser Unterhaltung erzählte, hat man sie noch nie erlebt. Die Last von vielen Jahren, die tiefe Enttäuschung zweier Olympischer Spiele, der Druck, den sie sich selbst aufgebaut hat, die Angst davor, die eigenen Träume nicht zu verwirklichen - das alles war für Steffen schon am Freitagmorgen vergessen, als sie die 100 Meter Freistil gewann. Es war das Rennen ihres Lebens. Eine Befreiung.

"Damit", sagt ihr Trainer Norbert Warnatzsch, "ist alles von ihr abgefallen. Da war nicht mehr viel zu tun. Die erste Goldmedaille hat alles gelöst. Ich wusste, dass sie auch die 50 Meter gewinnen konnte." Es war die Zugabe. "Sie ist so clever, so professionell und so selbstsicher gewesen. Ich habe ihr nur gesagt: Britta, diesmal wird es auf den letzten zehn Metern entschieden." Es war ein Spaßrennen. Entspannend wie niemals zuvor für Britta Steffen. "Die 50 Meter sind eine schöne Sache", sagt sie. "Das Lustige daran ist: Du hast keine Schmerzen."

Es gibt nie viel zu erzählen über die wenigen Sekunden, in denen das Wasser von acht Kraulerinnen durchpflügt wird. Es schäumt und spritzt, und wenn man als Zuschauer glaubt, sich einigermaßen orientiert zu haben, ist es auch schon vorbei. Britta Steffen kann die Aufgaben auf dieser kürzesten Strecke in noch weniger als jenen 24,06 Sekunden zusammenfassen, die sie in Peking benötigte: "Du steigst auf den Block, das Signal kommt, du reagierst schnell, kräftige Kicks, du fasst zu, drückst ab, immer weiter, immer weiter."

Auf halber Distanz hat sie gesehen, "dass die Libby Trickett noch neben mir ist". Tricket, die Weltrekordlerin, die sie über 100 Meter schon mit einem traumhaften Endspurt abgefangen hat. Steffen erhöhte die Frequenz – und hatte wieder die höchste Endgeschwindigkeit. Sie gewann vor Torres und der Australierin Cate Campbell. Tricket wurde Vierte, holte sich eine halbe Stunde später aber mit der Lagenstaffel ihre zweite Goldmedaille.

Dann die Siegerehrung. "Eine Art Gewöhnungseffekt", hat sie konstatiert. "Es war nicht so schön wie bei den 100 Kraul, aber es war trotzdem schön." Steffen erinnerte kurz an Michael Phelps. Wie mag der sich nur fühlen, als Dauergast auf dem Podium, als achtmaliger Olympiasieger in Peking, als vierzehnfacher insgesamt? In der Stunde ihres größten Triumphes vergaß Steffen allerdings nicht die Schmerzen. All die Jahre des Leids und der Enttäuschung. Die traurigen Olympia-Abenteuer 2000 in Sydney und 2004 in Athen. Die Demütigungen. Immer galt sie als großes Talent, am Ende reichte es meist für einen Platz in den Staffel-Vorläufen.

Sie hat aufgehört nach Athen. Norbert Warnatsch überredete sie, zurückzukehren. Mit ihrer Psychologin Friederike Janofske ist sie diese Erlebnisse immer wieder durchgegangen. Hundertmal. "Das Ergebnis", sagt Britta Steffen, "war immer dasselbe. Wir sind immer wieder auf den Punkt gekommen: Ich bin gut. Ich bin stark. Ich konnte es nur nie umsetzen. Das war immer eine Sache des Kopfes, wenn ich auf dem Startblock stand. Reicht das denn überhaupt, die anderen sind doch viel besser?". Es reicht, die anderen sind nicht so viel besser. Sie hat gelitten, gelernt und ist dabei gewachsen. Und sie bereut es nicht, durch tiefe Täler gegangen zu sein. Denn umso mehr kann sie diese Goldmedaillen genießen.

Was kann noch kommen nach Peking? "Nichts", sagt Steffen und macht eine Pause. "Urlaub. Treiben lassen. Seele baumeln lassen. Ich muss erst mal feststellen, was war. Ich weiß noch nicht, ob es das Ende ist. Da muss ich erst nachforschen. Ganz so weit in die Ferne schweifen, möchte ich aber gar nicht." Sie ist 24 Jahre alt. Norbert Warnatzsch ist 61 und wird noch vier Jahre als Coach arbeiten. "Ich werde Britta nicht im Geringsten bedrängen, weiterzumachen", sagt er. "Ich helfe ihr, wenn sie es macht. Ich akzeptiere ihre Entscheidung."

Auch Warnatzsch hat viele Rückschläge weggesteckt. Vor vier Jahren scheiterte das Experiment, Franziska van Almsick im vierten Anlauf endlich zum Olympiasieg zu führen auf tragische Weise. Warnatzsch hat damals alle Schuld auf sich genommen. Und er gestand am Sonntag in Peking, die gesamten vergangenen Wochen daran gedacht zu haben. "Immer. Die ganze Zeit", sagte Warnatzsch. Für einen Augenblick ließ er in sein Innerstes blicken. Er hatte feuchte Augen. Die Freuden der Gegenwart lassen eben nicht alle Schmerzen der Vergangenheit vergessen.

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