Olympische Teamverfolgung Eis-Annis Schwimmabzeichen in Gold

Was für ein Finale! Die deutschen Eisschnellläuferinnen haben in der Teamverfolgung hauchdünn vor Japan Gold gewonnen. Möglich wurde der Triumph durch Anni Friesingers verzweifeltes Kunststück im Halbfinale. Mit einer Freischwimmer-Einlage rettete sie ihre verkorkste Saison.

Aus Vancouver berichtet Susanne Rohlfing


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Eisschnelllauf: Auf dem Bauch ins Finale, auf den Kufen zu Gold
Für einen Moment scheint es, als würde Anni Friesinger-Postma nun doch in Hilflosigkeit stranden. Dabei war Tapferkeit das gewesen, was sie in dieser Saison vor allen anderen ausgezeichnet hatte. Die 33-Jährige hatte trotz dicken Knies, dicken Knöchels und daraus resultierenden Trainingsmangels nicht aufgesteckt. Sie wollte ihre vierte Olympia-Teilnahme, und sie wollte eine weitere Medaille. Doch jetzt schliddert sie bäuchlings übers Eis. Sie windet sich dabei, rudert mit den Armen, zappelt mit den Beinen. Das sieht so ungeschickt aus. So unwürdig für den möglicherweise letzten Olympia-Auftritt einer der ganz Großen ihres Sports.

Tatsächlich, das wird später klar, war dieses unbeholfen wirkende Herumgerobbe auf dem Eis eine sportliche Großtat. Tapferkeit pur. Und nur der erste Akt des dramatischsten deutschen Olympiasiegs dieser Winterspiele in Vancouver. Die schliddernde Friesinger-Postma brachte so einen Fuß vor den Körper und sorgte dafür, dass der Sender am Knöchel die Stoppuhr im Ziel bei allem Unglück doch noch rechtzeitig auslöste. Als das Resultat auf der Anzeigetafel im Olympic Oval aufleuchtete, wich die maßlose Enttäuschung in ihrer Miene einem unendlich erleichterten Strahlen: Im Halbfinale der Teamverfolgung hatte das deutsche Frauen-Trio das der USA doch noch um 23 Hundertstelsekunden geschlagen. Auf allen Vieren rutschend hatte Friesinger ihren knappen Vorsprung auf die dritte Amerikanerin gerettet. Der Weg für die Titelverteidigung war geebnet.

"Da sieht man, was für ein alter Hase die Anni ist", lobte Bundestrainer Markus Eicher. "Andere hätten in diesem Moment sicher nicht daran gedacht, den Fuß nach vorn zu bringen." Noch bevor Friesinger-Postma Eisschnellläuferin wurde, hatte sie im Vorschulalter in Inzell bei Eicher, der damals als Bademeister und Schwimmlehrer arbeitete, das Seepferdchen gemacht. Deshalb scherzt der Coach jetzt: "Gut, dass ich ihr einen so sauberen Beinschlag beigebracht habe." Friesinger war nach dem dramatischen Finale, das sie als Zuschauerin überstehen musste, überglücklich: "Jetzt habe ich dreimal Gold und zweimal Bronze bei Olympischen Spielen, was will ich mehr?"

Vor vier Jahren in Turin mag es für sie noch eine Enttäuschung gewesen sein, zwar mit Teamgold, aber eben auch nur mit Bronze im Einzel (1500 Meter) heimgekehrt zu sein. Nach Bronze 1998 in Nagano (3000 Meter) und Gold 2002 in Salt Lake City (1500 Meter) war ein weiterer Einzelsieg das klare Ziel der Anni Friesinger-Postma gewesen. Diesmal jedoch waren die Ansprüche durch die Verletzungsmisere im Vorfeld stark gesunken. Bundestrainer Eicher hatte ja sogar Zweifel bekundet, ob das Glamourgirl des deutschen Teams überhaupt fit genug für das Mannschaftsrennen sei.

Tatsächlich war sie am Ende des Laufs völlig entkräftet, sie verlor schon vor dem Sturz mehrere Meter auf ihre Teamkolleginnen. So war klar, dass Friesinger im Finale gegen Japan nur zuschauen würde.

Furiose Aufholjagd gegen Japan

Sie machte Platz für Katrin Mattscherodt. Die hatte zuvor das Nachsehen gegenüber Friesinger. Doch was nach außen wie ein Gezerre um den Startplatz aussah, sei intern eine sachliche Diskussion gewesen, betont Mattscherodt. "Ich hatte mich schon vor den 5000 Metern und dann auch im Rennen schlapp gefühlt, deshalb habe ich den Trainern gesagt, dass ich denke, dass die Anni stärker ist und dem Team mehr helfen kann als ich."

Im Finale konnte sie dann Stephanie Beckert und Daniela Anschütz-Thoms deutlich mehr helfen als Friesinger, die platt war, kaputt und ausgelaugt. So hatten dann alle vier ihren Anteil am Gold. Mattscherodt heftete sich im Finale eisern an die Kufen Beckerts und sah zu, dass sie bei wechselnder Führung zwischen Anschütz-Thoms und Beckert nicht den Anschluss verlor. Die Dramatik des Finales verpasste sie dabei: Sie bemerkte weder den zwischenzeitlichen Rückstand von gut 1,7 Sekunden auf Japan, noch die furiose Aufholjagd, die Beckert auf den letzten zwei von ihr angeführten Runden startete.

"Wahnsinnige Willensleistung" von Friesinger-Postma

Für Mattscherodt war das alles viel weniger aufregend als das Zuschauen im Halbfinale. "Da habe ich gedacht, das Ding ist in trockenen Tüchern", erinnert sie sich, "und dann sah ich plötzlich nur noch zwei Läuferinnen und dachte: Wo ist die Anni?" Anni war am Boden.

Später ist sie wieder obenauf. Stolz auf ihre Medaille, in der "ganz viel Geschichte" steckt. "Ich weiß, was sie wegen ihrer Verletzungen alles nicht machen konnte", sagt Eicher. "Da fehlt so viel an Umfängen und Trainingskilometern." Umso bewundernswerter sei, was Friesinger-Postma in ihren zwei Rennen der Teamverfolgung zeigte: "Das war eine wahnsinnige Willensleistung."

Und Eicher ist sich sicher, dass es das noch nicht gewesen ist mit der Eisschnellläuferin Anni Friesinger-Postma. Vielleicht werde sie 2014 bei den nächsten Olympischen Winterspielen nicht mehr dabei sein. Sie wolle ja irgendwann Kinder bekommen, habe sie ihm gesagt, erzählt Eicher. Aber die WM im kommenden Jahr in ihrer Heimatstadt Inzell sei fest eingeplant. "Dort hat alles begonnen", so der Bundestrainer. "Und ich denke nicht, dass Anni in Inzell ohne Titel aufhören will."

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Seite 1
saul7 28.02.2010
1. ++
Zitat von sysopPlatz eins in der Medaillenwertung hat Deutschland an Gastgeber Kanada verloren. Wie bewerten Sie den Auftritt der deutschen Mannschaft bei den XXI. Olympischen Winterspielen? In welchen Disziplinen gab es positive Überraschungen, in welchen enttäuschende Leistungen?
Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist eine Überraschung. Enttäuscht haben die Biathleten und die Friesinger. Die größte Überraschung war Rebensburg und der Mannschaftssieg der Eisschnellläuferinnen gestern Abend.
Wasserrutsche 28.02.2010
2.
Zitat von saul7Das Abschneiden der deutschen Mannschaft ist eine Überraschung. Enttäuscht haben die Biathleten und die Friesinger. Die größte Überraschung war Rebensburg und der Mannschaftssieg der Eisschnellläuferinnen gestern Abend.
Wenn man berücksichtigt, dass die Deutschen im Biathlon und Langlauf meistens unterlegenes Material hatten und dass die Kombinierer zweimal durch den Wind und die Deutschen zweimal durch die Startnummern benachteiligt waren (Biathlon Sprint Herren, Super-G Damen), dann ist die Bilanz wirklich gut. Die Medaillenzahl aus Turin erreicht, dazu viele Plazierungen zwischen 5 und 8. Noch dazu sind wir wohl die ausgeglichenste Wintersportnation. In 10 von 15 Sportarten konnten Medaillen gewonnen werden. Im Snowboard, Short Track und Curling gab es zudem gute Plazierungen. Und auch beide Eishockeyteams gehören immerhin zu den besten 10 bis 12 Teams in der Welt. Das kann keine andere Nation vorweisen, alle anderen haben deutliche Schwachpunkte, in denen sie praktish nicht konkurrenzfähig sind (Norwegen in den Bob- und Rodelwettbewerben, USA und Kanada im Langlauf und Skispringen, beide auch mit Abstrichen im Biathlon, ...). Noch dazu muss man feststellen, dass viele Medaillen auch von jungen Sportlern gewonnen wurden, die noch die ein oder anderen olympischen Spiele vor sich haben: Neuner, Riesch, Loch, Beckert, Geisenberger, Rebensburg, Tscharnke... Allerdings muss man über die Arbeit der deutschen Skitechniker wirklich mal nachdenken. Auch wenn die Bedingungen vor Ort schwierig sind, kann es nicht sein, dass man in allen zehn Biathlonwettbewerben einen unterlegenen Ski präpariert. Nur Magdalena Neuner konnte dieses Handicap annährend kompensieren, ohne sie wäre Biathlon ein Trauerspiel gewesen. Ich hoffe, die Goldmedaillen von Neuner kaschieren das nicht.
Wolfgang Jung 28.02.2010
3. Zufriedenstellend
Mit der Bilanz Deutschlands kann man zufrieden sein. Überraschend für mich war das schwache Abschneiden von Russland, Italien und besonders von Finnland.
das_zweite_Gesicht 28.02.2010
4. Mehr als zufriedenstellend!
Der User "Wasserrutsche" hat ein Fazit gezogen, dass ich voll unterschreiben kann. Da waren schon sehr schöne Leistungen deutscher Athleten zu besichtigen. Interessant scheint mir: Warum ist es im Wintersport fast zu 100% gelungen, das Nachwende-Niveau (92) bis heute zu halten, während bei den Sommerspielen von Olympiade zu Olympiade beträchtliche Einbrüche zu verzeichnen sind? Ein Grund ist sicherlich, dass bei den Sommerspielen neue Nationen dazugekommen sind, aber dies kann nicht alles sein. Irgendwie scheinen mir die deutschen Wintersportverbände besser geführt; auch die Einbindung früherer Weltklasseathleten in Trainer- und Betreuerstäbe scheint hier viel reibungsloser und harmonischer zu erfolgen. Grüße
Grosskotz 28.02.2010
5.
Zitat von Wolfgang JungMit der Bilanz Deutschlands kann man zufrieden sein. Überraschend für mich war das schwache Abschneiden von Russland, Italien und besonders von Finnland.
und der Ski-Weltmacht Österreich! Das wirkt sich negativ auf die Uralauber aus, die nach Österreich kommen sollen. Von den Skiherstellern gar nicht zu reden: Atomic, Kneissl, ...und wie heißen die anderen, die ich schon vergessen habe und die man nicht mehr kauft?
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