IOC-Entscheidung zu Russland Das Sowohl-als-auch-Komitee

Das IOC hat zwar Russland strenge Auflagen erteilt, aber eine wirklich konsequente Reaktion gescheut. Den Bruch mit dem Sportsystem von Wladimir Putin riskiert Thomas Bach nicht.
IOC-Präsident Thomas Bach, Chef der IOC-Untersuchungskommission Samuel Schmid

IOC-Präsident Thomas Bach, Chef der IOC-Untersuchungskommission Samuel Schmid

Foto: Jean-Christophe Bott/ dpa

Auf den ersten Blick hat IOC-Boss Thomas Bach mit der Russland-Entscheidung des Komitees die Argumente auf seiner Seite. Mit dem Beschluss, das russische NOK auszuschließen und den vermeintlichen Drahtzieher, Vizepremier Witalij Mutko, zu sperren, hat man eine gewisse Härte gezeigt, hat damit seiner Empörung über Russlands Dopingsystem Ausdruck verliehen. Parallel dazu gibt das IOC sauberen russischen Sportlern die Chance, bei den Winterspielen in Südkorea anzutreten, eine Entscheidung, geprägt von Empathie für die Athleten, die sich über Jahre intensiv auf diesen Karrierehöhepunkt vorbereitet haben.

Aber genau dieses Sowohl-als-auch ist das Problem. Bach und das IOC bleiben mit ihrer Entscheidung auf bestenfalls halber Strecke stehen. Man gibt den Russland-Kritikern mit der Entscheidung Zucker, gibt sich entsprechend erschüttert über die Dimensionen des Betrugs, aber man hält sich zur gleichen Zeit die Hintertür zum Putin-Regime offen. Wirkliche Konsequenz sieht anders aus.

Wirkliche Konsequenz - das wäre ein Komplettausschluss Russlands von diesen Spielen gewesen. In Russland ist flächendeckend gedopt worden, das ist durch den McLaren-Report bewiesen worden. Die Sperren für russische Athleten in den Vorwochen durch das IOC betrafen Langlauf und Biathlon, Bobfahren und Skeleton. Und das dürfte noch nicht das Ende gewesen sein. Bei den Winterspielen in Sotschi ist die "komplette Sportgemeinschaft beschissen worden", wie es der deutsche Biathlet Erik Lesser so treffend formuliert hat.

Es hätte auch unschuldige Athleten getroffen

Flächendeckendes Doping aber hätte auch eine flächendeckende Reaktion verdient gehabt. Eine solche Reaktion hätte dann auch unschuldige Athleten getroffen, das stimmt, und für diese Sportler wäre es bitter. Aber Sanktionen tun nur dann weh, wenn man sie spürt. Nicht die eigene Hymne zu hören, unter neutraler Flagge aufzulaufen, das schmälert sicherlich den emotionalen olympischen Moment und verletzt womöglich die berühmte russische Seele. Eine echte nachhaltige Bestrafung jedoch ist es nicht.

Flächendeckendes staatlich betriebenes Doping muss auch so genannt werden dürfen. Aber Bach vermied es vor der Presse sorgsam, das Wort "staatlich" in den Mund zu nehmen, er sprach lieber von "systemisch". Ein kleiner sprachlicher Unterschied, politisch sehr bedeutsam.

Letztlich bleibt es eine typische "Ja, aber"-Entscheidung, wie sie so oft von Sportfunktionären getroffen wird. Weitergehender als der windelweiche Beschluss aus dem Vorjahr vor den Sommerspielen in Rio de Janeiro, aber dazu bedarf es auch nicht viel.

Schmerzen wird es den mächtigen Sportfunktionär Mutko, das immerhin. Putins Vizepremier ist nebenbei auch noch der Organisator der Fußball-WM im kommenden Sommer. Fifa-Chef Gianni Infantino hat erst in der Vorwoche demonstrativ den Schulterschluss mit Mutko vollzogen, vor der Presse hat er ihn angekumpelt, ihn als großen Experten gelobt, "von dem man noch viel lernen" könne. Infantino hat bei der Gelegenheit präventiv schon deutlich gemacht, dass die IOC-Entscheidung keinen Einfluss auf die Fifa haben wird.

Mutko, der vom IOC lebenslang Gesperrte, wird vom Fußball-Weltverband hofiert. Was für ein unhaltbarer Zustand. Das zumindest muss man dem IOC also lassen: Es geht anderswo noch schlimmer.

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