Radprofi Pascal Ackermann Warum der beste deutsche Sprinter froh ist, nicht bei der Tour de France mitfahren zu müssen

Pascal Ackermann ist der derzeit beste deutsche Sprinter. Im Interview spricht er über seinen historischen Erfolg beim Giro d'Italia, warum er die Tour nicht mitfährt und die Kunst des Verdrängens.
Pascal Ackermann nach einem Sturz beim Giro

Pascal Ackermann nach einem Sturz beim Giro

Foto: Alessandro di Meo /EPA-EFE/REX


Zur Person

Pascal Ackermann, 25 Jahre alt, zählt zu den größten deutschen Talenten im Radsport. Seit 2017 fährt der gebürtige Pfälzer für das deutsche Team Bora-hansgrohe. Seitdem hat er schon einige Erfolge vorzuweisen: 2018 wurde er deutscher Meister, beim vergangenen Giro d'Italia gewann er das Trikot des besten Sprinters. Kurz vor dem Interview gewann er eine Etappe bei der Slowenien-Rundfahrt.


SPIEGEL ONLINE: Herr Ackermann, der diesjährige Giro d'Italia war Ihre erste Grand Tour. Am Ende holten Sie zwei Etappensiege und das Sprintertrikot - als erster Deutscher in der Geschichte des Giro. Waren Sie selbst von sich überrascht? Oder haben Sie insgeheim mit so einem Erfolg gerechnet?

Ackermann: Naja, auf eine Etappe haben wir geschielt, weil die absolute Weltklasse da war. Alles, was Rang und Namen hat. Von daher kann man seine Ziele auch nicht so hoch ansetzen. Deswegen war ich von meinem zweiten Sieg ziemlich überrascht.

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SPIEGEL ONLINE: Das Sprintertrikot holten Sie auf der 18. Etappe zurück. Im Sprint in Santa Maria di Sala wurden Sie Zweiter und schlugen erst enttäuscht in die Luft. Erst nach dem Rennen wurde Ihnen mitgeteilt, dass Sie das Sprintertrikot wieder vom Franzosen Arnaud Démare übernommen haben. Hatten Sie das gar nicht erwartet?

Ackermann: Doch, wir hatten vorher die Punkte ausgerechnet, das ging hin und her. Wir haben gesagt, eigentlich muss ich gewinnen, damit ich das Trikot zurückholen kann. Ich habe nicht nach hinten geguckt und dachte, Démare sei Dritter geworden. Dann habe ich mich tierisch geärgert, dass ich wegen so einem kleinen Stück das Trikot doch nicht zurückkriege. Wir haben dann erst im Nachhinein gesehen, dass er nicht Dritter sondern Achter geworden ist und wir das Trikot wiederhaben.

SPIEGEL ONLINE: Als Sprinter steht man besonders in der Verantwortung. Das ganze Team fährt 200 Kilometer nur für Sie und am Ende entscheiden wenige Zentimeter darüber, ob Sie ihre Teamkollegen eventuell enttäuschen oder am Ende gemeinsam feiern können. Wie gehen Sie als relativ junger Fahrer mit diesem Druck um?

Ackermann: Für mich ist es immer mehr Motivation, wenn ich sehe, wie das Team arbeitet. Das will ich zurückgeben. Es motiviert mich, wenn ich sehe, dass wir die letzten zehn, fünfzehn Kilometer von vorne fahren. Das macht mich stärker, wenn ich sehe, wie stark das Team ist. Aber Gedanken, dass ich unbedingt gewinnen muss, mache ich mir im Rennen nicht. Das würde mich nur verrückt machen.

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SPIEGEL ONLINE: Der bisherige deutsche Topsprinter Marcel Kittel macht eine Pause, auch André Greipel fährt dem Karriereende entgegen. Vor dem Giro haben Sie gesagt, in ein zwei Jahren sei der Generationenwechsel möglich. Haben Sie den jetzt nicht schon durch den Erfolg beim Giro geschafft?

Ackermann: Ich schreibe die beiden definitiv nicht ab. Man weiß, was sie alles erreicht haben. Von daher glaube ich, dass sie wieder zurückkommen können. Das würde ich mir auch wünschen. Die beiden waren immer meine Idole. Das sind halt die Deutschen, die Touretappen gewonnen haben, während ich vor dem Fernseher saß. Das fände ich cool, wenn es wieder Duelle geben würde zwischen uns.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Teamchef Ralph Denk hat Ihnen für nächstes Jahr das Debüt bei der Tour de France in Aussicht gestellt. Jetzt sind Sie aktuell so gut in Form, sind Sie da nicht ein bisschen sauer, dass es dieses Jahr noch nicht klappt?

Ackermann: Natürlich ist es ein Traum, da zu fahren. Aber der Giro war so hart, dass ich froh bin, nicht schon wieder eine dreiwöchige Rundfahrt zu fahren. Das wäre zu früh. Wir haben vorher die Priorität auf den Giro gelegt. Man kann jetzt nicht einfach umbauen und sagen: Das nehmen wir jetzt auch noch mit.

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Radprofi Pascal Ackermann: Der Mann für die Zielgeraden

Foto: Fabio Ferrari/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Aber für nächstes Jahr ist das ein Ziel?

Ackermann: Auf jeden Fall. Wir haben aber noch nicht über die Planung für das nächste Jahr gesprochen, das wird erst im November gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht denn Ihr weiteres Programm diese Saison aus? Sind Sie bei der dritten Grand Tour des Jahres, der Vuelta a España, dabei?

Ackermann: Nein, bei der Vuelta bin ich nicht am Start. Ich fahre am 30. Juni bei den Deutschen Meisterschaften, dann gehe ich eine Woche in die Sommerpause. Im August geht es mit der Polen-Rundfahrt weiter und dann stehen die Hamburg Cyclassics und die Deutschland-Tour an. Das sind meine Ziele für dieses Jahr. Mit Hamburg habe ich noch eine Rechnung offen. Da will ich auf jeden Fall gewinnen. Da bin ich letztes Jahr im Finale gestürzt.

Ackermann nach seinem Sprint-Sieg auf der fünften Giro-Etappe

Ackermann nach seinem Sprint-Sieg auf der fünften Giro-Etappe

Foto: AFP

SPIEGEL ONLINE: Beim Giro sind sie ebenfalls gestürzt, mit Schürfwunden und zerrissenem Trikot haben Sie sich ins Ziel gequält. Vor einiger Zeit hat sich Chris Froome bei einem Trainingsunfall mehrere Knochen gebrochen. Der irische Profi Dan Martin sagte später, Froome hätte tot sein können. Wie gehen Sie mit so etwas um?

Ackermann: Ich war zu dem Zeitpunkt im Urlaub und habe das gar nicht mitbekommen, weil ich nach dem Giro einfach abgeschaltet habe und nichts vom Radsport wissen wollte. Klar, das Risiko fährt immer mit. Aber genauso gut kann man auch Zuhause von der Treppe abrutschen. Das Risiko ist im Radsport nicht höher als im normalen Arbeitsleben.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Sie mit der Angst um, bei Sprinttempo 70 wenige Zentimeter neben der Streckenabsperrung zu stürzen und sich zu verletzen?

Ackermann: Darüber darf man nicht nachdenken. Da hat man auch gar keine Zeit für. Sobald man denkt: Oh, jetzt könnte es eng werden, bremst man und der Sprint ist verloren.

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